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Under fire

Italienisches Sommergemälde

Italien brennt. So als müsste das Land jeden Sommer beweisen, dass sich nichts ändert.
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Urlaubern bot sich in Neapel vergangene Woche ein willkommenes Fotomotiv: über dem Vesuv erhob sich eine gigantische Rauchwolke. Dass die nicht aus dem Krater des Vulkans stammte, sondern von einem ausgedehnten Waldbrand an dessen Hängen verursacht wurde,  tat der Begeisterung der Touristen keinen Abbruch.  Italien brennt - wie jeden Sommer - aber weit dramatischer als in den Jahren zuvor. Und mit der Begleiterscheinung von 8000 Migranten an einem Wochenende.

In nur einem Monat sind den Flammen 26.000 Hektar Wald zum Opfer gefallen - 93 Prozent der Fläche des gesamten Vorjahres. Die Regierung reagiert effizient wie stets: die Strafen für die Brandstifter sollen verschärft werden. Dass nur ein minimaler Bruchteil der Zündler gefasst wird, scheint Nebensache.  Dass von 16 Löschhubschraubern der Feuerwehr aus bürokratischen Gründen nur drei einsatzbereit sind, gehört ebenfalls zur Routine.

Die sattsam bekannten Auswüche der italienischen Bürokratie bereiten auch den Bewohnern der Erdbebengebiete schlaflose Nächte. Nur in 32 zerstörten Häusern hat der Wiederaufbau begonnen. Der Bürgermeister von Visso  ist aus Protest zurückgetreten:  "Non si capisce niente. Ogni 15 giorni c'è un'ordinanza diversa."  Sein Kollege in Ussita erhielt einen Ermittlungsbescheid, weil er Wohnwagen auf einer Fläche aufgestellt hatte, die als "area vincolata" gilt. In Latium wurde gerade mal ein knappes Zehntel der Trümmer beseitigt.

 

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In einer Bildgalerie bringt die Online-Zeitung "Il Post" mehr Sommergemälde vor dem rauchenden Vesuv. 

Was der heiße Sommer hingegen in keiner Weise beeinträchtigen kann, ist das Dauergezänk der Politik. Fraglich, ob Regierungschef Claudio Gentiloni ihn unbeschadet überstehen kann. Die Unsitte, umstrittene Gesetzesdekrete wie die Bankenrettung im Veneto oder das Jus soli mit Vertrauensabstimmungen durchzudrücken, könnte im Senat bei schwindender Mehrheit durchaus schiefgehen. Der langjährige PD-Chef Pier Luigi Bersani hat dem Premier bereits die Rute ins Fenster gestellt, weil sein Kurs zu rechtslastig sei. Bersani und sein Vorgänger Massimo D'Alema haben die Absicht bekundet, für die neue Linkspartei Insieme zu kandidieren. Beide haben schließlich nur ein halbes Jahrhundert Politik hinter sich. Bersani :"Ci vuole un nuovo Sessantotto". Offenkundig überstehen nicht alle die andauernde Hitzewelle unbeschadet.

Nicht gerade beruhigend wirkt zu Ferienbeginn auch die Nachricht, dass auf Italiens Straßen vier Millionen unversicherte Fahrzeuge verkehren. Die Zahl, "in progressivo e preoccupante innalzamento", nähert sich der Zehn-Prozent-Marke mit Spitzen bis zu 14 Prozent im Süden. Ein Pfarrer in Apulien, der von der Straßenpolizei angehalten wurde, gestand sofort sein Vergehen. Dagegen wurde in der Provinz Nuoro ein unversicherter Leichenwagen von der Polizei zum Friedhof eskortiert, damit die Beerdigung ordnungsgemäss stattfinden konnte. Unter dem Motto: der Staat  demonstriert gewohnte Ineffizienz, aber er zeigt dabei sein menschliches Gesicht.

Auch der allgegenwärtige PD-Chef Matteo Renzi ruht natürlich im heißen Sommer nicht. Soeben hat er ein neues Buch vorgestellt. Titel: Avanti. Zu deutsch: alles wie gehabt.

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Kommentare

Bild des Benutzers Martin B.

oder "Schlimmer geht immer!"

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