Kultur | Salto Summer Serie

„Heimkehren“

Auf den Spuren der Migration: Leo Andergassen, Museumsdirektor des Schloss Tirols, über ein kontroverses Kapitel der Südtiroler Geschichte.
schloss_tirol_foto_staschitz.jpg
Foto: Foto: Staschitz

Salto Summer Serie

Das Zahlenspiel 12x12 steht seit Mitte Juni für die Sommer Serie der Online-Plattform SALTO. An jeweils 12 Samstagen wird im Rahmen von SALTO WEEKEND die Besonderheit eines Südtiroler Museums hervorgehoben.

2/12

Das Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte im Schloss Tirol will seit 2003 Südtiroler Vergangenheit spürbar machen. Ein Strang, der sich dabei durch die Südtiroler Geschichte zieht und aktueller denn je ist, ist das Motiv der Migration. Im Interview erklärt Museumsdirektor Leo Andergassen, wie Südtirols Vergangenheit davon geprägt ist.

Die Option ist in der Südtiroler Zeitgeschichte ein Moment unbequemen Erinnerns. 

salto.bz: Die Motive für Migration sind unterschiedlich. Neben wirtschaftlichen Ursachen stellt auch die freie Religionsausübung einen Grund für Migration dar. In der Vorschau zu Ihrer Ausstellung „Luther und Tirol. Religion zwischen Reform, Ausgrenzung und Akzeptanz“ (Beginn: 01.07.2017) sprechen Sie von den Defregger Protestanten. Was hat es damit auf sich?
Leo Andergassen: In Defreggen hatten sich noch im 17. Jahrhundert protestantische Splittergruppen erhalten, die sich zwar äußerlich an das katholische Milieu angepasst hatten, innerlich jedoch der Lehre Luthers anhingen. Ihre Forderung nach freier Glaubensäußerung führte 1685 zum Exodus von 600 Frauen und Männern. Selbst noch im 19. Jahrhundert verließen 425 Zillertaler ihre Heimat in Richtung Schlesien, nachdem ihnen der österreichische Kaiser auf Druck des Tiroler Landtags kein freies Glaubensleben zugestanden hatte.

salto.bz: Beim Schlagwort „Migration in Südtirol“ fällt besonders die Thematik „Option“ ins Gewicht, auch aufgrund ihres noch immer anhaltenden politischen Charakters. Wie will sich das Schloss Tirol als Museum dazu positionieren?
Leo Andergassen: Die Option ist in der Südtiroler Zeitgeschichte ein Moment unbequemen Erinnerns. Denn die damalige politische Propaganda führte zu einer Schwarz-Weiß-Einteilung in Dableiber und Geher. Die Ghettoisierung der Südtiroler auch in den österreichischen Kernländern war eine schmerzhafte Erfahrung und ließ wohl den Verlust der „Heimat“ besonders spüren. 2019 wird zum 80. Erinnerungsjahr der Option in der Ausstellung im Bergfried ein Optionskoffer zu sehen sein, zusammen mit den Dokumenten, welche die Aus- und Rückwanderungsgeschichte seiner Besitzer erläutern.

salto.bz: Das Thema der Migration ist aktueller denn je und beherrscht die Schlagzeilen täglich. Lassen sich dabei Parallelen zwischen dem heutigen Flüchtlingsstrom und der Migration früherer Südtiroler Generationen feststellen?
Leo Andergassen: Migration ist immer eine Frage des Blickwinkels. Wenn es das eigene Leben betrifft, so wird Migration als notwendiges Recht erlebt, betrifft es hingegen Andere, wird mit Angst und Ausgrenzung reagiert. Vergleiche sind nur schwer möglich, weil ganz Europa und nicht nur Südtirol davon erfasst wird. Aus der Geschichte können wir lernen, dass Integration die Voraussetzung für eine glückende Zukunft ist.

 

www.schlosstirol.it

(Salto in Zusammenarbeit mit der Fachabteilung Museen der Autonomen Provinz Bozen)