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Verbrechen

„Er war zurechnungsfähig“

Die Gutachterin der Nebenklägerinnen beim Prozess gegen Benno Neumair geht von keiner Affekthandlung aus. Der Doppelmord sei Folge seiner Persönlichkeitsstörung.
Von
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Anna Luther14.06.2022
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Benno Neumair ist passiv-aggressiv, narzisstisch und antisozial“, erklärt Anna Palleschi, die psychiatrische Gutachterin der Nebenklägerinnen Carla Perselli und Madé Neumair, am 14. Juni vor dem Schwurgericht in Bozen. Laut ihrem Gutachten war Benno Neumair bei der Tötung seiner Eltern Peter Neumair und Laura Perselli am 4. Januar 2021 voll zurechnungsfähig gewesen. Wie heute auch öffentlich wurde, hat er vor ungefähr einem Jahr außerdem im Gefängnis versucht, einen anderen Häftling nach einem Streit zu erwürgen. Welches Urteil das Schwurgericht am Ende des Prozesses über die Zurechnungsfähigkeit Benno Neumairs fällen wird, beeinflusst das Strafmaß wesentlich.
Dem antisozialen Narzissten geht es dabei auch um Macht  - Anna Palleschi
Für Anna Palleschi hat Benno Neumair eine narzisstische antisoziale Persönlichkeitsstörung, diese wurde auch von den Gutachtern der Staatsanwaltschaft und des Schwurgerichts bestätigt. „Dabei zeichnen sich Persönlichkeitsstörungen durch eine Starrheit des Charakters aus. Beispielsweise spart eine normale Person, bis sie genügend Geld dafür hat, sich etwas zu leisten. Eine Person mit einer Persönlichkeitsstörung spart auch dann, wenn sie genügend Geld zur Verfügung hat.“ Diese Starrheit verursache Schwierigkeiten im Leben der Person und eine psychische Fragilität.
 

Sucht nach Macht

 
Im Fall von Benno Neumair geht es um Macht und Bestätigung: „Der einfache Narzisst benutzt andere, um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken. Dem antisozialen Narzissten geht es dabei auch um Macht.“ Regeln seien dabei zweitrangig. „Auch Menschen in der Politik oder Wirtschaft weisen narzisstische Züge auf, ohne dabei straffällig zu werden“, so Palleschi.
Dabei fehle es Benno nicht an Empathie. „Er ist fähig, die Gefühle anderer zu erkennen, aber sie interessieren ihn nicht als solche, sondern nur für seine Zwecke. Benno Neumair ist sehr manipulativ“, sagt die Psychiaterin aus Padova. Das beweise auch sein Verhalten gegenüber seiner ehemaligen Vorgesetzten, der Direktorin einer Mittelschule in Bozen. „Er erzählte, dass seine Exfreundin sich das Leben genommen hat, um mehr Urlaubstage zu erhalten.“ Dabei könne er Gefühle vortäuschen, die andere für echt halten.
 
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Anna Palleschi: „Wer an dieser Art von Narzissmus leidet, sieht es als gerechtfertigt an, einen Mord zu begehen, um Macht und Selbstwertgefühl wiederherzustellen.“ (Foto: salto.bz)
 
Einen weiteren Beweis für seine narzisstische antisoziale Persönlichkeitsstörung sei sein Verhalten am Tag der Tat, dem 4. Januar 2021. „Benno Neumair ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, nachdem er seine Eltern getötet hat.“ Laut rekonstruiertem Tathergang soll er die Leichen in den Kofferraum des Autos gepackt, anschließend mit dem Nachbarn geplaudert und die toten Körper dann in die Etsch geworfen haben. „Danach verbrachte er einen ruhigen Abend mit seiner Freundin Martina. Das liegt daran, dass Benno keine Angst spürte und glaubte, ein perfektes Verbrechen begehen zu können.“
Keiner der Nachbarn hat diesen Streit gehört - Anna Palleschi

Auslöser der Tat

 
Das Gutachten der Nebenklägerinnen macht damit Benno Neumair für seine Tat in vollem Umfang verantwortlich, während das Gutachten des Schwurgerichts bei dem Mord an seinem Vater Peter nur eine teilweise Zurechnungsfähigkeit feststellte. Das Gutachten der Verteidigung Bennos hingegen geht davon aus, dass er während der gesamten Tat nicht oder nur teilweise zurechnungsfähig war.
Während ihrer Anhörung kritisiert Anna Palleschi vor allem das Gutachten des Schwurgerichts: Dieses stütze sich auf die Aussage Bennos, dass es vor der Tat einen Streit mit dem Vater gegeben habe. Der Auslöser für den Doppelmord soll laut dem Psychiater und Gutachter des Schwurgerichts, Eraldo Mancioppi, dieser Konflikt mit dem Vater gewesen sein: „Der Tag war für die Familie sehr emotional, da die Großmutter aus dem Krankenhaus entlassen wurde, es einen Konflikt wegen der Pflege des Hundes gegeben hat und Benno Neumair mit seinem Vater wegen Geld stritt“, sagte Mancioppi Anfang Mai vor Gericht.
 
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Die Angehörigen der getöteten Eltern mit der Anwaltschaft: Sie verfolgen aufmerksam den Verlauf des Strafverfahrens gegen Benno Neumair. (Foto: salto.bz)
 
Diese Einschätzung teilt Palleschi nicht und bezweifelt, dass es überhaupt einen solchen Streit gegeben hat. „Keiner der Nachbarn hat diesen Streit gehört“, sagt sie vor dem Schwurgericht. Auch wenn es menschlich sei, bei einer solchen Tat dem Täter die Zurechnungsfähigkeit absprechen zu wollen, sei Benno Neumair bei seiner Tat einsichts- und willensfähig gewesen.
„Wer an dieser Art von Narzissmus leidet, sieht es als gerechtfertigt an, einen Mord zu begehen, um Macht und Selbstwertgefühl wiederherzustellen“, erklärt Anna Palleschi. Außerdem geht sie davon aus, dass Benno seine Wut kontrollieren kann – aber nicht immer will. „Das zeigt sich auch darin, dass er sich beruhigt, sobald Polizeikräfte einschreiten. Jemand, der eine psychotische Störung hat, kann sich nicht in kurzer Zeit einfach so beruhigen.“
Deshalb geht die Psychiaterin davon aus, dass Benno beim Mord an seinem Vater nicht im Affekt gehandelt hat. „Es hat mindestens drei Minuten gedauert, bis sein Tod eingetreten ist. Das ist eine sehr lange Zeit.“
Der nächste Verhandlungstermin ist am 6. Juli, dort wird ein Freund von Benno angehört. Dieser hat bei einem Video Regie geführt, das im Haus der Wohnung der Eltern gedreht wurde. Das Brisante: In dem Video geht es um einen fiktiven Mord an einem Vater. 
 

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