Florian Coppenrath
Danil Usmanov
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Kirgistan setzt auf private Spenden

Die Hälfte der Bevölkerung Kirgistans ist unter 25, gesundheitlich vom Virus also weniger betroffen. Dafür leidet die Wirtschaft – Mittel für Sozialpakete gibt es nicht.
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Wie (er-)leben Menschen anderswo die Corona-Krisensituation? Wir haben nachgefragt. Heute: Florian Coppenrath, 28. Der Deutsch-Franzose promoviert an der Humboldt-Universität über Rap-Musik in Kirgistan und ist seit dem Sommer 2019 für seine Feldforschung in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Er ist auch Mitbegründer des Online-Magazins Novastan.org, das auf deutsch und auf französisch über Zentralasien berichtet. 

Florian Coppenrath
Florian Coppenrath in Bishkek, Kirgistan: "Der Notstand wurde bis zum Ende des Monats verlängert. Für viele Familien, denen ohnehin kaum noch Geld für Lebensmittel übrigbleibt, ist das nicht eine gute Nachricht" (Foto: Danil Usmanov)

 

Am Anfang fühlte es sich an, wie eine Belagerung. Das Coronavirus wütete schon länger durch Europa, aber in Kirgistan gab es noch keinen bestätigten Fall. Und dennoch war das Virus da: in Gesprächen, Gerüchten und als eine abstrakte Bedrohung, die sich schon seit Ende Januar durch Temperaturchecks an der kirgisischen Grenze, Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikoländern, bis hin zu Einreiseverboten materialisierte. 

Gerüchte gab es viele zu der Zeit, denn es schien doch kurios, dass das Land von der Pandemie erspart blieb. Der Staat und die Politik genießen nur relativ wenig Vertrauen in der Bevölkerung, daher meinten einige, es gebe schon längst Fälle, die einfach verheimlicht wurden („Habt ihr gehört, in dem und dem Krankenhaus gab es verdächtige Fälle von Pneumonie!?“). Einer anderen Theorie zufolge hätten schon alle die Krankheit Ende vergangenen Jahres durchgemacht, als eine „seltsame“ Grippewelle durch Bischkek, die Hauptstadt von Kirgistan, ging. Die Aussage des naturreligiösen Predigers Arstan Alai, er habe das Virus auf die Erde gesandt und es werde Kirgistan nicht treffen, machte auch die Runde, wie ein ulkiger, aber dennoch beruhigender Running-Gag. 

Die Aussage des naturreligiösen Predigers Arstan Alai, er habe das Virus auf die Erde gesandt und es werde Kirgistan nicht treffen, machte auch die Runde, wie ein ulkiger, aber dennoch beruhigender Running-Gag. 

Als dann am 18. März tatsächlich die ersten Fälle von Coronavirus in Kirgistan gemeldet wurden, war natürlich niemand überrascht. Ein paar Tage zuvor war die Epidemie bereits in den Nachbarländern Kasachstan und Usbekistan ausgebrochen, die sehr viele Verbindungen nach Kirgistan haben. Die ersten Fälle kamen jedoch aus Saudi-Arabien: Eine Gruppe Pilger war am 12. März aus Mekka zurückgekehrt. Die Pilger unterlagen lediglich einer 14-tägigen Quarantänepflicht, und es war schwer zu überprüfen, inwiefern sie sie eingehalten hatten. Daraufhin begann das Katz-und-Maus Spiel zur Verfolgung der Verbreitung des Virus.     

 

Am Rand von Bischkek
Am Rand von Bischkek: Im Bezirk nr. 12 der kirgisischen Hauptstadt wären normalerweise mehr Menschen unterwegs. (von Florian Coppenrath)

 

Am 24. März stieg die Zahl der Infektionen erstmals um über 20 Fälle an einem Tag, woraufhin der Notstand ausgerufen wurde. Ähnlich wie in Italien und in Frankreich dürfen einfache Einwohner ihre Wohnung nur noch aus medizinischen Gründen verlassen, oder um Lebensmittel einzukaufen. Dabei sollten sie immer ihre Dokumente bei sich führen, wie auch eine Wegbeschreibung mit Wohnort, Zieladresse und Uhrzeit, zu der das Haus verlassen wurde. Nachts gilt ein generelles Ausgehverbot. An allen Zufahrtsstraßen und größeren Kreuzungen wurden Kontrollposten aufgestellt und der öffentliche Verkehr komplett eingestellt. Diese Eindämmungsmaßnahmen werden zwar nicht von allen eingehalten und bringen auch viele administrative Probleme mit sich, aber zumindest nach offiziellen Zahlen scheinen sie knapp einen Monat später ihre Früchte zu tragen: Die Anzahl der Infektionen wächst nur mäßig und liegt etwa bei 500, während sie in Usbekistan und Kasachstan bereits weit über 1000 liegt. 

Vor ein Paar Tagen wurde der Notstand bis zum Ende des Monats verlängert. Für viele Familien, denen ohnehin kaum noch Geld für Lebensmittel übrigbleibt, ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht, denn Kirgistan hat nicht die Mittel, um die wirtschaftlichen Effekte der Quarantäne auf die ärmeren Teile der Bevölkerung mit Sozialpaketen zu reduzieren. Die Behörden setzen vor allem auf private Spenden und Initiativen, die zum Beispiel Essenskörbe an notdürftige Familien verteilen. Auf sozialen Spendenkonten einzelner Behörden sind aktuell etwas zwei Millionen Euro eingegangen.

Kirgistan hat nicht die Mittel, um die wirtschaftlichen Effekte der Quarantäne auf die ärmeren Teile der Bevölkerung mit Sozialpaketen zu reduzieren. Die Behörden setzen vor allem auf private Spenden

Generell arbeitet Kirgistan im Kampf gegen die Epidemie mit sehr begrenzten Mitteln. Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion ist das Gesundheitswesen unterfinanziert und führt daher zu einer relativ hohen Ansteckungsrate (mehr als 20 Prozent) bei medizinischem Personal. Auch die Wirtschaft wird empfindlich getroffen. Mit den Rückzahlungen von Migranten aus Russland und dem Tourismus werden zwei der wichtigsten Einnahmequellen des Landes ausfallen. Die Bevölkerung in Kirgistan ist sehr jung, etwa die Hälfte ist unter 25. Neben gesundheitlichen Problemen birgt die Epidemie also mittelfristig vor allem sozio-ökonomische Risiken.

Es gibt viele Ineffizienzen und Probleme in der Art und Weise, wie der Notstand gehandhabt wird. Fast jeden Tag gibt es Nachrichten von willkürlichen Kontrollposten, von Ärzten, die zu Fuß zur Arbeit müssen oder von gespendeter Schutzausrüstung, die in privaten Händen endet. Es zeigen sich auch autoritäre Neigungen, wenn zum Beispiel der Sicherheitsdienst Menschen für die Verbreitung von „falschen Nachrichten“ verfolgt. 

Von anderer Seite betrachtet schafft das Land aber ziemlich viel mit den Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen. So arbeitet zum Beispiel eine Gruppe von IT-Spezialisten größtenteils ehrenamtlich an der Erarbeitung von flexiblen und effektiven Online-Ressourcen, um den Krisenstab zu unterstützen. Neben zahlreichen sehr aktiven Infokanälen haben diese zum Beispiel auch mit „hidoctor“ eine Plattform erarbeitet, wo man erste medizinische Beratung einholen kann, ehe man sich an die medizinischen Behörden wendet. Auch an vielen andere staatlichen oder nicht-staatlichen Stellen arbeiten viele mit Engagement und gutem Gewissen an der lokalen Meisterung dieser weltweiten Krise. Sollte der aktuelle Entwicklungstrend der Epidemie weiter halten, so wird Kirgistan womöglich – und hoffentlich – hinterher als eine Erfolgsgeschichte gelten.  

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