Reider, Klaus
Privat
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Nachruf

Schlichter und Denker

Florian Kronbichler zum Tod des Gewerkschafters Klaus Reider.
Kolumne von
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Florian Kronbichler19.10.2022
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„Wenn die Seele und das Herz die Last nicht mehr ertragen, nimmt sie die Lunge zur Hälfte auf sich, damit das Gewicht wenigstens gleichmäßig verteilt ist.“ Franz Kafka hat das in einem Brief an die Freundin Milena Jesenská über sich geschrieben. Der große Schriftsteller war selber jahrelang lungenkrank, und dieselbe Freundin schrieb nach Kafkas frühem Tod (1924, 41jährig), „obwohl er die Krankheit behandeln ließ, hat er sie doch wissentlich genährt und gedanklich gefördert“.
 
Beides, Kafkas schwarzer Humor und Milenas Spätdiagnose, lesen sich 100 Jahre danach, als seien sie für Klaus Reider geschrieben. Auch er war so ein Wissender, mit fortschreitender Dauer am Leben Leidender. Die Öffentlichkeit, der er einmal angehörte, wusste schon eine Weile nichts mehr von ihm. Dass er seit fünf Jahren an einem Krebsleiden laborierte, erfuhr sie, nachdem er am Montagabend in der St. Anna-Klinik in Meran-Obermais gestorben war. In Obermais hatte er den letzten Teil seines lang bewegten Lebens zurückgezogen mit seiner Frau Isolde und dem gemeinsamen Sohn gewohnt. Geboren war Klaus Reider 1949 in Sexten.
Klaus verstand es, die Theorie, die marxistische natürlich, in einfachen Worten auf Deutsch zu erklären.
Klaus war ein Kopf der Südtiroler 68er-Bewegung. Es beleidigt andere nicht, ihn für einen der klügsten darin zu finden. Ganz sicher war er einer der belesensten. Und was ihn aus den damals Wilden ebenfalls herausragen ließ, das waren erstens seine Fähigkeit und zweitens die Bereitschaft, das Wissen „über die Verhältnisse“, so sagte man damals, verständlich mitzuteilen. Die Herren und (wenigen) Frauen der Bewegung sprachen damals nämlich Soziologisch. Klaus verstand es, die Theorie, die marxistische natürlich, in einfachen Worten auf Deutsch zu erklären. Er machte sich damit in der Szene verdächtig. Es war die Zeit, als unter den Revolutionären die Devise ausgegeben war, „in die Massenorganisationen“ zu gehen und diese von innen zu erobern (gemeint: für die Revolution). Als bevorzugtes Kampffeld galten die Gewerkschaften. Aktivisten schmissen reihenweise das Studium, der intellektuelle Klaus Reider auch, gingen in die Gewerkschaften oder genauer gesagt: übernahmen diese. Es war die Fortsetzung der politischen Militanz mit anderen Mitteln.
 
Klaus ging in „die Cisl“. Auch damit machte er sich bei den Genossen verdächtig. „Die Cisl“ galt damals sowohl bei der kommunistisch dominierten Cgil als auch der eher spontihaften Uil als demochristianisch, was ein Schimpfwort war. Radikalinskis spotteten gar von „gelber Gewerkschaft“, also servi del padrone. Klaus Reider focht der Spott nicht an. Von Anfang an sprach er konsequent von Sgb/Cisl. Das deutsche Kürzel steht für Südtiroler Gewerkschaftsbund, und der Neue darin scheute sich auch nie, den Autonomie-Rackerer Alfons Benedikter als dessen Mitgründer zu nennen. Von Klaus Reider wird gesagt werden müssen, er war der einzige der führenden Außerparlamentarischen von damals, die durchgehalten und die Gewerkschaft nie für parteipolitische Zuarbeit missbraucht haben.
 
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Legendär dabei die Schwammerl-Essen, aufgekocht vom Hausherrn himself. Klaus war ein überörtlich bekannter Pilze-Kenner, -Sammler und -Koch.
 
Die Konkurrenz, unter Gewerkschaftern sagte man die Kollegen, beargwöhnten „die Cisl“ zwar weiter als unsicheren Kantonisten, die fachliche und menschliche Statur Klaus Reiders ließen offene Kritik jedoch für ungeraten erscheinen. Mehr als nur solidarisch putschte der junge Reider mit seinem italienischen Chef und Alter Ego, dem gemächlich christlichsozialen Luigi Appoloni die alte nationalistische Garde weg und führte den Sgb/Cisl zu der glaubwürdig zweisprachigen, heute mitgliederstärksten Gewerkschaft Südtirols.
 
Schon bevor 1984 Klaus Reider offiziell zum ersten deutschsprachigen Generalsekretär des Sgb/Cisl wurde, hatte er die Gewerkschaft programmatisch und personell auf ihren interethnisch zweisprachigen Anspruch vorbereitet. Keiner der drei konföderierten Gewerkschaftsbünde im Land, den ASGB eingeschlossen, ist es so gelungen wie dem Klaus-Reider-Sgb/Cisl, sowohl in der Zentrale als auch in den Bezirken und den Fachgewerkschaften Führungskräfte heranzubilden, die der Mitgliederschaft in Herkunft, Sprache und Kompetenz entsprachen. Was das zwischenmenschliche Klima anlangt, in Gewerkschaften generell nicht immer auf der Höhe ihres Anspruchs, so wird dieses am Sgb/Cisl immer besonders gelobt und – immer noch! – auf die Aufbauarbeit des Generalsekretärs Klaus Reider zurückgeführt. Er hat die Kader gefunden und eingestellt, die teils heute noch in leitender Position stehen und teilweise seine Nachfolger sind. Als Reiders Qualität werden, abgesehen von der menschlichen Wärme, seine Konzeptarbeit, der Sinn fürs Machbare und der Glaube an Weiterbildung gerühmt. Festes Programm: die Mitarbeiter-Seminare im Gästehaus bei sich daheim in Sexten-Moos. Das war Bildungsarbeit mit Menschenfindung, und legendär dabei die Schwammerl-Essen, aufgekocht vom Hausherrn himself. Klaus war ein überörtlich bekannter Pilze-Kenner, -Sammler und -Koch.
Klaus legte mit dem Amt ja nicht seinen Ruf ab.
Für seine ausgewiesenen Qualitäten und seine Beliebtheit bei Personal und Basis blieb Klaus Reider ein Kurzzeit-Generalsekretär. Früh und ohne erkennbare Not verließ er die Kommandobrücke. Statutarische Mandatsgrenzen und ethnische Wechselriten waren ihm wenn nicht dankbare Ausrede, so doch nicht unliebes Argument für den Rückzug ins zweite Glied und bald noch weiter. Zum Schluss war er, im Tandem mit dem unverwüstlichen Bruno Falcomatà, Landessekretär der Rentner im Sgb/Cisl. Auch an Nachfolgern, die in den Startblöcken scharrten, mangelte es nicht. Klaus war Visionär und Stratege. Kämpfer war er eher nicht. Dafür ein unwiderstehlicher Schlichter. Später schützte er sich hinter Bildungsarbeit. Daran glaubte er, und sie bereitete ihm Freude. Ob er dafür von seinen Nachfolgern im Amt des Generalsekretärs angemessen geschätzt wurde? Manch einem mag die unzweifelhaft nachwirkende Autorität des Vorgängers Belastung gewesen sein. Klaus legte mit dem Amt ja nicht seinen Ruf ab.
 
Unzweifelhaft kam der Generalsekretär a.D. Klaus Reider mit dem Dilemma Zurücktreten und doch nicht Wegsein besser zurecht als mancher Nachfolger. Er war imstand, mit Aristoteles zu sagen: „Ein schlechter Lehrer, den sein Schüler nicht übertrifft!“. Klaus war ein guter Lehrer. 73 Jahre alt ist er geworden. Am Samstag wird er in Sexten in sein Familiengrab gelegt. Am Dienstag, den 25. Oktober wird sein gewerkschaftlicher Mentor und Weggefährte Josef Stricker um 17.30 Uhr in Obermais einen Abschiedsgottesdienst leiten.
 
 
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