London
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Gespaltene Stadt

Alois Rizzoli, der in London lebt, über die Versäumnisse von Boris Johnson, die absurde Lage in der englischen Hauptstadt und seine Hoffnung nicht recht zu bekommen.
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Wie (er-)leben Menschen anderswo die Corona-Krisensituation? Wir haben nachgefragt. Heute: Alois Rizzoli aus London, Großbritannien.
 
 
Wir haben es geschafft. Endlich wieder zu Hause. 
Nach einem Hin- und Her zwischen Tallinn und Helsinki, Ungewissheit und Besorgnis ob wir überhaupt weg kommen würden, haben wir es geschafft, am Mittwoch mit einem der letzten Flügen nach London zurückzukehren. Jetzt sind wir uns jedoch nicht mehr so sicher, ob das wirklich eine gute Idee war. (*)
Wir wussten nicht genau was uns hier erwarten würde. Als wir nach Estland geflogen sind gab es in China eine Epidemie, Italien hat gerade die ersten Notmaßnahmen eingeführt, in Spanien hat die Krise angefangen ihr hässliches Gesicht zu zeigen. Hier hingegen folgte das Leben wie immer seinem täglichen Lauf.
An unserer Ankunft in London war der Flughafen zwar leerer als üblich, der Verkehr auf der Autobahn fließender als sonst; ansonsten merkte man nicht viel von einer drohenden Gefahr. Das Leben nahm weiterhin seinen üblichen täglichen Gang. Während sich die ganze Welt mobilisierte Maßnahmen gegen die Ausbreitung der COVID-19 Pandemie zu finden, schien hier niemand Notiz von dieser Bedrohung zu nehmen. Keinerlei Einschränkungen, Schulen, Pubs, Kinos, Restaurants usw. alles offen, man konnte sich frei und unbehindert bewegen, es gab wenig wenn gar keine offizielle Information.
Mir wurde es etwas mulmig; meine Partnerin stand kurz vor einer Panikattacke. Vor allem wenn man die übliche „nonchalante“ Einstellung der Briten gegenüber der Hygiene kennt. „Hände waschen? Wieso Hände waschen? Und gleich mehrmals am Tag?“
Eigentlich braucht man sich zu wundern, wenn man bedenkt, dass wir einen Clown als Ministerpräsidenten haben.
Eigentlich braucht man sich zu wundern, wenn man bedenkt, dass wir einen Clown als Ministerpräsidenten haben.
Heute, Freitag 20. März hat die Regierung erstmals einige konkrete Maßnahmen veröffentlicht, um zu versuchen den Coronavirus in Schach zu halten. Boris Johnson, der blonde Idiot von Nummer 10, Downing Street hat gerade seine Ansprache an die Nation beendet. Hatte er noch letzte Woche seine Vision von einer Herdenimmunität verteidigt, musste er heute genauere und ernsthaftere Maßnahmen auf den Tisch legen. Ich habe trotzdem weiterhin ein mulmiges Gefühl, die Panik meiner Partnerin hat sich noch mehr gesteigert. Unserer Meinung nach ist alles ungenügend und kommt mindestens drei Wochen zu spät.
Es gibt immer noch keine Ausgangssperren, öffentliche Betriebe werden nur teilweise geschlossen (mit Ausnahme von Schulen, aber nicht alle), der öffentliche Transport wird nicht gestoppt.
Nach der Rede hat man das Gefühl als wäre es den Politikern wichtiger keine Angst zu schüren, als handfeste Information zu verbreiten. Man gibt im Grunde keine wirklichen Erklärungen darüber ab, wie sich der Virus verhält, wie er sich verbreitet und wie leicht man sich anstecken kann.
 
Alois Rizzoli
Wahllondoner Alois Rizzoli:  "Ich habe mir selten so sehr gewünscht eine falsche Prognose zu äußern."
 
Die individuelle Freiheit und die Interessen der Wirtschaft sind in diesem Land viel zu wichtig, als dass man der gesamten Nation Vorschriften aufhalsen will. Dementsprechend benimmt sich auch der Großteil der Londoner. Schade, denn in Großbritannien verfolgt der überwiegende Teil der Bevölkerung offizielle Anweisungen und wissenschaftliche Richtlinien könnten funktionieren.
Die individuelle Freiheit und die Interessen der Wirtschaft sind in diesem Land viel zu wichtig, als dass man der gesamten Nation Vorschriften aufhalsen will.
Heute morgen musste ich ins Büro um meinen Laptop abzuholen, denn ab nächster Woche arbeiten wir alle von zuhause aus. Das Verhalten der Leute war erschreckend. Zug und Underground liefen wie immer und waren voller als ich mir erwartet hatte. Man sah kaum jemand mit einer Schutzmaske. Von einem sicheren Mindest-Sozial-Abstand war überhaupt nicht die Rede. Jeder spielte wie immer gelangweilt auf seinem Handy herum. Und das war's dann.
Auch das darf einen nicht wundern, denn die Medienberichte sind in Sachen hilfreicher Information nicht viel besser als die öffentlichen Kommunikationen. Gezeigt wird vor allem was Sensation macht: Statistiken, leere Städte, Hotels oder Kreuzfahrtschiffe unter Quarantäne, lange Schlangen vor Lebensmittelgeschäften in Italien oder Spanien. Keiner erklärt aber warum da z.B. mindestens ein Meter Abstand zwischen den einzelnen Personen ist, die diese Schlangen bilden.
Es scheint als wäre die Stadt in zwei Lager gespalten. Auf einer Seite jene, die so weiter machen, also wäre nichts geschehen. Auf der anderen jene, die versuchen so weit es möglich ist ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sich schon seit ein-zwei Wochen selbst isoliert haben. Die meisten Betriebe, alle Kinos und Veranstalter usw. haben auch schon vor Wochen den Laden dicht gemacht. Ohne auf Anweisungen der Regierung zu warten.
Ich habe immer geglaubt, vielleicht etwas überheblich, dass ich zur ersten „westlichen“ Generation gehören würde, der Krieg, Hungersnot oder eine weltweite Pandemie erspart bleiben würde. Ich habe mich eindeutig getäuscht.
Dann gäbe es noch eine dritte Fraktion: die der Panik- und Opportunismuseinkäufer. Supermärkte und Läden werden jeden Tag leer gekauft. Im wahren Sinne des Wortes. Alles ist leer. Reis, Pasta, Gemüse, Fleisch, Konserven, Fertigsoßen, jegliches Getreide, alles.
Ganz zu schweigen von Schutzmasken, Händedesinfektionsmitteln, Toilettenpapier, allgemeinen Reinigungsmitteln und der gleichen. Die findet man dann jedoch für absurde (und kriminelle) Preise in den Corner Shops in der Nachbarschaft. Wir haben Internet Shopping versucht, bekommen aber keinen Lieferslot.
Wir wissen nicht so recht was wir, außer zuhause zu bleiben, tun sollen. Auch, weil wir nicht alleine, sondern in einer WG leben. Man kann nur so viel tun, um eine Ansteckung zu vermeiden, aber wenn nicht alle im Haushalt mitspielen wird das schwierig.
Ich habe immer geglaubt, vielleicht etwas überheblich, dass ich zur ersten „westlichen“ Generation gehören würde, der Krieg, Hungersnot oder eine weltweite Pandemie erspart bleiben würde. Ich habe mich eindeutig getäuscht. Ich weiß nicht wie das hier weiter gehen oder was danach, wenn alles vorüber ist, geschehen wird.
 
London
Lockdown: "London hat viel zu spät reagiert".
 
In den letzten Tagen haben mehrere Leute, vor allem Wissenschaftler die Meinung geäußert, dass diese virale Infektion nichts anderes als die Antwort der Natur auf unserem habgierigen Lebensstil, unsere kompromisslosen Ausbeutung der Erde sei. Und dass die Post COVID-19 Gesellschaft zwangsläufig anders funktionieren muss. Ich wünsche mir, dass sie vor allem mit dem letzten Punkt Recht behalten werden.
Dabei wäre diese Krise, doch eine einmalige Gelegenheit um stehen zu bleiben und sich zu überlegen, wie es anders, besser für alle weitergehen könnte. Vor allem, wo jetzt sowieso die gesamte Welt praktisch zum Stillstand gekommen ist. Die ersten Früchte kann man jetzt schon sehen, wie z.B. saubere Kanäle in Venedig, Delfine die zum ersten Mal wieder in Süditalienischen Meeren schwimmen. Oder, dass die Luftverschmutzung in allen Ländern, vor allem in China zurückgegangen ist.
Optimistisch bin ich dennoch nicht. Wahrscheinlich wird jede Nation, jede Regierung, jeder Betrieb versuchen so rasch als möglich den Pre COVID-19 Status Quo wieder herzustellen. Ich habe mir selten so sehr gewünscht eine falsche Prognose zu äußern. Warten wir ab.
Ab heute, Dienstag, gelten auch in England und London die Ausgangssperren und Einschränkungen wie es sie seit Wochen in Italien gibt.
 
 
(*) Die Einstellung gegenüber der Ausbreitung vom COVID-19 schien uns von Estlands und Finnlands Regierungen viel sensibler und effizienter, als die der britischen. Die englische Haltung lässt sich meiner Meinung nach in 4 Stufen zusammenfassen:
Stufe 1: „Wir sagen, dass nichts geschehen wird“
Stufe 2: „Wir sagen etwas kann passieren, aber wir sollen nichts dagegen unternehmen“
Stufe 3: „Wir sagen vielleicht sollen wir etwas unternehmen, aber da git es nichts, was wir tun können“
Stufe 4: „Wir sagen vielleicht hätten wir etwas tun können, jetzt ist es aber zu spät“

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Peter Gasser
Peter Gasser 25.03.2020, 07:42

Hoffen wir für unsere britischen Freunde und Bekannten, die dort leben, dass Euer Trump-Zwilling nicht wirklich großen Schaden angerichtet hat.
Dies besorgt eigentlich schon das Corona-Virus.
Alles Gute und herzlichen Dank für den Einblick.

Bild des Benutzers Rufer Peter
Rufer Peter 25.03.2020, 09:11

Die Wirtschaft wird sich schnell erholen und die Mehlproduzenten und Toilettenpapierhersteller werden daher einen massiven Umsatzeinbruch erleben. Daher muss dann auch unbedingt ein Rettungspaket für diese her. Die ganzen Hamster werden dann allerdings auch ein Problem, ausgesetzt auf der Autobahn…

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