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(c) Frieda Penn
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Interview

Werft euer Leben in die Waagschale

Vor 20 Jahren kam der südtiroler Missionar Luis Lintner in Brasilien ums Leben. Salto.bz hat zwei seiner Weggefährten gebeten sich zu erinnern.
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Artikel von Jenny Cazzola

 

Wer war eigentlich Luis Lintner, der Mann, nach dem das Haus der Solidarität in Brixen benannt ist? 1940 auf einem Bergbauernhof in Aldein geboren, studierte er Theologie und wurde 1966 zum Priester geweiht. Danach war er vor allem als Jugendseelsorger und in der Erwachsenenbildung tätig, bevor er 1980 nach Brasilien ging. Zehn Jahr lang wirkte er im Landesinnern von Bahia in einer Pfarrei, die halb so groß ist wie ganz Südtirol und in der vor allem kleinbäuerliche Familien in weit zerstreuten Gehöften in einfachen bis ärmlichen Verhältnissen leben, oft den Repressalien von Großgrundbesitzern ausgesetzt. 1990 zog er nach Salvador da Bahia, die drittgrößte Stadt Brasiliens. Dort lebte er mit den ärmsten der Armen zusammen und versuchte vor allem Jugendlichen einen Ausweg aus der Bandenkriminalität zu zeigen und die Situation der Frauen in den Elendsvierteln zu verbessern. Man vermutet, dass er deswegen am 16. Mai 2002 in Cajazeiras, einer Favela von Salvador de Bahia erschossen wurde. Doch Luis Lintners Werk und die Erinnerung an ihn lebt bis heute weiter.

So findet im Rahmen des Zugluftfestes am 29. Mai ein Gedenkgottesdienst für Luis Lintner statt. Salto.bz hat im Rahmen der Vorbereitungen zwei langjährige Weggefährten von ihm getroffen. Karl Leiter ist Gründungsmitglied und langjähriger Mitarbeiter der OEW und des Hauses der Solidarität Luis Lintner. Der Servitenpater und Theologe Martin M. Lintner hingegen ist sein Neffe. Beide erinnern sich noch gut an Luis Lintner.

 

Salto.bz: Sehr geehrter Herr Leiter, sehr geehrter Herr Lintner, danke für das Interview. Erste Frage: Wer war Luis Lintner?

Karl Leiter: Ich habe Luis Mitte der 1980er Jahre kennengelernt. Damals hat er schon in Brasilien gearbeitet. Er ist mit einem Anliegen an den Weltladen Brixen herangetreten. Viele Frauen in der Gegend, in der er wirkte, produzierten Baumwollstoffe. Allerdings zu viel zu niedrigen Preisen. Luis wollte diesen Frauen helfen und er hat gefragt, ob wir diese Stoffe hier in Brixen verkaufen würden, um so ein Einkommen für diese Frauen zu generieren. Das war kein leichtes Unterfangen. Es war mit viel Bürokratie verbunden. Aber Luis blieb sehr hartnäckig und hat nicht aufgegeben.

Martin M. Lintner: Oh ja, daran erinnere ich mich. Meine Mutter, die Schwägerin von Luis, war in das Projekt eingebunden. Sie hat Webstühle für die Frauen in Brasilien organisiert. Für uns Kinder – ich war 8 Jahre alt, als Luis nach Brasilien ging – war das spannend und aufregend. Ich erinnere mich, wie der Transport der Stoffballen nach Südtirol mit Schwierigkeit verbunden war, wegen des Zolls zum Beispiel. Ansonsten war Luis aber auch einfach mein Onkel. Wir Kinder mochten ihn sehr gerne. Er ging mit uns wandern, wenn er auf Heimaturlaub in Südtirol war, und nahm uns mit in die Berge. Das war schön.

Salto.bz: Was war das Besondere an Luis Lintner?

Martin M. Lintner: Diese Einfachheit, von der ich gerade erzählt habe. Ich habe aber auch als Gläubiger und Priester viel von ihm gelernt, vor allem, was es heißt, das Evangelium zu leben. Er war kein europäischer Missionar „vom alten Schlag“, der in ein anderes Land geht und meint, alles besser zu wissen. Er war radikal in seiner Einfachheit und in seinem Gottvertrauen. Kompromisse oder Halbherzigkeit waren nicht sein Ding. Er ging nach Brasilien und wurde dort Teil der Gemeinschaften, wo er gewirkt hat, hat mit den Menschen gelebt als einer von ihnen.

Karl Leiter: Luis war eine sehr spirituelle Person. Und er hatte ein Talent dafür Leute, um sich zu scharen, er hatte viele Freunde. Er suchte immer neue Herausforderungen, wie eben in Brasilien. Dabei hat er sich aber immer auch vorbereitet, er ging nie kopflos an die Dinge heran. Die Realität, die er dort getroffen hat, war dann ganz anders als er sie sich vorgestellt hat. Er hat diese Schwierigkeiten trotzdem gemeistert.

Salto.bz: Woran erinnern Sie sich am meisten von ihm?

Karl Leiter: An seinen kohärenten Lebensstil. Wenn er auf Heimatbesuch war, hat er die Dinge, die in Brasilien passieren, nicht vergessen. Er hat auch hier versucht Diskussionen anzustoßen, wie man den Leuten helfen und die Ressourcen zwischen den Ländern des Nordens und den Ländern des Südens gerechter verteilen könnte. Er fand aber nur wenig Gehör. Er hat uns auch mit schwierigen Themen konfrontiert. Einer seiner Brüder arbeitete damals bei einer Bank, lebte also in einer ganz anderen Realität als Luis, einer Realität, in der es darum geht, Geld zu vermehren und nicht besser zu verteilen. Er meinte, dass Luis ihn manchmal überfordern würde, weil sie sich gegenseitig nicht verstehen würden.

Martin M. Lintner: Luis konnte gut zuhören. Er hat sein Gegenüber wahrgenommen und angenommen, ohne zu urteilen. Oft habe ich ihn als sehr nachdenklich erlebt. Und deshalb auch manchmal sehr still. Überhaupt war er kein Mensch der vielen Worte. Wenn er in Brasilien war, vermisste er Südtirol, und wenn er auf Heimaturlaub war, dachte er an die Zustände in Brasilien, besonders an die Diskrepanz zwischen arm und reich, Nord und Süd.

Salto.bz: Inwiefern lebt sein Werk heute noch weiter?

Martin M. Lintner: In Tabocas, seiner ersten Pfarre, ist eine Landwirtschaftsschule nach Luis benannt, in der sein Werk und sein sozialer Einsatz, den Bauern durch Bildung aus der Armut zu helfen, weitergeführt wird. Auch die Casa do Sol in Salvador da Bahia, ein Sozialzentrum mit vielen kulturellen, didaktischen und religiösen Initiativen für die Kinder, Jugendlichen und Frauen in den Elendsvierteln, zielt darauf ab. Sie will zum Beispiel junge Menschen ausbilden und sie so vor der Bandenkriminalität schützen, die dort grassiert.

Karl Leiter: In Brixen ist das Haus der Solidarität, das kurz nach seinem Tod eröffnet wurde, nach ihm benannt und das wird auch gerne betont. Hier versuchen wir seine Offenheit und seinen Einsatz für die Ausgegrenzten weiterzuleben. Für Luis stand das Ziel über allem, und das ist, denke ich, heute noch sehr wertvoll.

Salto.bz: Reden wir über den Tod von Luis Lintner. Die Umstände des Mordes wurden ja nie ganz aufgeklärt.

Martin M. Lintner: Der Tathergang selbst konnte nachkonstruiert werden. Der Mörder, also derjenige, der geschossen hat, wurde gefasst und verurteilt. Nur die Hintermänner, die den Mord in Auftrag gegeben haben, die kennt man nicht. Es gab damals einen Zeugen, doch der wurde später auch ermordet, weil er sich bereit erklärt hatte, vor Gericht auszusagen. Daraufhin wollte die lokale Bevölkerung nicht, dass weiter ermittelt wird, um zu verhindern, dass noch mehr Menschen ihr Leben verlieren müssen. Mit großer Wahrscheinlichkeit steht der Mord in Zusammenhang mit der Ermordung von zwei Straßenkindern zwei Wochen zuvor. Um einen dieser Jugendlichen hatte sich Luis sehr bemüht und er hatte diese Tat zur Anzeige gebracht und trotz Drängens der Polizei die Anzeige nicht zurückgezogen. Ich denke, dass Luis sich der Gefahr, der er sich mit seiner Arbeit aussetzte, bewusst war. Er wurde einmal gefragt, warum er manchmal noch spät nachts unterwegs war, obwohl es nicht sicher war, und warum er in den Favelas unterwegs war und nicht einfach in der Pfarrei blieb. „Ich lebe mit diesen Menschen“ hat er geantwortet, „und deshalb bin ich auch den Gefahren von Gewalt ausgesetzt, denen sie tagtäglich und Nacht für Nacht ausgesetzt sind.“ Auch das zeigt, wie radikal er sein Leben gelebt hat.

Salto.bz: Es wird ein Gedenkgottesdienst für Luis Lintner stattfinden. Was erwarten Sie sich davon?

Karl Leiter: Genau, am letzten Sonntag im Mai um 10 Uhr wird während des Zugluftfests der Gedenkgottesdienst, in einem Zelt vor dem Haus der Solidarität stattfinden. Luis hatte viele Freunde und wir wollen uns gemeinsam erinnern, wer er war und uns fragen „Welchen Auftrag hat er uns zurückgelassen?“

Martin M. Lintner: Ein Gottesdienst ist eine Hoffnungsquelle und gerade in Zeiten wie diesen, mit der Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine, finde ich es wichtig, nicht zu resignieren. Und das hätte wahrscheinlich auch Luis so gesehen.

Salto.bz: Sie sprechen die aktuellen Probleme schon an. Wie würde Luis Lintner über die heutige Zeit denken?

Martin M. Lintner: Er wäre wohl entsetzt und enttäuscht über viele gegenwärtigen Entwicklungen. Er hatte große Hoffnungen, dass es mehr Gerechtigkeit auf der Welt und weniger Gewalt geben würde, aber diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die globalen Entwicklungen geben derzeit mehr Anlass zu Sorge als zu Hoffnung. Die weltweite Ungerechtigkeit wächst, das Gefälle zwischen arm und reich, das große Problem der Erderwärmung. Und in Cajazeiras eskaliert gerade in diesen Tagen wieder erneut der Konflikt zwischen Drogenbanden und der Polizei, täglich gibt es Opfer und Tote.

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Martin M. Lintner und Karl Leiter vor dem Haus der Solidarität in Brixen © privat

Salto.bz: Auch die Missionsarbeit wird heutzutage eher kritisch gesehen. Sie sagen selbst, dass Luis Lintner kein Missionar war, der alles besser wusste.

Martin M. Lintner: Das kirchliche Missionsverständnis hat sich in den letzten 40-50 Jahren stark gewandelt. Mission ist nicht lediglich Glaubensunterweisung und Feier der Sakramente, sondern auch Entwicklungsarbeit und ganzheitliche menschliche Entfaltung. Luis hatte bereits dieses veränderte Missionsverständnis. Seine Mission war der konkrete Einsatz für die Geringsten und für Gerechtigkeit. Er war geprägt von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, auch wenn diese damals vom Vatikan noch nicht akzeptiert war.

Salto.bz: Was ist denn die Befreiungstheologie?

Martin M. Lintner: Es handelt sich um theologische Bewegungen, die in den 70er und 80er Jahren in Lateinamerika als Reaktion auf die soziale Ungerechtigkeit entfaltet wurden. Theologie, so sagt man, müsse sich niederschlagen im Einsatz dafür, dass sich die sozialen und politischen Verhältnisse ändern. Es ging vor allem auch darum, die Ärmsten zu befähigen, sich selbst zu helfen und sich gemeinsam für Gerechtigkeit einzusetzen und auf diese Weise das Evangelium gemeinsam zu leben. Deshalb steht auch keine hochgestellte Figur wie ein Bischof oder ein Priester im Zentrum, sondern das Volk. Es werden Basisgruppen gebildet, in denen man das Evangelium gelesen, diskutiert und gemeinsam gelebt hat. So wie Luis das gemacht hat.

Salto.bz: Herr Lintner, Sie haben gemeinsam mit anderen ein Buch über Ihren Onkel geschrieben. Darin bezeichnen Sie ihn als „Mystiker, Kämpfer, Märtyrer“. Ich denke über den Kämpfer haben wir hinreichend gesprochen. Aber was ist mit den anderen zwei gemeint?

Martin M. Lintner: Mit Mystiker ist seine Innerlichkeit, seine tiefe Religiosität und zugleich seine geerdete Spiritualität gemeint.

Karl Leiter: Da möchte ich kurz einhaken. Luis war einer, der lange nachgedacht hat, bevor er eine Position ergriff. Auch während einer Diskussion hat er sich nicht drängen lassen. Das finde ich auch heute noch sehr wichtig und bemerkenswert. Denn gerade heute, mit den sozialen Medien und so, wird man ja schnell dazu gedrängt, Position zu beziehen und sich zu äußern.

Martin M. Lintner: Märtyrer heißt im Griechischen „Glaubenszeuge“ und spielt auf seinen gewaltsamen Tod an, aber auch darauf, dass er das Evangelium glaubwürdig und authentisch gelebt hat.

Salto.bz: Auch das Priesteramt steckt heute in einer Krise. Wie sehen Sie als Priester und Theologe das, Herr Lintner, und wie hätte das Ihr Onkel gesehen?

Martin M. Lintner: Für Luis war der Unterschied zwischen Priestern und Laien nicht wichtig. Die pfarrlichen Aufgaben, auch die Katechese und die liturgischen Dienste hat er unter allen aufgeteilt. Ich denke, er würde sich heute für die Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern aussprechen.

Karl Leiter: Das ist auch ein Grund, wieso sein Werk bis heute fortgeführt wird. Luis hatte viele Nachfolger, auch die Casa do Sol wird von Laien betrieben. Luis war immer Teil einer Gemeinschaft, eines Ganzen, deswegen ging sein Werk weiter.

Salto.bz: Was kann jeder, jede, von uns tun, um das Werk von Luis Lintner weiterzuführen?

Karl Leiter: Ich denke, viele junge Menschen lesen vielleicht gerade zum ersten Mal auf Salto etwas über Luis. Denen würde ich ans Herz legen, sich mit der Person Luis Lintner auseinanderzusetzen, sich zu fragen „Spricht mich das an?“ Und wenn ja „Was kann ich tun?“

Salto.bz: Was war Solidarität für ihn?

Martin M. Lintner: In einem seiner ersten Briefe aus Brasilien an meine Eltern hat Luis einen sehr schönen Satz geschrieben. „Sagt euren Kindern: Das Leben ist dann am schönsten, wenn man es für die anderen in die Waagschale wirft.“ Das hat er getan. Er hat sein Leben konsequent und immer wieder in die Waagschale geworfen für die Menschen, bei denen er lebte, wurde selbst arm und hat mit den Armen gelebt. Er hat nicht nur versucht, die Dinge zu ändern, sondern auch Menschen dafür sensibilisiert. Er hat ein Netzwerk aufgebaut zwischen Menschen in Brasilien und in Südtirol. Für ihn waren Hilfe und Solidarität mehr als nur Geldflüsse von hier nach Brasilien. Er wollte Gemeinschaft stiften. Ein Beispiel: Die finanzielle Absicherung der Arbeit für die Kinder in der Casa do Sol hat er über sogenannte Fernadoptionen organisiert. Meine Familie hat dann auch mitgemacht und die Fernadoption für ein Mädchen übernommen. Luis hat uns dann geschrieben. „Ihr habt jetzt ein Geschwisterchen in Brasilien.“ Für ihn war dieses Kind Mitglied unserer Familie geworden. Für ihn war das mehr als eine finanzielle Unterstützung.

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