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Michael Meraner
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Salto Afternoon

Genua Genova

Wie ausführlich soll man sich an die Proteste in Genua des Jahres 2001 erinnern? Ich gebe mein Bestes. Zum 20sten.
Von
Bild des Benutzers Martin Hanni
Martin Hanni20.07.2021
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Es war eine angenehme Julinacht, damals, auf dem Parkplatz des Kaufhauses Metro, im Herzen von Bozens Industriezone. Mit ein paar Freund*innen wartete ich auf die Abfahrt der Busse zum großen Protestmarsch in Genua. Die Meldung vom Tod des jungen Demonstranten Carlo Giuliani am Freitagnachmittag machte an diesem frühen Samstagmorgen unter den verschiedenen versammelten Personengrüppchen – noch ganz ohne Smartphonetechnologie und Social Media – schnell die Runde und verbreitete einige Schreckvorstellungen. Vor allem aber festigten sie auch das Gefühl von Respekt vor einem Großereignis mit rund 300.000 Demonstrant*innen. Als Gegenaufgebot hatte der Staat 20.000 Polizisten mit Panzern stationiert, die sich – wie sich später herausstellen sollte – nicht so sehr um die Sicherheit sorgten, sondern um planmäßige Unsicherheit. Eskalation von Gewalt war erwünscht.

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Genueser Erinnerungen: Friedliche Anfänge  / Foto: Michael Meraner

 

Es sollten eigentlich friedliche Protesttage werden. Das dachten sich im Vorfeld auch einige Südtiroler Gewerkschaftsvertreter*innen, lokale Non Profit Organisationen, der ein oder die andere StudentIn und – man lese und staune – vereinzelte Vertreter*innen des Südtiroler Bauernbundes. Allesamt wurden in Genua eines Schlechteren belehrt.
Kaum jemand der Demonstrant*innen ahnte von der Existenz diverser Geheimprotokolle zu absurdesten Ablauf-Szenarien, von geladenen Rechtsradikalen, die sich als Schläger unter die Demonstranten mischten, von Polizeikasernen in denen tagelang gefoltert und gegen elementare rechtsstaatliche Grundsätze verstoßen wurde. Heute wissen wir, Ziel des Staates war es von vornherein gewesen, die von der europäischen und italienischen Linken organisierte Demonstration vorsätzlich zu stören, um aus der gutgemeinten Spielwiese für innovative und menschenfreundliche Projekte ein von Polizei und Medien inszeniertes Schlachtfeld zu erzeugen. 

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Rauchschwaden im Anmarsch: Einschüchterung oder Einladung? / / Foto: Michael Meraner


Wer mutmaßte schon, dass es neben uniformierten Polizeischwadronen allerhand zivile und als Demonstranten getarnte Polizisten und fragwürdige Kollaborateure der Polizei geben sollte? Menschen die zunächst friedlich neben einem marschierten, waren wenig später im Auftrag einer abgekarteten Aktion unterwegs – ohne irgendeine Rücksicht auf friedliche Teilnehmer*innen, gewaltlose Intellektuelle, engagierte Bauern- und Arbeiter*innen, Student*innen, Familien und Kinder. An beinahe jeder Ecke sah man bereits am frühen Nachmittag eingeschlagene Fensterscheiben, geplünderte Supermärkte und angezündete Autos. Zahllosen Protestierer*innen wurden Rippen, Beine und Arme gebrochen. Auf der einen Seite riefen Verletzte um Hilfe und gekennzeichnete Ärzte wurden geprügelt, auf der anderen Seite sangen Polizisten faschistische Lieder, teilten Schläge aus und verteilten Schlagstöcke und Gummigeschosse. 

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Tierischer Einsatz: Dem Ruf von José Bové (französischer Landwirt und Umweltaktivist) nach Genua zu kommen folgte nicht nur der Südtiroler Bauernbund, sondern auch diese Kuh. / Foto: Michael Meraner


Die Nachbearbeitung der Ausschreitungen ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im Februar 2002 zeigte die Südtiroler HochschülerInnenschaft im Rahmen eines sh.asus-Filmabends im Kino beim alten Bahnhof in Auer (unter dem Motto Richtigstellung eines manipulierten Bildes) erste Aufnahmen zur Gegendarstellung der Berichterstattung in Südtirol. In den vergangenen Jahren entstanden einige Dokumentarfilme zu den Ausschreitungen in Genua und auch die Gerichte haben sich mit den Vorkommnissen gründlich befasst. Ich selbst fertigte für die Studierendenzeitschrift Skolast eine Bastelseite. Ernsthafter konnte ich die Thematik damals wohl nicht aufarbeiten. 

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Schwarze Blöcke: Bastelseite für StudentInnen / Skolast 2001 

 

Und heute? Im kleinen global-lokalen Südtirol – und nicht nur dort – vertrauen (um nur ein Beispiel zu nennen) Politik*innen immer noch geldgierigen Propaganda-Paschas, sowie die Menschheit im Allgemeinen vermehrt unseriösem Journalismus und nervigen Wohlfühltexten opportuner Textagenturen. Nicht anders ist die Tatsache zu erklären, dass ein ganzer Landstrich auf die Spekulationen und scheinbaren Millionen einer Tiroler Kapitalisten-Wurst zählt, die nun – so weiss man – die Immobilien-Einkaufstour im benachbarten Trient fortsetzt und vielleicht in ein paar Jahren sogar in Genua Häusershopping betreibt.
Ich halte es jedenfalls immer noch mit dem Spruch von damals: Un mondo diverso è possibile. Er hat 20 Jahre nach Genua nichts an friedlicher und hoffnunsvoller Kraft verloren. 

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 Genua 2001: Abstandsregeln und Maskenpflicht alla genovese / Foto: Michael Meraner


 

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