titelbild
Leo Lionni
Advertisement
Advertisement
Kommentar

Eigenartige Wertschätzung

Die Maßnahmen des vom Amt für Kultur lancierten Hilfspakets für Kunstschaffende sind ein willkommenes Geschenk. Kaschieren sie lediglich nicht gemachte Hausaufgaben?
Von
Bild des Benutzers Martin Hanni
Martin Hanni25.03.2020
Advertisement

„Frederick, was machen deine Vorräte?“ ist einer der Kernsätze der bekannten und zeitlosen Kindergeschichte von  Leo Lionni aus den 1960er Jahren. Sie handelt von einer Mäusefamilie, die über das Jahr Vorräte für den Winter sammelt, als ihnen aber die Vorräte in der grauen Winterzeit verfrüht ausgehen, erinnern sie sich an Frederick, der lediglich Sonnenstrahlen, Farben und Wörter gesammelt und geerntet hatte. Die Mäusefamilie erkennt, dass Frederick einen essentiellen Beitrag für das Zusammenleben leistet und sie mit Fantasie  durch die winterliche Dürrezeit lotst.
Wie Frederick leisten auch in Südtirol viele Künstlerinnen und Künstler ihre Dienste, abseits der (über)gewohnten Wirtschaftsabläufe. Sie tragen mit ihrem Schaffen zum geistigen Wohlstand einer Gesellschaft bei – insbesondere in Krisenzeiten.
Vergangene Woche lancierte Landesrat Philipp Achammer ein eiliges Förderbonbon, welches 600 Euro brutto pro Kopf für Kunstschaffende vorsieht. „Wir möchten damit Kunstschaffenden aller Sparten – von der Bildenden Kunst und der Musik, über Theater, Tanz und Literatur bis hin zu Film und Medien – dazu animieren, im virtuellen Raum tätig zu sein“ ließ Achammer über eine Pressemeldung, Facebook und in einem Interview mit seinen Haus- und Hofberichterstattern vom Weinbergweg verlauten. Seine vage formulierten Zeilen machen leider deutlich, dass sich Politiker immer im Wahlkampf befinden – auch in beängstigenden Pandemie-Zeiten.

Diese Vorgabe wird in anderen Sektoren auch nicht eingefordert. Oder müssen Tischler für eine Zusatzförderung zur finanziellen Abfederung in Krisenzeiten einen Corona-Stuhl fertigen, Touristiker einen Virus-Cocktail mixen?

Nachdem nun viele natürlich dem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen, kommt der gutgemeinte Schnellschuss irgendwie einer Augenauswischerei gleich, die vielleicht am Ende nur mediale Aufmerksamkeit und ein paar „Gefällt mir“-Daumen erhaschen möchte. Weshalb müssen beispielsweise Künstlerinnen und Künstler für den Euro-Bonus ein spezielles Corona-Kunstwerk realisieren, um an das versprochene Geld zu kommen? Diese Vorgabe wird in anderen Sektoren auch nicht eingefordert. Oder müssen Tischler für eine Zusatzförderung zur finanziellen Abfederung in Krisenzeiten einen Corona-Stuhl fertigen, Touristiker einen Virus-Cocktail mixen?

coronabaer
Künstler vs Tanzbär / Quelle: Anonym


Wer darf nun mitmachen? Auch hier scheiden sich die Geister und es tut not, dass sich jeder und jede selbst informiert, denn sofern er oder sie nicht Mitglied einer Kulturvereinigung ist, bleiben die Kriterien sehr schwammig. Was ist mit ÜbersetzerInnen die kreative Arbeit leisten? Was mit den KunstvermittlerInnen? Was mit KünstlerInnen, MusikerInnen, SchauspielerInnen und LiteratInnen, die im Brotberuf einer anderen Tätigkeit nachgehen müssen, denen aber dennoch Honorare für Lesungen, Vorstellungen und Ausstellungen entgehen? Und: muss auch die Sprachgruppe erklärt werden? 

Dank Corona ist nun die fein verpackte Pflasterlösung ein geeignetes Feigenblatt für das bisher ungelöste Problem. 

Es kann aber auch sein, dass Achammers rasch aus dem Hut gezauberter vorösterlicher Geldhase lediglich nicht gemachte Hausaufgaben in seinem Zuständigkeitsbereich kaschieren möchte. Seit langem wird ein Modell zur geförderten Sozialvorsorge für Kunstschaffende angekündigt, als Versprechen, das zu jeder passenden Gelegenheit fett unterstrichen wird, wie auch in der jüngsten Frohbotschaft aus dem Kulturamt. Tatsache ist, dass diese längst überfällige Maßnahme immer auf die lange Bank geschoben wurde. Dank Corona ist nun die fein verpackte Pflasterlösung ein geeignetes Feigenblatt für das bisher ungelöste Problem. 

Abgerechnet wird die Förderung jedenfalls mit einem Arbeitsbericht und der Dokumentation der veröffentlichten Arbeit. Künstler und Künstlerinnen, die nicht über einen Verband organisiert sind (z.B. Südtiroler Künstlerbund, Südtiroler Theaterverband, AutorInnenvereinigung SAAV, FAS usw.), können den Antrag direkt an das Amt für Kultur richten. 
Wo die virtuellen Kunstwerke am Ende landen? Auf Facebook, diversen Homepages, vielleicht auch auf Salto. Vielleicht auch nicht.

Advertisement
Advertisement

Kommentar schreiben

Kommentare

Bild des Benutzers Gehard Demetz
Gehard Demetz 25.03.2020, 19:42

Toller Artikel!
Ich habe eine Anfrage beim Amt für Kunst und Kultur geschrieben und die Frau A.G. hat mich belehrt, daß ich die Anmeldung nur beim SKB tätigen kann. Da ich aber nicht Mitglied beim SKB bin, darf nicht wohl nicht teilnehmen.

Bild des Benutzers Michael Kerschbaumer
Michael Kerschbaumer 25.03.2020, 20:09

Skb der die gieskanne bekommt und unabhängig gängig die südtiroler Kunstszene kontrolliert. Wieso sich überhaupt so viele Kunstschaffende in einer derartigen Abhängigkeitsvereinigung Zusammenfinden ist ohnehin ein Rätsel.

Advertisement
Advertisement
Advertisement