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Agostino Fuscaldo
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Salto Gespräch

Ein Held und sein Obmann

Ein Salto-Gespräch mit Albin Pixner vom MuseumPasseier über „verrauschte“ Jahre, glückliche Passeirer und das Interesse an Andreas Hofer aus dem italienischen Kulturraum.
Von
Bild des Benutzers Martin Hanni
Martin Hanni01.03.2020
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salto.bz: Zum 210. Todestag von Andreas Hofer wurde jüngst ein Hofer-Museum in Mantua eingeweiht. Woher rührt das Interesse für den Sandwirt im italienischen Sprachraum?

Albin Pixner: Ja, das verstärkte Interesse für Hofer ist augenscheinlich. Im Trentino, dem ehemaligen Welschtirol, geht das teilweise auf Initiativen der Schützen zurück, die immer wieder neue Kompanien gründen und jede Gelegenheit nutzen, historische Stätten zum 1. Weltkrieg oder zu Andreas Hofer wieder aufleben zu lassen. Im Sinne der Identitätsfindung weist man auf die gemeinsame Geschichte hin, was auch politisch mit der Aufwertung der Euregio einhergeht. Unsererseits werden Projekte mit der Fondazione Museo storico del Trentino ausgearbeitet. In Mantua scheint Hofer als Symbolfigur des „Sich Wehrens“ ebenso hoffähig geworden zu sein, entscheidend ist auch hier die Initiative eines Vereins und der politische Wille.

Sie sind seit über zwei Jahrzehnten Obmann des MuseumPasseier. 2020 soll Ihr letztes Jahr in dieser Funktion sein. Sie werden das Museum in den nächsten Monaten verlassen. Warum?

„Jetzt, wenn du in Pension bist, wirst du wohl noch mehr Zeit fürs Museum haben“, sagen viele. Inzwischen sind aber bald 25 Jahre als Obmann „verrauscht“, wobei darunter auch die Mitarbeit bei der Museumsleitung zu verstehen ist. Da wird man dann auch ein bisschen müde. Zudem ist die Phase, wo jährlich etwas dazu gebaut wurde, vorbei. In Zukunft wird es neben Instandhaltungsarbeiten vor allem um Sonderausstellungen und Projekte gehen und darin ist die derzeitige Direktorin Judith Schwarz bestens geschult. Die Obmannschaft kann dann auch ein geschichtlich interessierter Gemeindereferent übernehmen, so wie ich dazumal.

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Anpacken und Ausstellen: Albin Pixner beim Umbau des Museums 2009 / Foto: MuseumPasseier

 

Wenn Sie Ihre Anfänge als Obmann in Erinnerung rufen; wie hat sich das Bild auf die historische Figur Andreas Hofer gewandelt?

Wir wollten von Anfang an einen kritischen Umgang mit der Figur Andreas Hofer, das heißt, den Schutt, unter dem seine wahre Identität verborgen war, wegschaufeln. Das ist dann vor allem im Umfeld des Gedenkjahres 2009 gelungen, wo als Grundlage unserer Ausstellung Helden und Hofer 10 Historiker einen neuen Blick auf diese Tiroler Persönlichkeit lieferten. Vor allem der Mensch Hofer mit seinen Stärken und Schwächen wurde thematisiert und fand bei den inzwischen über 500.000 Besuchern große Zustimmung, auch bei einem Teil der Schützen.

Warum verehren viele Tiroler Andreas Hofer und nicht den Bauernkämpfer Michael Gaismair?

Es ist halt so, dass Helden immer ein Publikum brauchen, das sie trägt und am Leben hält. Gaismair hat mit seinen liberalen Ideen nicht den Nährboden, vor allem die Obrigkeit hat gegen ihn gearbeitet. Hofer hingegen hat es trotz letztendlicher Niederlage und Verzweiflung – nicht zuletzt wegen seiner tiefen Religiosität und seiner Märtyrergeschichte – geschafft, die Gefühle der Tiroler anzusprechen. Wenn man zudem nur ein Stück vom „Kuchen Hofer“ abschneidet, lässt er sich gut von noch so gegensätzlichen Gruppierungen für ihre Zwecke verwenden. Da kann er sich auch nicht mehr wehren!

Das oberste Prinzip eines jeden Museums sollte sein, einen Beitrag zur Friedenserziehung zu leisten…

Paul Flora hat Andreas Hofer als "älplerischen Ayatollah" charakterisiert. Finden Sie diese Zuschreibung passend oder überzogen?

Der Bart würde zu diesem Bild passen, die Beschreibung eher zu Pater Haspinger, der mit seinen Predigten aufgewiegelt hat. Natürlich hat Hofer in der Zeit als Landesregent in Innsbruck aus heutiger Sicht rückständige Befehle erlassen, insbesondere was die Keuschheit oder die Behandlung der Juden betrifft, aber nicht als studierter Rechtsgelehrter, sondern als einfacher Wirt und Viehhändler.

Dass der Bauer Andreas Hofer zum Adeligen ernannt wurde und dass der Sandhof in adeliger Obhut ist, wissen die wenigsten. Wieviel Adelsgeschichte ist am Sandhof noch zu spüren?

Die Tiroler Matrikelstiftung mit Sitz in Innsbruck, der ungefähr 150 adelige Familien aus dem historischen Tirol angehören, ist seit 1899 Besitzerin des Sandhofes. Sie verpachtet das Gasthaus und den Pferdehof. Wir als Museum haben einen Leihvertrag zum Nulltarif, der noch für 15 Jahre gilt. Zwei Vertreter sitzen in unserem Verein. Wenn man davon absieht, dass die Anrede mit „Sie“ auch nach all den gemeinsamen Jahren immer noch eine Pflicht ist, stehen sie uns nach anfänglicher Skepsis sehr wohlwollend gegenüber und schätzen die Aufwertung des Sandhofes.

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Mit Hofer unterwegs: Albin Pixner und Judith Schwarz bei der Hofer-Tour von Jänner 2009 bis Februar 2010 in einem nicht unauffällig gestalteten Kleinbus / Foto: MuseumPasseier

 

Die Sonderausstellung zu den wertvollen Bildern aus florentinischen Museen, die gegen Ende des 2. Weltkrieges über Umwege nach St. Leonhard gelangten, wird nun ins Italienische übersetzt und wandert in den Süden. Wie kam es dazu?

Wir haben zur Fondazione Museo storico del Trentino enge Beziehungen aufgebaut und auch einen Vertrag zur Zusammenarbeit geschlossen. Bei einem Besuch des Direktors Giuseppe Ferrandi, dem übrigens der ausgleichende Umgang mit einer historischen Persönlichkeit sehr imponiert hat, habe ich den Vorschlag gemacht, die Sonderausstellung, die auf großes überregionales Interesse gestoßen ist, zu übernehmen. Sie soll nun ab Ostern für einige Monate in den Gallerie di  Piedicastello zu sehen sein.

Zudem ist ein Wanderweg vom Museum in Passeier bis zum Museum in Mantua in Planung. Was möchte dieses Wegprojekt bezwecken?

Diese Points of History, welche an die Aufenthaltsorte Hofers von der Pfandleralm bis Neumarkt – mit insgesamt 4 Infopunkten – in der Hauptsache aber im Trentino – mit vorläufig 11 Points –, und bis Mantua erinnern sollen, werden von der Euregio und der Provinz Trient finanziert. Mittels kleiner Erinnerungstafeln und weiterführendem QR-Code sollen Interessierte Näheres zum Aufenthalt Hofers vor Ort erfahren. Auch digital können Vereine ihre Aktionen bekannt machen. Vor allem die Schützen des Trentino wollen mit dieser Aktion Andreas Hofer aufwerten. Eine spätere Einbindung Innsbrucks ist ebenfalls geplant.

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Kulturreise und Spurensuche: Albin Pixner gemeinsam mit weiteren Passeirer Kulturinterssierten in den Uffizien in Florenz / Foto: salto.bz

 

In einem vor kurzem erschienenen Kommentar des Journalisten Walter Mayr im Magazin "Der Spiegel" werden die Passeirer als die glücklichsten Bewohner des Staates Italiens eingestuft. Wie beurteilen Sie seine Feststellung?

Das ist natürlich ein Kompliment und wird sich wohl nur in Kommastellen von anderen Gemeinden Südtirols unterscheiden. Zu hinterfragen ist, was man unter „Glück“ versteht. Ich habe kürzlich das Buch von Anton Bucher mit diesem Titel gelesen. Als einer von 10 Punkten ist dabei wichtig, ehrenamtlich tätig zu sein. Das könnte ein ausschlaggebender Punkt sein. Ob auch das Leben in der Nähe des MuseumPasseier-Andreas Hofer dazu beiträgt, bleibt offen.

Wie glücklich sind Sie über die Besucherzahlen in dem von Ihnen betreuten Museum?

Ich wundere mich, dass nach 20 Jahren immer noch an die 20.000 Besucher jährlich bei uns Halt machen. Glücklich machen mich einige Einträge im Gästebuch, die aufzeigen, dass man sich ein solch aufgeschlossenes, gut konzipiertes Museum in einem Südtiroler Seitental nicht erwarten würde. Dafür danke ich allen, die dazu beigetragen haben. Das oberste Prinzip eines jeden Museums sollte sein, einen Beitrag zur Friedenserziehung zu leisten… und das ist sogar bei diesem kriegerischen Thema gelungen. 

Also harte Schale, weicher Kern!

Bereits Beda Weber beschrieb in „ Das Thal Passeier und seine Bewohner“ das Passeirer Gemüt. Was zeichnet den Passeirer Charakter heute aus?

Beda Weber schreibt davon, dass bei den Passeirern nicht der Verstand vorherrschend ist, sondern das „Gemüth“: die Frauen haben die weichsten Herzen der Welt und auch die Männer sind im Inneren weicher und frauenhafter als anderswo, wenn sie auch äußerlich derb erscheinen. Also harte Schale, weicher Kern! Das hat sich auch in einer Umfrage – neben Eigenschaften wie Musikalität, Erfindergabe und Fanatismus für die „Goas“ – bestätigt und wird in unserer Ausstellung „Mier Psairer“ thematisiert. Es passt eigentlich nicht zum Bild des Starken, des Haudegen, das man gerade in Zusammenhang mit Andreas Hofer gerne nach außen getragen hat.

In 40 Jahren wird der 250. Todestag von Andreas Hofer begangen. Was wünschen Sie dem Passeirer Helden-Gedenk für die Zukunft?

Sicherlich wird man ihn dann wieder aus der Mottenkiste holen und verstärkt hochleben lassen. Bis dahin wünsche ich dem Ander, dass ihm die vielen großspurigen Sprüche und Meinungen, die ihm bei verschiedensten Anlässen landauf landab in den Mund gelegt werden, im Jenseits nicht zu sehr aufs Gemüt schlagen!

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Albin Pixner, geboren 1955 in St. Leonhard in Passeier. Studium an der Universität Innsbruck Geografie im Hauptfach, Geschichte im Nebenfach. Abschluss des Studiums mit dem Doktorat in Philosophie 1981. In Zusammenarbeit mit Harald Haller begann er 1995 mit der Konzeption eines neuen MuseumPasseier. / Foto: MuseumPasseier
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