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Salto Weekend

Sprechen in Sardinien

Die Sardische Sprache wird von rund 1,3 Millionen Menschen gesprochen. Unter dem Faschismus war sie verboten, später verpönt. Ein Salto nach Sardinien – von Berlin aus.
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Salto.bz: Was ist Ihre Muttersprache, Sardisch oder Italienisch?
Alexandra Porcu: Meine Muttersprache ist Deutsch. Meine zweite Muttersprache würde man in der Romanistik als Regionalitalienisch Sardiniens bezeichnen oder als „tertiären Dialekt“ (Coseriu). Ich habe Italienisch zunächst nur mündlich gelernt, so dass ich als zweite Muttersprache eine mit Interferenzen (des Sardischen) durchsetzte mündliche, regionale spreche, wenn man das so sagen kann. Standarditalienisch und eine nähere Auseinandersetzung mit der italienischen Schriftlichkeit erfolgte erst im Studium. Sardisch hörte ich als Kind im Urlaub im Dorf in Sardinien. Ich würde jedoch sagen, dass ich eine sehr gute passive Kenntnis schon als Kind erworben habe, die mir die Wiederverwendung und Verbesserung der Sprache im Erwachsenenalter ermöglicht hat.

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Aus verschiedenen Gründen wurde das Sardische in den vergangenen Jahrhunderten durch das Italienische ins Abseits gedrängt. Viele Italiener glauben das Sardische sei ein Dialekt. Warum ist das so?
Das hat vermutlich verschiedene Gründe. Zum einen wäre da die Zeit des Purismus in Italien und das Wiederaufblühen der Accademia della Crusca. Das Sardische wurde in dieser Zeit wie alle anderen Dialekte Italiens betrachtet und behandelt. Verschiedene Autoren brachten Leitfaden heraus zur Reinhaltung der italienischen Sprache. Zu nennen wäre hier Fidele Romani, der neben „Calabresismi“ und „Abruzzesismi“ auch „Sardismi“ veröffentlichte.
Der zweite Grund ist mit Sicherheit der Faschismus unter Mussolini. Minderheitensprachen und Dialekte entsprachen nicht dem Nationalgedanken der „italianità“. Dies betraf nicht nur Regionen, wie Sardinien, sondern auch Südtirol, wo die Italianisierung vorangetrieben wurde. Der Unterschied lag hier allerdings darin, dass man das Deutsche in Südtirol nicht zum Dialekt des Italienischen degradieren konnte, mit den romanischen Minderheitensprachen Italiens funktionierte das jedoch ganz gut.
Der dritte Grund ist das Streben nach besseren Möglichkeiten, die zunehmende Alphabetisierung, Väter, die aus dem Krieg zurückkamen und ein stärkeres Bewusstsein ihres Nationalgefühls mitbrachten, und nicht zuletzt die Bestückung der Haushalte mit Radios und Fernsehen.

Was meinen die Sarden mit Dialekt?
Für viele Sarden ist es selbstverständlich von „Dialekt“ / „dialetto“ zu sprechen. Dabei ist für sie klar, dass es sich hierbei um einen Dialekt der sardischen Sprache handelt, nicht um Dialekte des Italienischen. Allerdings bleiben hier stets Zweifel und Unsicherheiten bestehen, weil es keine einheitliche Schriftsprache des Sardischen gibt, es auch keine „ausgebaute“ Sprache ist. Man traut sich nicht zu, über bestimmte Themen wie Politik oder Wissenschaft auf Sardisch zu sprechen, so dass es in den familiären oder freundschaftlichen Bereich gerückt worden ist.

Damals war es für einen Sarden fast undenkbar Sardisch durch ein Mikrofon zu sprechen, geschweige denn einen Vortrag in dieser Sprache zu halten.

Mittlerweile aber haben die Sarden der Insel aber auch jene im Ausland die Sprache – ihrer Vorfahren – wiederentdeckt. In letzter Minute?
Nicht nur im Ausland. Insgesamt kann man von einem „Revitalisierungsprozess“ sprechen, der seit 1999 sehr langsam und mühselig die sardische Sprache zurück bringt. In jenem Jahr wurde ein wichtiges Gesetz erlassen (482, vom 15. Dezember) zum Schutz der Minderheitensprachen in Italien. Seitdem bemüht man sich darum, dem Sardischen mehr Wertschätzung entgegenzubringen und es auch anderweitig einzusetzen, zudem versucht man intensiver die Sprache zu kodifizieren und zu vereinheitlichen. Im Zuge dieser Bemühungen haben sich viele ausländische Wissenschaftler, Vereine und Organisationen miteingebracht und dafür gesorgt, das Sardische „salonfähig“ zu machen. So erinnere ich mich an eine internationale Konferenz in Pattada in Sardinien, die ich 2007 moderiert habe. Die Einzigen, die auf sardisch sprachen, waren „die Ausländer“, sprich: Dr. Roberto Bolognesi, der in Holland lebt oder Prof. Guido Mensching. Damals war es für einen Sarden fast undenkbar Sardisch durch ein Mikrofon zu sprechen, geschweige denn einen Vortrag in dieser Sprache zu halten.

Und was hat sich in den letzten Jahren getan?
Seitdem hat sich viel geändert. Viele junge Sarden, besonders der separatistischen Bewegungen, verwenden die Sprache und auch in den Medien ist sie viel stärker präsent, als jemals zuvor. Man streitet allerdings immer noch um den „Standard“, doch auch das ist in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten. Meiner Meinung nach befinden wir uns gerade im „Chaos“ der Findung einer Gemeinsprache, aus der dann der Standard hervorgehen wird. Man hat nun seit zehn Jahren versucht, den Sarden einen Standard aufzuzwingen, der sich stark am Nordsardischen orientiert und von vielen Sprechern abgelehnt wird, weil sie ihn als „artifiziell“ empfinden oder als „zu weit weg“ von ihrem eigenen Dialekt.
Die Sprache ist allerdings immer noch in Gefahr einem „language shift“, beziehungsweise dem Sprachtod zu unterliegen, da es nur vereinzelte Eigeninitiativen seitens einiger Lehrer und Eltern oder Kommunen gibt, die Sprache in der Schule zu unterrichten. Es gibt jedoch kaum Lehrmaterial oder Fördergelder dafür, so dass die Bevölkerung mit diesem Problem alleine gelassen wurde.

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Was macht das Sardische so besonders?
Die sardische Sprache macht eigentlich nichts besonders. Sie ist eine ganz normale Sprache, die aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen ist, als „primärer Dialekt“, wie die anderen romanischen Sprachen und Dialekte. In der Sprachwissenschaft galt das Sardische lange Zeit als besonders „archaisch“, aufgrund einiger Latinismen oder Strukturen, die sich sehr gut gehalten haben. Ansonsten ist es eine recht subjektive Angelegenheit. Für mich persönlich ist die Phonetik sehr interessant. Dafür, dass die Insel so klein ist und es so wenig Sprecher gibt, ist die Vielzahl an lautlichen Charakteristika der einzelnen Dialekte unglaublich erstaunlich.
Die nuoresische Regisseurin Monica Dovarch hat eine Reihe an Interviews für den Dokumentarfilm „S'orchestra in Limba“ gemacht. Diese haben wir zusammen in einem Vortrag vorgestellt und ich habe mich damit intensiv auseinandergesetzt. Man findet diese sprachlichen Phänomene natürlich auch in anderen Sprachen, meiner Meinung nach ist die Anhäufung in diesem kleinen Raum etwas ganz Besonderes. Vom Glottisschlag, Metathesen, Asprirationen, Lamdazismus und so weiter.
Zudem spricht man auf Sardinien ja nicht nur Sardisch, sondern auch noch andere Minderheitensprachen, wie Katalanisch in Alghero oder „altitalienische Dialekte“, wie das Tabarchino. Vor diesem Hintergrund ist das gesamte sprachliche Panorama der Insel extrem vielseitig und interessant zu erforschen, da fast jeder, der die Insel erobert hat, auch sprachliche Spuren hinterlassen hat.

Ich spreche allerdings nur Südsardisch, mittlerweile aus Gewohnheit und weil es einer der Dialekte ist, den meine Vorfahren verwendeten.

Sie leben in Berlin. Wo wird dort Sardisch gesprochen?
In Berlin sprechen die ausgewanderten Sarden die Sprache. Besonders in den sardischen Restaurants. Sarden gehen viel essen und besonders an Feiertagen suchen sie Orte auf, wo sie hausgemachte Malloreddus oder importiertes, sardisches Lamm oder Spanferkel bekommen. Händler und Restaurantbesitzer sprechen sardisch miteinander und mit den Angestellten wird die Sprache verwendet. Es gibt circa 30-40 Restaurants in Berlin, deren Besitzer Sarden sind und deren Angestellte auch.
Im Circolo Sardo di Berlino e.V. / Sardisches Kulturzentrum Berlin werden seit mindestens 15 Jahren Vorträge zur sardischen Sprache organisiert. Bei anderen Treffen dort, sprechen besonders die Älteren Sardisch untereinander.
Ansonsten werden von Zeit zu Zeit Seminare an den Universitäten angeboten. Nicht zuletzt bietet das Internet eine Möglichkeit, für Deutsche und Sarden, sie der Sprache zu bedienen und sich in dieser mit Anderen auszutauschen. Man kann zahlreiche Gruppen in den sozialen Netzwerken finden.

Buch
 Quelle: minet-tv.com

Wann haben Sie das Sardische sprechen und schreiben gelernt?
Ich hatte eine passive Kenntnis der Sprache als Kind. Ich habe zunächst mit Anfang 20 angefangen Italianistik zu studieren und überhaupt erst gelernt Italienisch zu schreiben. Bald kam dann das Interesse für die sardische Sprache auf. Ich war 2001 das erste Mal bei einer Konferenz zum Sardischen an der Freien Universität Berlin. Dort lernte ich einige Romanisten und Sprachwissenschaftler kennen, die sich mit dem Sardischen beschäftigt haben, zu nennende Größen wären hier unter vielen anderen, Michel Contini und Massimo Pittau.
Er gab mir sehr viel Inspiration und Raum für die Entfaltung. Ich schrieb meine Magisterarbeit darüber und öffnete einen Blog in sardischer Sprache. Ich beschäftigte mich mit allen Orthographievorschlägen und lernte somit beide Makrovarietäten, das so genannte Logudoresisch und Campidanesisch. Im Volksmund nennt man so das Nord-Zentralsardische und Südsardische. Ich spreche allerdings nur Südsardisch, mittlerweile aus Gewohnheit und weil es einer der Dialekte ist, den meine Vorfahren verwendeten. 

Morgen bei SALTO WEEKEND: Sprechen in Sardinien​? Teil 2 – Über Moden, Musik, literarische Übersetzungen und über den jüngst verstorbenen Anthropologen Giulio Angioni.

Alexandra Porcu, geboren 1978 in Münster, lebt in Berlin. Ihre Mutter kommt aus Villaputzu, Sardinien. Sie hat Romanistik und Anglistik an der Universität Potsdam studiert und arbeitet freiberuflich in verschiedenen Bereichen, hauptsächlich im Eventmanagement, in der Gastronomie und als Übersetzerin für Italienisch und Sardisch. Von 2010-2016 war sie im Vorstand und unter anderem die erste Vorsitzende des „Circolo Sardo di Berlino e.V.´. Seit 2013 Delegierte im „Bund Sardischer Vereine in Deutschland". Neben der Organisation zahlreicher Veranstaltungen zur sardischen Sprache und Kultur pflegt sie einen stark frequentierten Blog zur sardischen Sprache.

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Quelle: Privat

 

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