Hannes Walder
netz | Offene Jugendarbeit
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Interview

„Es war eine sehr fordernde Zeit"

Hannes Waldner, Bereichsleiter der OJA im Jugenddienst Meran, spricht über das vergangene Jahr und warum die Jugendarbeit JETZT junge Menschen begleiten muss.
Von
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Pico Bello06.05.2021
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#jugendbrauchträume – Unter diesem Motto hat die Offene Jugendarbeit (OJA) des Jugenddienstes Meran eine Sensibilisierungskampagne gestartet. Anlässlich des südtirolweiten Tages der OJA wanderten 14 Plakate von Gemeinde zu Gemeinde, um auf die Bedürfnisse der Jugendlichen in der Bevölkerung aufmerksam zu machen. Engagierte Jugendliche aus den Jugendtreffs und -zentren von Obermais, Marling, Algund, Riffian, Schenna, Hafling und Dorf Tirol haben für diese Aktion ihre Gefühle in Schrift und Bild ausgedrückt.

Diese Sensibilisierungskampagne war Anlass für das Gespräch mit Hannes Waldner, dem Bereichsleiter der OJA im Jugenddienst Meran. Im folgenden Interview hat er das vergangene halbe Jahr Revue passieren lassen und einen Blick in die Zukunft gewagt.

Herr Waldner, wie war das letzte halbe Jahr für Sie?

Hannes Waldner: Ich bin mitten im letzten Lockdown wieder in den Jugenddienst eingetreten und verantworte seit November den Bereich Gestaltung und Weiterentwicklung in sieben Jugendtreffs. Der Lockdown hat das Arbeitsfeld grundlegend verändert: Die Art und Weise, wie Jugendarbeiter*innen jahrelang gearbeitet haben, war plötzlich nicht mehr möglich. Die notwendige Umstrukturierung war nicht immer leicht, es war für alle eine sehr fordernde Zeit.

Im Herbst fand eine digitale Überschwemmung statt und das Interesse der Jugendlichen an digitalen Treffen ist drastisch gesunken.

Die OJA hat schnell reagiert und den virtuellen Raum aktiviert. Können nach über einem Jahr Pandemie erste Erkenntnisse über die Umstrukturierung in den virtuellen Raum getroffen werden?

Am Anfang der Pandemie hat die Aktivierung des virtuellen Raums gut funktioniert. Mit dem Beginn der Schule im Herbst fand sozusagen eine digitale Überschwemmung statt und das Interesse der Jugendlichen an digitalen Treffen ist drastisch gesunken. Online-Spiele hingegen sind immer noch ein großes Thema. Einige Jugendarbeiter*innen haben deshalb begonnen, sich dort mit Jugendlichen zu treffen. Das funktioniert nach wie vor sehr gut. Gänzlich in der digitalen Welt zu arbeiten, war für viele Jugendarbeiter*innen Neuland und eine große Umstellung, sowie eine totale Herausforderung.

 

jugennd braucht räume

Anlässlich des Aktionstages der OJA wurden die Sensibilisierungskampagne gestartet.

 

Die Jugendzentren, -treffs und -kulturvereine hatten also geschlossen?

Wir hatten Notöffnungen, das bedeutet, wir haben nur mit kleinen Gruppen oder Einzelpersonen gearbeitet. Auffallend ist, dass seit der Pandemie viele Themen präsent sind, die bisher nie in dem Ausmaß spürbar waren. Es gibt Berichte über Isolationen, Selbstverletzungen, Schulabbrüche, Zwänge, Abhängigkeiten und psychische Probleme. Auch auf dem Arbeitsmarkt haben es Jugendliche zurzeit schwer, diese Situation kennt man in Südtirol normalerweise nicht. Der Lockdown wird einige Dynamiken lostreten, die erst in den nächsten Jahren spürbar werden. Die eben angesprochenen Themen werden nicht vorbei sein, wenn alles wieder wie gewohnt öffnet.

Es gibt Berichte über Isolationen, Selbstverletzungen, Schulabbrüche, Zwänge, Abhängigkeiten und psychische Probleme.

Was wird auf die OJA demnach in nächster Zeit zukommen?

Wir müssen neue Wege einschlagen, den Jugendlichen vertrauen und Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Auch das Thema Nachhaltigkeit wird wichtig bleiben. Die Jugendlichen haben ein großes Bewusstsein dafür entwickelt und wollen die Gesellschaft so gestalten, dass alle darin gut leben können. Hier könnte die OJA ein geeigneter Ort sein, um Dinge auszuprobieren, zu diskutieren und neue Wege einzuschlagen. Auch Prävention und Gesundheit, vor allem psychische, werden relevant werden. Dieser Aspekt wird wiederum bei der Ausbildung von Mitarbeiter*innen eine bedeutende Rolle einnehmen. Es ist maßgebend, dass genügend Knowhow vorhanden ist, um den Jugendlichen zu helfen oder sie eventuell an Partnerinstitutionen zu vermitteln. Die OJA kann nicht alles allein machen, deshalb ist eine intensivere Zusammenarbeit mit Partnern wie zum Beispiel dem psychologischen Dienst unumgänglich. Zukünftig werden sich Jugendarbeiter*innen einerseits darauf konzentrieren, Jugendliche zu unterstützen und andererseits, Raum zur freien Entfaltung zu bieten.

 

jugend braucht räume

Engagierte Jugendliche haben ihre Gefühle in Wort und Schrift ausgedrückt und die Plakate aufgehängt.

 

Am Tag der OJA wurde mehr Raum für Jugendliche gefordert. Wie ist das zu verstehen?

Einmal geht es dabei um die Räume im Jugendtreff, die geschützt werden müssen. Denn, das sind Orte, wo junge Menschen sich ohne Zwang treffen und jugendlich, unbeschwert sein können. Aber es geht auch darum, den Jugendlichen Platz in der Gesellschaft zu geben, um Partizipation, um Anerkennung und Wertschätzung als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Ein konkretes Beispiel wäre, dass junge Menschen einen Dorfplatz mitgestalten dürfen. Außerdem sollte man offen für die Gestaltung neuer Räume sein. 

Aber es geht auch darum, den Jugendlichen Platz in der Gesellschaft zu geben.

Was würden Sie sich für die Jugendarbeiter*innen wünschen?

Derzeit sind Jugendarbeiter*innen in ihrer Arbeit und den Gestaltungsmöglichkeiten sehr frei. Wenn wir das beibehalten könnten, wäre das schon sehr viel. Ein anderes Thema ist der Personalschlüssel, der nicht allzu großzügig ausfällt. In Anbetracht der Aufgaben, die jetzt auf uns zukommen, wäre es sinnvoll mehr zu investieren. Wenn die Probleme junger Menschen jetzt nicht gesehen und in Angriff genommen werden, begleiten sie uns die nächsten Jahrzehnte mit noch nicht absehbaren Folgen. Gut ausgebildete Leute vor Ort können viel bewirken, dafür benötigt man aber kontinuierlich Personal und das kostet Geld. Die Tendenz geht momentan in Richtung Kürzungen.

In Anbetracht der Aufgaben, die jetzt auf uns zukommen, wäre es sinnvoll mehr zu investieren.

Welche Kernkompetenzen werden Jugendarbeiter*innen in Zukunft benötigen?

Eine gute Beziehung zu jungen Menschen ist grundlegend. Neu dazugekommen ist die Vielfältigkeit. Die Jugendarbeiter*innen müssen breit aufgestellt sein, wenn nicht allein, dann wenigstens als Gruppe. Nur als gut ausgebildetes Team werden die verschiedenen Anforderungen zukünftig bewältigt werden können.

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