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Interview

"Die Zukunft? Nicht ohne Päpstin"

Teresa Forcades, Nonne und Harvard-Medizinerin, kommt nach Südtirol. Ihre radikalen Standpunkte greifen den status quo der Kirche an. Und doch ist sie Teil davon.
Von
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Valentina Gianera28.09.2021
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Ärztin, Harvard Studentin und Nonne. Teresa Forcades hat sich für ein Leben in der katholischen Gemeinschaft der Benediktiner-Nonnen in Barcelona entschieden und lebt zwischen Weltreisen und Klausur, zwischen öffentlichen Auftritten und einem Leben mit Gott. Heute (Dienstag) dialogiert Teresa Forcades mit der trientner Theologin Milena Mariani in der Jugendkirche in Meran (20:00 Uhr), am Mittwoch ist sie im Kristall Theater in Bozen zu sehen (20:30 Uhr). Salto.bz hat mit Schwester Forcades vorab über ihre radikalen Standpunkte innerhalb der katholischen Kirche – queere Theologie, die Möglichkeit einer Päpstin und Kapitallimits für private Betriebe – gesprochen und die gebürtige Katalanin auch zu regionalen Unabhängikeitsbewegungen befragt.

 

Salto.bz: Schwester Forcades, Sie sind eine in Klausur lebende Nonne und bereisen die Welt. Beißen sich diese beiden Dinge nicht?

Teresa Forcades: In der katholischen Kirche gibt es zwei Arten von in Klausur lebenden Nonnen, päpstliche und konstitutionelle. Unsere ist eine konstitutionelle Klausur. Das bedeutet, dass die Gemeinschaft entscheidet, wie weit die Mitglieder reisen und für wie lang sie sich vom Kloster entfernen dürfen.

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Teresa Forcades: "Wenn eine Päpstin nicht schon bald möglich wird, sehe ich für die katholische Kirche keine Zukunft." (Foto; Facebook)

 

Die Positionen, die Sie in der Öffentlichkeit vertreten, sind radikal und wenden sich deutlich gegen die herrschenden kirchlichen und gesellschaftlichen Normen. Inwiefern können Ihre Positionen, mit denen der katholischen Kirche vereint werden? Und wo sehen Sie diesbezüglich die größten Differenzen?

Wo ich mit der katholischen Kirche absolut nicht übereinstimme, ist in der Tatsache, dass die Ämter wie jene des Diakons, des Priesters oder des Bischofs nur von Männern bekleidet werden dürfen. Ich bin auch absolut nicht damit einverstanden, dass LGBTQ+ Paare nicht von der Kirche gesegnet werden dürfen. Und ich sträube mich gegen die Überzeugung, dass Frauen, die abtreiben, vom Staat als Kriminelle behandelt werden sollen. Vor dem Amtsantritt von Papst Franziskus wurden Theologen und Aktivisten der Kirche, die sich öffentlich zu solchen Positionen bekannten, verfolgt. Jetzt ist das nicht mehr der Fall, soweit ich aus meiner eigenen und der Erfahrung anderer weiß.

Das Rollenverständnis der katholischen Kirche schreibt Frauen eine unterwürfige Rolle gegenüber Männern vor. Sie prangern dieses Rollenverständnis öffentlich an, sind aber trotzdem Teil der Kirche. Riskieren Sie durch Ihre Aktivitäten nicht, eine grundsätzlich frauenfeindliche und patriarchalische Institution zu legitimieren?

Ich bin Teil der katholischen Kirche und unterstütze diese, obwohl sie eine misogyne und patriarchalische Institution ist – denn das ist sie –, weil ich nicht glaube, dass sie von Grund auf so ist. Ich glaube, dass sich die katholische Kirche verändern kann. In meinem Kloster spielen Engagement und die Handlungsmacht der Frauen seit dem 14. Jahrhundert eine grundlegende Rolle. Es gibt hunderte heilige Frauen in der katholischen Kirche; ihr Leben, ihre Arbeit und die sozialen Initiativen, die einige von ihnen ins Leben gerufen haben, sind außergewöhnlich und wurden trotz allem von der Kirche bewahrt und gewürdigt.

 

Ich bin Teil der katholischen Kirche und unterstütze diese, obwohl sie eine misogyne und patriarchalische Institution ist – denn das ist sie –, weil ich nicht glaube, dass sie von Grund auf so ist.

 

Worin sehen Sie die Zukunft der katholischen Kirche? Werden wir jemals eine Päpstin haben? Und sollten wir das?

Wenn eine Päpstin nicht schon bald möglich wird, sehe ich für die katholische Kirche keine Zukunft. Für mich ist die Figur des Papstes ("the pope") eine vereinende. Als solche kann die Figur verschiedene Formen annehmen, die Gemeinschaft betonen, anstatt Autorität von oben.

Was veranlasst Sie dazu, den Lehren der katholischen Kirche zu folgen?

Trotz der Bezeichnung “Dogmen” sind die zentralen Lehren der katholischen Kirche offen für Interpretation. Ich interpretiere sie auf eine Art und Weise, die für viele vielleicht überraschend scheinen mag, die in meinen Augen jedoch sinnvoll erscheint und in einer langen, ununterbrochenen und von der Kirche erhaltenen feministischen Tradition ("women’s tradition") gründet. Ich folge den Lehren der Kirche nicht blind, sondern setze mich verantwortungsbewusst damit auseinander.

Zu etwas anderem: Sie kommen aus Katalonien und stellen sich öffentlich hinter die Unabhängigkeitsbewegung der Region. Inwiefern geht Ihre Überzeugung über Fragen von Identität und Wirtschaftlichkeit hinaus?

Nationalstaatliche Grenzen wurden in der Vergangenheit durch Kriege definiert. Lassen wir es zu, dass sie heute durch eine demokratische Wahl definiert werden! Und dann setzen wir uns dafür ein, dass der Anhäufung von Kapital Grenzen gesetzt werden, um den Witz, so zu tun, als ob nationale Grenzen wichtig wären, während einige wenige multinationale Betriebe mehr Wirtschaftskraft haben als die meisten Nationen, zu vermeiden.

 

“Queer” stellt jegliche Kategorie infrage und lädt uns wie Gott dazu ein, authentisch zu sein.

 

Auch in Südtirol gibt es eine Unabhängigkeitsbewegung, die jedoch vor allem durch identitäre Ideen genährt wird. Wie vereinen Sie Ihr Bekenntnis zur gesellschaftlichen Vielfalt mit dem Bedürfnis nach regionaler Unabhängigkeit?

“Pure” Kulturen oder Identitäten gibt es nicht. Das sind Konstrukte, die dafür entwickelt wurden, um andere auszuschließen. Wir sind alle ein Mix und Austausch ist, was uns interessant macht. Eine kulturelle und politische Identität muss nicht chauvinistisch oder exklusiv sein. Sie kann offen sein für Entwicklung und Veränderung und sich ihrer Zerbrechlichkeit und Abhängigkeit bewusst sein. Die Selbstbestimmung der Bevölkerung zu promovieren generiert Vielfalt. Würde Spanien seine multinationale Essenz anerkennen, wäre die Unabhängigkeit Kataloniens weniger notwendig.

Nur der Neugierde wegen, Sie sind davon überzeugt, dass “queere Theologie” kein Oxymoron darstellt. Wie erklären Sie diese Überzeugung?

Ich glaube, dass Gott uns alle dazu einlädt, die Welt in unserer eigenen Originalität auszudrücken. Jede Person ist einzigartig und kann unmöglich kategorisiert werden. “Queer” stellt jegliche Kategorie infrage und lädt uns wie Gott dazu ein, authentisch zu sein, komme, was wolle.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Silke Raffeiner
Silke Raffeiner 28.09.2021, 23:04

Danke für dieses intelligente Interview.
Mir fällt dabei spontan der Film "Das brandneue Testament" (Le tout nouveau Testament, Dio esiste e vive a Bruxelles) mit seinem optimistischen Ende - Gottes Tochter und Frau übernehmen das Heft - ein. Eine Empfehlung!

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