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Bioland Südtirol
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Biolandwirtschaft

Almweide innovativ gedacht

Nur mit professioneller Weideführung bleiben die Almweiden offen und die Almwirtschaft erhalten. Es ist an der Zeit traditionelle Wirtschaftsweisen zu überdenken.
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Im gesamten Alpenraum bleiben Almflächen immer häufiger ungenutzt. In Südtirol zeichnet sich dieser Trend ebenfalls ab, wenn auch weniger stark. Südtirols Almflächen, auf denen es fast keine gelenkte Weideführung gibt, zeigen zwei Tendenzen: Da gibt es zum einen Gunstlagen, die das frei weidende Vieh gerne aufsucht und dort Sommer für Sommer zu stark nutzt. Zum anderen zeigen viele andere Almweideflächen, dass sie jahrelang zu wenig intensiv beweidet wurden. Futter ist überständig, die Flächen verbuschen und verwalden. Diese unternutzen Weiden überwiegen deutlich und nur selten ist die Ursache, dass weniger Tiere auf der Alm sind.

Die Almwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: In den vergangenen 30 Jahren wurden in Südtirol weit über 100 Almen aufgegeben. Doch noch gibt es dort fast 1.600 aktive Almen. Die Zahlen des Amtes für Bergwirtschaft in Bozen zeigen, dass das Tierhalter:innen tendenziell weniger Rinder aber mehr Kleinvieh wie Schafe und vor allem Ziegen auf den Almen sömmern. Außerdem ändern sich mit dem Klimawandel auch wichtige Rahmenbedingungen für die Almweide. Es ist also Zeit, sich über die aktuell gängigen Alpungsstrategien.

Tiere wählen gern die besten Flächen

Was vielfach fehlt, sind Hirten für eine gezielte Weideführung oder umzäunte Portionsweiden. Auch die regelmäßige, wichtige Pflege wird zu oft vernachlässigt. Diese Maßnahmen sind unbedingt notwendig, um die Unternutzung und Verbuschung zu vermeiden. Auf vielen Almen steht stattdessen mittlerweile der Ausschank im Mittelpunkt und der Hauptjob des Hirten ist es oftmals, Wanderer zu bewirten. Auch hier wird es neue innovative Konzepte brauchen, um wieder ausreichend Arbeitskräfte für die bewirtschaftung außerhalb des Tourismus auf die Alm zu bringen. Will man Almflächen und deren Futterqualität erhalten, muss man sie gezielt bestoßen.

Gute Argumente sprechen dafür, das riesige regionale Futterpotenzial der Südtiroler Almweiden mit 116.000 ha bestmöglich zu nutzen: Da sind zum einen die aktuellen Entwicklungen am Futtermittelmarkt und zum anderen der zunehmend kritische Blick der Konsumentinnen und Konsumenten auf die Fütterung unserer Nutztiere.

Gezieltes Bestoßen erhält Futterqualität

Schon kurz nachdem es auf der Alm zu grünen beginnt, kann man mit dem Jungvieh auf die ersten Almflächen ziehen. Ist der erste Aufwuchs erst einmal höher, verschmähen die Rinder das Futter bald. Auch die Futterqualität verschlechtert sich rasch. Der Klimawandel stellt inzwischen auch viele traditionelle Auftriebstermine in Frage. Es gibt festgelegte Rahmen für den Almauftrieb, allerdings sind diese nicht unverrückbar. Wer daran Interesse hat, kann mit den zuständigen Behörden auch einen früheren Auftriebstermin vereinbaren. Im Herbst hingegen sollten Tierhalter und Tierhalterinnen mit dem Abtrieb nicht unnötig warten, ein rechtzeitiger Abtrieb schont den Pflanzenbestand für das kommende Frühjahr.

Die Tiere gut vorzubereiten, zahlt sich ebenso aus wie eine durchdachte Weidefolge mit unterschiedlichen Tierarten. Treibt man Schafe vor den Rindern rasch über die Flächen, so beißen sie eventuell überständiges Futter aus dem Vorjahr zurück. Die Nachweide mit Pferden im Herbst hat einen ähnlichen Effekt. Mit Wiederkäuern und Pferden abwechselnd zu weiden, ist auch sinnvoll für das Management der Weideparasiten. Pferde sind immun gegen viele der klassischen Darmparasiten von Rindern, Schafen und Ziegen. Die Darmparasiten der Pferde wiederum machen den Wiederkäuern nichts aus. So halten die Tiere sich gegenseitig die Weide sauber.  

Eine Bio-Alm birgt Potenzial

Aktuell gibt es in Süd- und Nordtirol sehr wenige Bio- und Bioland-Almen. Die meisten davon sind kleinere Privatalmen, die Teile von Höfen sind. Dort weiden vor allem Jung-, Mast- und Galtvieh oder auch Schafe, Ziegen oder Pferde. Private Melkalmen sind selten. Vor allem in Nordtirol gibt es aber einige Bioland-Betriebe die solche Privatalmen mit Milchvieh bestoßen und direkt von der Alm aus Milch liefern.  

 

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Die Gonda-Alm im Matschertal ist bislang die einzige Bioland zertifizierte Gemeinschaftsalm.

 

Aktuell gibt es nur eine große Bioland-zertifizierte Gemeinschaftsalm, nämlich die Gonda-Alm im Matschertal bei Mals. Hier weiden nicht nur Milchkühe, sondern auch Jung- und Galtvieh sowie Schafe und Ziegen. Die Bio-Milch fließt in einer Pipeline zur ehemaligen Dorfsennerei ins Tal, die einen kleinen Teil der Milch verarbeitet. Der Großteil der Milch geht von dort an die Milchgenossenschaft Bergmilch.

Die Umstellung von Gemeinschaftsalmen auf bio bietet viele Chancen. Denn viele konventionelle Gemeinschaftsalmen in Südtirol haben inzwischen Schwierigkeiten, ihre Almplätze voll zu belegen, besonders mit Milchkühen. Bei Bio-Almen war das bisher nicht der Fall. Das Sömmern entlastet die Bauern im Tal. Die Bio-Zertifizierung bietet nicht nur die Chance, Bio-Milch von der Alm aus zu liefern, sondern auch Produkte aus der Almkäserei anzubieten.

Allerdings ist die Struktur der Gemeinschaftsalmen eine Hürde bei der Umstellung. Denn viele Bauern sind mit eingetragenen Weiderechten beteiligt. Dadurch können wenige den Wunsch der Mehrheit für eine Bio-Umstellung blockieren, wenn sie weder auf ihr Weiderecht verzichten wollen noch bereit sind, ihr Vieh auf eine andere Alm zu stellen. Gerade in bäuerlichen Dorfgemeinschaften bietet die Frage nach einer ökologischen Bewirtschaftung der gemeinsamen Fraktionsalm sozialen Zündstoff.

 

AUTOREN: Christian Kofler, Jonas Wilhalm, Bioland Südtirol, Andreas Kasal, Versuchszentrum Laimburg, Emilio Dallagiacoma, Amt für Bergwirtschaft in Bozen, Elmar Frank, Almhirte in Südtirol

 

 

„Im zweiten Sommer wird es einfacher“

 

Drei Fragen an Elmar Frank, Almhirte und Zusenn auf der Laatscher Alm im Vinschgau. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit innovativer Almführung: 

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Was habt ihr auf der Laatscher Alm verändert und warum?

Elmar Frank: Wir haben im Almsommer zuvor beobachten können, dass die Milchkühe das Futter auf den Weideflächen großteils zertreten haben. Daher haben sie es nicht sauber und effizient abgefressen. Deshalb haben wir die Weideflächen in Koppelweiden eingeteilt, gezielt und reduziert Heu und Kraftfutter zugefüttert. Dadurch haben wir erreicht, dass die Tiere die Almflächen besser und effizienter abweiden.

 

Wie groß war der Aufwand für die gelenkte Weideführung?

Frank: Wir haben einen Rotationsplan der Koppelweiden erstellt und sind dann immer nach Plan in den Koppeln weitergezogen. Der Aufwand im ersten Jahr war beachtlich! Wir haben Kurse besucht und einige Bücher gelesen, um uns richtig zu informieren. Auch das einmalige Einzäunen der Koppeln war aufwendig. Hinzu kommt das tägliche Bewerten der Koppeln, um den richtigen Zeitpunkt für den Koppelwechsel zu bestimmen. Heuer im zweiten Sommer wird es sicherlich einfacher und der Aufwand geringer.

 

Lohnt sich die geänderte Bewirtschaftung?

Frank: Wir konnten beobachten, dass das Graswuchs auf den Weideflächen viel dichter wächst. Wir gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahren noch dichter werden wird. Zudem sind die Kühe durch die gelenkte Weideführung an Orte gekommen, wo schon Jahre lang keine Kuh mehr geweidet hat. Dies wirkt positiv, weil es die Waldgrenze zurückhält. Zu guter Letzt: obwohl wir weniger Kraftfutter und Heu zugefüttert haben, konnten wir beobachten, dass die Milchleistung der vorangegangenen Jahre gehalten werden konnte.

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