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"I fiori del male"

Von verwundeten Frauen

(Eine kleine Ausstellung mit großer Wirkung.)
Community-Beitrag von Silvia Rier22.01.2020
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Ich musste gestern unvermutet nach Meran, und hatte dort, auch unvermutet, ein bisschen Zeit übrig. Die beschloss ich, im „Frauenmuseum“ zu verbringen, oder besser, in der dort untergebrachten Wander-/Sonderausstellung „i fiori del male – Die Blumen des Bösen“. Sie ist klein, die Ausstellung, sehr klein, dafür greift sie umso tiefer: Wer meint, mit ein wenig durch die Ausstellung schlendern, und Bilder ansehen sei es getan, die Ausstellung „gesehen“, irrt – jedenfalls ein bisschen: Die Fotos der internierten Frauen wirken stark, einige mächtig – aber die ganze Größe der kleinen Ausstellung liegt in ihrem Geschriebenen, dem, was gelesen werden kann, und dem, was zwischen den Zeilen steht.

Kleiner Einschub vorab: Die Verbindung des Titels dieser Wanderausstellung und dem gleichnamigen Werk Baudelaires hat sich mir zwar immer noch nicht erschlossen – was, zugegeben, überhaupt nichts heißen muss –, ich glaube aber, Anschlusspunkte in den „Randexistenzen“ erkennen zu können, um die es, glaube ich, hier wie dort geht. Blumen des Bösen, Töchter der Schande – beides haben „die Töchter“ in zweifacher Form zu tragen, sind ihre doppelten, direkten und indirekten Opfer.

Hier also, in den stillen Räumen des Frauenmuseums in Meran, treten die schweren Geschichten dieser Mädchen und Frauen in den Augen ihrer Besucher·innen ans Licht unserer Moderne. Nur gut, seufzt die Betrachterin, dass dies alles Geschichte ist, und diese Geschichten Vergangenheit sind, allenfalls in Resten noch aus ein paar dunklen Winkeln herübergrüßen (obwohl, um der ganzen Wahrheit Genüge zu tun: Es ist nicht wirklich und nicht restlos Vergangenheit, die hier spricht).

Schnell fällt auf: die Ähnlichkeit der Umstände, in denen die Porträtierten ihr Dasein fristeten, mehr als dass sie lebten, und aus denen ihr „Wahnsinn“ sie nicht zu befreien vermochte; die Tatsache des weiteren, dass der Zivilstatus von Sieben- und Dreizehnjährigen ausdrücklich und ausführlich beschrieben wird, mit „ledig“ oder „unverheiratet“ (ja was denn sonst? In den Dreißiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts, der Zeit also unserer Eltern und Großeltern?! Eine Siebenjährige! Eine Dreizehnjährige!); und ja, zwischen den Zeilen der Porträts und Krankenakten fällt nicht zuletzt das Ungesagte, das Ungeschriebene auf, die uralte und ewiggleiche Erzählung von der Gewalt und den Übergriffen, die Mädchen und Frauen in ihren Familien ausgesetzt waren, und gegen die sie sich nicht und nirgends zur Wehr setzen konnten. Wen würde ihr „Wahnsinn“, allerletzter Fluchtpunkt, groß wundern?

Auffallend auch, wie bald nach ihrer Einlieferung so viele der an Leib und Seele Verwundeten an „Entzündungen“ oder anderen unklaren Umständen verstarben (Friede ihren Seelen).

Und noch etwas erzählen diese stillen Tafeln, etwas, das auch nirgends explizit geschrieben steht, gleichwohl klar und deutlich erkennbar ist: Wie nämlich allein die Aussicht auf die Ausgrenzung und die Schrecken des Narrenhauses als Endstation weiblicher Auflehnung, Rebellion, aber auch nur Unbotmäßigkeit, Aufsässigkeit oder schlichter Ungehorsam die „Ungewöhnlichen“ in ihren engen Grenzen festhielten, und still, aber sehr effektiv dafür sorgten, dass nur die Wenigsten und nur in Extremstfällen versuchten, diese Bande zu sprengen, und auszubrechen. Sie wären ja eh nicht weit gekommen, vom Regen in die Traufe, im besten aller Fälle. Mithilfe dieser sehr subtilen Form von Gewalt an überwiegend Frauen wurde die Gesellschaft zusammen und ihre Ordnung aufrecht gehalten.

So gesehen liegt natürlich auch nahe, dass – eine andere Tafel erzählt davon – es

„Ziel des Regimes ist, Frauen zurechtzubiegen, die für den Mutterschaftsauftrag ungeeignet erschienen. Die Umerziehung setzt bereits in der Kindheit an. Unter dem faschistischen Regime füllen sich die Nervenheilanstalten mit Mädchen, an denen angeblich der Rassenverfall deutlich wird, und die als Last für die Gesellschaft gelten. Das sind zum einen Geistesschwache, zum anderen Kinder und junge Frauen, von denen eine Gefahr ausgeht.“

Natürlich! Wer sollte zurechtgebogen werden, wenn nicht die Frauen? Sie sind es schließlich, mit denen eine Gesellschaft, jede Gesellschaft, steht – oder fällt. In diesem Sinne erscheint es weiterhin absolut folgerichtig, dass das faschistische Regime Frauen und Nervenheilanstalten, Nervenheilanstalten und Frauen dazu benutzte, um die Gesellschaft nach ihrem Willen und ihren Vorstellungen zu formen: Menschen, die nicht passten und sich nicht passend machen ließen, wurden unter dem einen oder anderen Vorwand weggesperrt, Frauen insbesondere, die sich zur Gebärmaschine nicht eigneten oder hergaben, wurden aussortiert. Spätestens hier, schien mir, ist das Ziehen einer Parallele zur Kriegsstrategie der Vergewaltigung durchaus zulässig: hier wird eine Gesellschaft über die Gewalt an Frauen zerstört, dort wird sie, ebenfalls über Gewalt an Frauen, geplant und gebaut – innerhalb eines Rahmens, einer Struktur, die so beschaffen war, dass die vorrangigen Opfer dieser Strategien weitestgehend wehrlos waren, sowohl in ihrem Persönlichen, als auch im Wesentlichen der Gesellschaften, denen sie angehörten.

Wie praktisch das alles hergerichtet ist, habe ich mir gedacht, wie einfach, und wie höchst effektiv (und gar nicht so weit weg, von unserer Moderne).

Die Ausstellung ist noch bis 27. März in Meran, und im Frauenmuseum von Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, an Samstag von 10 bis 12.30 Uhr zugänglich.

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