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Heimweh

Heimat-Treue?

Die Ethnologin und Historikerin Sabine Merler vergleicht historische und gegenwärtige Heimatkonzepte.
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 „[…] Heimweh ist ein Schmerz der da den Menschen bis ins Innerste packt und […] fesselt […], vielleicht vergleichbar mit einem Menschen der depressive Erscheinungen hat, der weiß auch net genau w[a]rum er so betrübt ist und sich so äh, eigentlich überflüssig fühlt […].“

Mit dieser Beschreibung versucht Herr K., ein 85-jähriger Optant, im Gespräch seine Sehnsucht nach der Heimat auszudrücken. Heimweh ist schwerlich in Worte zu fassen, doch bereits die Klärung des Begriffs Heimat gestaltet sich vor allem aufgrund der starken emotionalen Komponente und der Vielschichtigkeit der Betrachtungsweisen schwierig.

In meiner Forschung habe ich mich mit der Erinnerung an Heimat im Kontext der Südtiroler Option des Jahres 1939 beschäftigt. Dabei wurden Heimatkonzepte von  Zeitzeug_innen der Option analysiert und die Ergebnisse mit dem Heimatbegriff junger Nord- und Südtiroler_innen in Relation gesetzt, um Brüche oder Kontinuitäten in Bezug auf den Heimatbegriff und die Tradierung desselben von der Großeltern- oder Urgroßeltern-Generation bis heute auszumachen. Basis für die Studie bilden die im Rahmen des Projektes zur Erinnerung an die Südtiroler Option am Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte geführten Interviews mit Zeitzeug_innen, sowie die Befragungen junger Süd- und Nordtiroler Musiker_innen als Teil der Feldforschung zu meiner am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck entstehenden Dissertation „It’s a hard life in the mountains owa nu vü härta ohne se.“ Heimatkonzepte in alpiner Populärmusik.

Insgesamt ließ sich ein romantisch-verklärtes Bild von Heimat ausmachen, welches sich schon weit vor der Machtübernahme des Faschismus herausgebildet hatte, das aber in der Zwischenkriegszeit und zur Zeit der Option, begünstigt durch politische Instrumentalisierung und Ideologisierung, eine besondere Festigung und Prägung erhielt. Besagtes Heimatbild verstärkte sich in der Nachkriegszeit nicht zuletzt durch den Einfluss der Medien, sodass es bis heute weitergetragen wird. Trotz der eigentlichen Vor- und Nachgeschichte lassen sich die Wurzeln dieser Überhöhung in den späten 1930er und den frühen 1940er Jahren verorten. Zu vermerken ist noch, dass dieses Konzept von Heimat in Nord- und Südtirol zwar stark präsent ist, aber nicht immer anstandslos übernommen wird. Es stößt durchaus auch auf Kritik – sei es in Bezug auf das Bild selbst, auf die lokale Politik oder die Mentalität, sowie gesellschaftliche Normen und Praktiken. Wenn das Thema Option in Nord- und Südtirol nach dem Krieg in der Bevölkerung keine wirkliche, breite Aufarbeitung erfahren hat, sodass bis heute nicht frei darüber gesprochen werden kann, so schwingt die Erinnerung daran doch immer im kommunikativen Gedächtnis mit, wie sich am Beispiel des Heimatbegriffs deutlich erkennen lässt.

 

Heimat-Stimmen

Heimat hat ihre Grenzen, physisch gesehen, aber auch in Bezug auf den Begriff als solchen. Auch wenn Erlebtes verarbeitet, vergessen, oder verdrängt werden kann, erfährt doch alles, was mit Heimat in Verbindung gebracht wird, als Teil eines Identitätskonstrukts des Individuums und des Kollektivs speziell durch den Verlust derselben in der Retrospektive eine Überhöhung und Idealisierung.

Es ist nicht einfach festzulegen, wann und wie ein Gefühl von Heimat aufkommt. Den Interviews zufolge entsteht es unabhängig davon, wie lange und wann sich die Person an einem Ort, beziehungsweise in einem Umfeld befunden hat. Dies können frühe Kindheitsjahre, Arbeits- oder Ehejahre sein, oder die Befragten haben selbst niemals an dem Ort gelebt, den sie als ihre Heimat definieren. Vielmehr tragen sie eine Sehnsucht in sich, die sich zum Beispiel von anderen auf sie übertragen hat. Frau H. zog im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie in eine Südtiroler Siedlung in Nordtirol. Dort ist sie bis heute geblieben, dennoch setzt sie alles daran, so oft wie möglich nach Südtirol zu fahren. „I bin a Südtirolerin“, erklärt sie stolz. Ob ihre Geschwister das ebenso sehen, kann sie nicht sagen, für sie würde es sich jedoch nie ändern. Im Gegensatz zu Frau H. wird bei Frau G. ein Auslöser für die tiefe Verbundenheit zu Südtirol deutlich. Als Auftrag oder Erbe ihres verstorbenen Vaters, seinerzeit Begründer des Südtiroler-Verbandes, empfindet sie es, sich ihrer „Landslait“ anzunehmen und sie in ihren Belangen im Ausland zu unterstützen, wie es ihr der Vater auftrug. Somit wird Südtirol zu einer entfernten, aber nichtsdestotrotz präsenten Heimat, derer besonders im Rahmen der Verbandsaktivitäten gedacht werden kann. Wenn auch nicht oft explizit über die alte Heimat gesprochen wird, so geschieht dies doch indirekt durch die Anschauungen und Grundlagen des Verbandes und durch die Verbandszugehörigkeit, aber auch konkret durch das Singen von „Tiroler Liedern“, das Abhalten verschiedener Trachtenveranstaltungen oder das Kartenspielen, wie einige Mitglieder bei einem Sommer-Gartentreffen berichteten und zeigten. Herr L., selbst in zweiter Generation von Optant_innen in Nordtirol geboren, zelebriert Südtirol als seine Heimat, in welcher er nie gelebt hat. „[…] War’s für uns ah immer wemer übern Brenner gfohrn sein, ds wor ei einfoch ein intuitives Gfühl: Iaz fohrmer hoam eini.“ Als Sohn einer Südtiroler Auswanderin als „kluaner Walscher“ bezeichnet, beschließt Herr L., dem schließlich auch entsprechen zu wollen, wie er erzählt. Verstärkt durch den äußerst starken Südtirolbezug der Mutter, zu der er eine tiefe Beziehung hatte, baut er sich ein Sehnsuchtsbild von Heimat, das einerseits der Mutter Ehre trägt und andererseits die Vorhaltungen, die von außen an ihn herangetragen wurden, bestätigt. 

Auch wenn die Definition von Heimat oft ein Anknüpfen an familiäre Wurzeln versucht, so ist sie dennoch nicht immer leicht zu verorten, etwa weil eine Heimat gesucht wird, die gar keine solche (mehr) ist, sondern nur mehr in der Erinnerung existiert, wie Herr G., ein Optant, beschreibt: 
„[Heimat] bedeutet mir sehr viel! Aber in einem vielleicht überhöhten Sinn, denn konkret habe ich keine Heimat. Und im äh übertragenen Sinn sehr viel weil ich bin schon sehr sagen wir eingenommen davon, dass ich ein Kastelruther bin. Nicht wegn de äh, nicht wegen der Musik da drin, de … mog di Zellberg-Buabn vom Zillertol liaber. […]“, fügt er scherzend hinzu, vielleicht um der Aussage etwas an Schwermut zu nehmen. Dies zeigt sich auch bei Frau H., die durch die Option und auf der Suche nach ihrer Mutter immer wieder ihr Zuhause gewechselt hatte. Sie meint, sie habe überall Heimat gefunden, wo sie in ihrem Leben gewesen sei. „[…] bin i menonderkemen wias folsche Geld!“, ergänzt sie lachend, um das Thema abzuschließen und um Atmosphäre etwas zu lockern. 

Die Frage nach Heimat trifft die Interviewpartner_innen an einem sehr persönlichen, verwundbaren Punkt. Wer an Heimat denkt, lässt Vergangenes Revue passieren, erinnert sich an Vertrautes, Angenehmes, an das, was ein „heimeliges Gefühl“ hervorruft, wie es die Musikerin G. im Gespräch in Bezug auf Volksmusik erklärt. Es erinnere sie daran, wie sie diese Lieder zu Hause mit ihren Eltern beziehungsweise Großeltern im Radio gehört habe. Schutz und Geborgenheit sind demzufolge wichtige Elemente, die den Heimat-Sinn prägen. Herrn T., der zuerst noch scheinbar unbekümmert, distanziert und stellenweise lachend über seine Kriegserlebnisse und seinen Wachdienst im KZ berichtet, steigen die Tränen in die Augen, als er von der Ankunft am elterlichen Hof nach vielen Umwegen auf der Rückkehr aus dem Krieg berichtet: „Rührend“ sei der Moment gewesen, als alle vier Geschwister schon heil aus dem Krieg zurückgekehrt waren und er nun als letzter ankam.

Heimat zu finden, aber auch darüber zu reden, ist nicht leicht, manchmal ist es schlichtweg nicht möglich. S., ein Südtiroler Musiker, meint, Heimat sei ein sehr abstrakter Begriff. Er habe unzählige Definitionen von Heimat gehört, dennoch könne er nicht sagen, was Heimat für ihn sei: „[…] I bin mit 25 no net zu einem Punkt kemen wo i dir […] mit voller Ehrlichkeit sogn konn, wos für mi Heimat isch. Hem miaßet i di unliagn. I miaßet mir iaz a Floskl erfindn um dir zu sogn wos Heimat isch, weil i woaßes net.“

Was ist nun der Sinn von Heimat und wie kann der Heimat-Sinn der Einzelnen gedeutet werden? Nach dem Volkskundler Hermann Bausinger ist „Heimat […] ein vages, verschieden besetzbares Symbol für intakte Beziehungen.“ Sie beschreibt seinem Befund zufolge Beziehungen zu Menschen und Dingen, die sich in diversen Formen zeigen können, so zum Beispiel in Landschaft, Tracht, Dialekt oder Lied. Die Bilder, die Heimat in sich vereint, so Bausinger, weisen auf die Identität des Menschen hin, „[…] als Übereinstimmung […] mit sich und seiner Umgebung, Identität als Gegenbegriff zu Entfremdung.“

 

Heimat-Sinn

„Die weißen Spitzen begriaßen di, die Epfl und der Wein, der Duft deiner Heimat erinnert di drun frei zu sein. Long isches her dass du wekgongen bisch, iaz bisch schu wieda do. Olles isch gleich geblieben und des isch richtig so. Huamkemen – a groaßes Wort i will huamkemen, i wor so longe fort, huamkemen, jetzt oder nia, i will huamkemen, huam zu dir.“

So besingt die Südtiroler Band Vino Rosso die Rückkehr in die Heimat in ihrem Lied Huamkemen im Jahr 2013. Darin finden sich einige der typischen Elemente des Heimatbegriffs, wie Landschaft, Essen und Trinken, Gerüche, sowie Freiheit, Vertrautheit und Liebe – offensichtliche Konstanten auch im Heimatbegriff der Jugendlichen. Das Lied fügt sich also ein in die Reihe der bekannten, klassischen Heimatlieder, die einen mit Idealen und Werten versehenen Identifikationsraum umschreiben. Regionale Heimatlieder entstehen unter jeweils unterschiedlichen politischen und sozialhistorischen Umständen und sind somit Ausdruck ihrer Zeit und der jeweiligen Vorstellungen. Heimat zeigt sich als konstruierte Erinnerung an einen konkreten oder symbolischen Ort, in welchen Bedeutungen eingeflochten werden, sodass er selbst Teil eines Identitätskonstrukts wird. Ob und wie lange dieser Ort nun konkret erlebt wurde, ist dabei nebensächlich. Viel relevanter scheint die Prägung durch das soziale Umfeld, welches solche Sehnsuchtsräume herstellt und vermittelt. Wenn das Heimatbild auch individuell eingefärbt ist, so ist es dennoch stark kollektiv geprägt und wirkt generationenübergreifend. 

Erinnerungstraditionen von Dableiber_innen, Optant_innen und Rücksiedler_innen unterscheiden sich ob der jeweiligen Erfahrungen im Kontext der Option und der Zeit danach, in welcher diese Erinnerungen überformt wurden, so die Historikerin Martha Verdorfer. Doch für den Heimatbegriff lässt sich ein einheitliches Grundmuster erkennen, welches sich sowohl durch diese verschiedenen Gruppen zieht, als auch bis in die Gegenwart wirkt. Die Stabilitätsfaktoren für gesellschaftliche Gruppen, welche Erinnerungen und Erzählungen nach Verdorfer bilden, gelten in Bezug auf Heimat für eine größere Gruppe. Das bereits politisch und medial geprägte Sehnsuchtsbild von Heimat erfährt zur Zeit der Option eine zusätzliche Verstärkung: Instrumentalisiert und ideologisiert wird Heimat zu einem Kampfbegriff. Sämtliche Gruppen, ob und wie auch immer sie optiert haben mögen, waren plötzlich in der Situation, Heimat für sich neu definieren, sich entscheiden, Kompromisse treffen zu müssen, sich auf Basis dieser Diskussion mit anderen zusammenzuschließen oder sich zu verfeinden. Nichtsdestotrotz: Der gemeinsame Nenner, der „Assoziationsgenerator“ blieb die Heimat, die eingenommen, verändert, verlassen, verloren oder zurückgelassen wurde. 

 

Heimat-Front

Wenn die Soziologen Gunther Gebhard, Steffen Schröter und der Kulturwissenschaftler Oliver Geisler herausarbeiten, das geschlossene, abgrenzende Heimatbild habe sich seit etwa 1970 mehr und mehr für das Neue, Fremde geöffnet, muss dies für die vorliegende Analyse dementiert werden: Das Heimatbild hat sein Ideal in der Vergangenheit und ist auf die Zukunft ausgerichtet, wie die Wissenschaftler_innen es beschreiben, doch zeigt sich in dieser Studie ein besonderes Verharren auf alten Vorstellungen. Eine Offenheit für Neues ist in Bezug auf den Heimatbegriff nur schwer auszumachen. Hermann Bausinger meint in diesem Zusammenhang: 
„Ein Heimatbegriff, in dem die ausländischen Arbeiter nicht unterzubringen sind, ist unzureichend. […] Dies setzt eine weite und freie, humane Auffassung von Heimat voraus: Heimat als Lebensmöglichkeit und nicht als Herkunftsnachweis, Heimat als Identität und nicht als Verhaftung.“
Ebenso wie der Heimatbegriff zur Zeit der Option für verschiedene Zwecke der politischen Argumentation herhalten musste, so wird er, den gegenwärtigen Umständen angepasst, auch heute noch mit solchen Absichten verwendet, wie sich an einem Textauszug des Liedes Südtirol der Band Frei.wild gut ablesen lässt:

„Südtirol, wir tragen deine Fahne
Denn du bist das schönste Land der Welt
Südtirol, sind stolze Söhne von dir
Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her
Südtirol, deinen Brüdern entrissen
Schreit es hinaus, dass es alle wissen
Südtirol, du bist noch nicht verlor'n
In der Hölle sollen deine Feinde schmorr'n [sic]

Heiß umkämpft war dieses Land ja immer schon
Und ich sags, [sic] ich sags [sic] mit Freude, ich bin dein Sohn 
Edle Schlösser, stolze Burgen und die urigen Städte
Wurden durch die knochenharte Arbeit unser [sic] Väter erbaut 
Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik
An diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist
Darum holt tief Luft und schreit es hinaus
Heimatland wir geben dich niemals auf.“

Wie Verdorfer zu Recht bemerkt, zeigt sich aktuell eine sehr starke, junge, rechte Szene in Südtirol, welche historische Bezüge und Symbole verwendet und diese zusätzlich sehr eigenwillig interpretiert. Auch wenn die Heimatvorstellungen junger Menschen nicht immer dezidiert politisch radikal oder rechtsextrem sind, „wurzeln [sie] aber vielfach unbewusst im selben oder in einem verwandten gedanklichen Nährboden: die Überhöhung des Eigenen, aus dem alles Ungute herausgeputzt wird, um es als Projektion auf ein Feindbild zu werfen, die Abhebung der eigenen guten Welt von einer fremden bedrohlichen Welt.“ Der Heimatbegriff hat seinen kämpferischen Aspekt keineswegs verloren – offensichtlich lässt er sich immer noch sehr gut benutzen, um unterschwellig politische Macht auszuüben. Nicht von ungefähr erfährt er deshalb in Zeiten gesellschaftlicher und sozialer Unsicherheiten, wie wir sie derzeit unter dem unzureichenden Begriff „Globalisierung“ erleben, eine neuerliche Aufwertung und bürgt mit altbekannten Gewissheiten.

 

Heimat-Blick 

Der Heimatblick muss weiter gehen. Südtirol hat drei Sprachgruppen: Welche Bedeutung haben Heimat und Sprache für ladinisch- oder italienischsprachige Südtiroler_innen in Bezug auf die Option und auf heute? In Süd- und Nordtirol leben aus verschiedenen Gründen auch Migrant_innen aus diversen Ländern, alle mit unterschiedlichem soziokulturellen Hintergrund. Wie können sie in einem so begrenzten Begriff von Heimat Platz finden, wenn dieser nicht einmal für die drei Sprachgruppen reicht? Früher wurde der Ausdruck „Walsche“ verwendet, heute die Bezeichnung „Italiener“, weil alles etwas zivilisierter zugeht, meint Frau P. im Gespräch. Allerdings seien es immer noch die gleichen Leute. Frau P. wiederholt oft, die Jungen müssten froh sein, die Optionszeit nicht erlebt zu haben. Wenn es heute die Option gäbe, denkt sie, würden die Leute wohl wieder gleich herumstreiten. Das Feindbild, jene imaginierte Bedrohung der eigenen, heilen Welt von außen, wie sie im Andreas-Hofer-Mythos tradiert wird, so Hans Karl Peterlini, wurde vom ,Italiener‘ und ,Deutschen‘ auf die Kategorie ,Ausländer‘ erweitert. Einzig ein gemeinsamer Dialog und Diskurs über die verschiedenen Heimat-, Fremd- und Selbstbilder kann hier eine Änderung bewirken.

Persönliche Erinnerungen, zusammengesetzt aus vergangenen Begegnungen, Erlebnissen und Gefühlen, verändert durch wiederholtes An- und Abgleichen mit Erzähltem, neu Erlerntem und dem Bemühen, sich selbst im Zuge einer Identitätsverortung in einem möglichst günstigen Licht dastehen zu lassen, bilden die Basis für den individuellen Gehalt der Bezeichnung Heimat. Es ist bemerkenswert, wie sich der Heimatbegriff in dieser Form über Generationen erhalten hat, wie dieses Konstrukt mit durchaus positiven Attributen vermittelt und übertragen wurde. Die Frage nach der Heimat irritiert, weil sie dazu auffordert, einen sehr persönlichen und intimen Teil der eigenen Identität preiszugeben: „‘S sein di uanfochn […] Frogn de extrem schwar sein, ge!“, bemerkt der Musiker S., nachdem er, als die Frage gestellt worden war, eine Zeit lang geschwiegen hatte.
Die Heimatfrage bewegt und wühlt vielleicht längst Vergessenes auf – beinhaltet der Heimatbegriff doch Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit und reibt er sich an Welt- und Kulturoffenheit, Vielsprachigkeit, Transregionalismus und -nationalismus. Die dem Heimatbegriff anhaftenden politischen und ausgrenzenden Aspekte und somit die „Doppelbödigkeit“ des Konzeptes dürfen nicht außer Acht gelassen werden: so sehr Heimat verbindet, so sehr baut ihr Konzept auf Ausschluss dessen, was nicht Teil der Konstruktion des Eigenen ist und somit als bedrohlich und feindlich erscheint. In diesem Sinne möchte ich mit den Worten Hermann Bausingers schließen: „Wer Heimat sagt, begibt sich auch heute noch in die Nähe eines ideologischen Gefälles, und er muss zusehen, dass er nicht abrutscht.“

Der vollständige Beitrag zu dieser Studie erscheint unter dem Titel Heimat: Zur (Un)wandelbarkeit eines Begriffes in: Eva Pfanzelter (Hg.), Option und Erinnerung, Geschichte und Region/storia e regione 2013 (Heft 2).
Weitere Forschungsergebnisse sind auf der Projekthomepage www.optionunderinnerung.org einsehbar.

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Kommentare

Bild des Benutzers Alfons Zanardi
Lesenswerter, wenn auch – durch die Natur der Sache – verwirrender Artikel. Für die von der "Heimat" Entfernten entsteht im Kopf ein eigenständiger Topos, der sich vermutlich zunehmend abkoppelt von seinem Ursprung, Erinnerung hat nur begrenzt mit Realität zu tun. Real "Heimkommen" ist dann meist enttäuschend, weil es nicht mehr stimmt. Man ist besser beraten seinen Bonsai-Garten ohne Abgleich nach aussen zu pflegen: eine gut strukturierte Nostalgie ohne Illusion der Rekonstitution kann eine feine Sache sein. Umso schlimmer trifft es jene, die ihre Heimat nie verlassen haben. Sie müssen kein Traumbild verteidigen und können sich nicht so gut in die Tasche lügen. Sie leben im banalen Jetzt oder sehen z.B. ihre tagtägliche "Heimat" womöglich unwillkommenen Veränderungen ausgesetzt. Sie haben im Vergleich zur Immagination der Exilanten aber viel geringere Einflussmöglichkeiten auf ihre "Heimat". Darin liegt bei entsprechender Geisteshaltung durchaus Konfliktpotential.
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