Forum Alpbach
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Tagebuch aus Alpbach

Die Alpblase

Junge SüdtirolerInnen schreiben über ihre Eindrücke am Europäischen Forum Alpbach. Heute Mathias Rauch* über den Elfenbeinturm in Alpbach.
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Die letzte Woche in Alpbach bricht an und nun ist es an mir, eine persönliche Zwischenbilanz abzugeben. Schon jetzt kann ich für mich ein positives Fazit ziehen. Eine große Menge an Expertise aus unterschiedlichen Fachbereichen regt dazu an, sich aus dem eigenen Wissensgebiet herauszuwagen, den Horizont zu erweitern und Verknüpfungen zwischen den unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten herzustellen. Man fühlt sich wohl unter Gleichgesinnten und kann sich in guter Atmosphäre austauschen und vernetzen. Stressig wird es eigentlich nur, wenn gleichzeitig mehrere interessante Seminare oder andere Gespräche angeboten werden und sich die Angst davor, etwas zu verpassen, breit macht.
Für mich gibt es aber einen großen Kritikpunkt, den ich hier als die Alpblase bezeichnen möchte. Eine sogenannte Blase oder Bubble entsteht, wenn man sich hauptsächlich mit Gleichgesinnten umgibt und dadurch den Kontakt zu Andersdenkenden und deren Ansichten verliert. Genau dieses Phänomen lässt sich hier in Alpbach täglich wunderbar beobachten. Akademisch Gebildete sind während des Forums bis auf wenige Ausnahmen unter sich, was ohne Zweifel seine Vorteile hat, da so fruchtbare Zusammenarbeiten entstehen können und gemeinsam die drängenden und auch weniger wichtigen Probleme dieser Welt debattiert werden. Nur geschieht dies eben in besagter Blase und lässt die Ansichten und Meinungen der breiten Bevölkerung problematischerweise häufig außen vor. Hitzige Debatten kommen meist, wenn überhaupt, nur bei Details auf, weil man sich eben auf einer Welle befindet und ähnliche Hintergründe und Ansichten hat.
Globale Herausforderungen wie die bevorstehende Klimakatastrophe lassen sich aber nicht nur von "oben herab" lösen, sondern brauchen dringend die Akzeptanz und das Verständnis der gesamten Bevölkerung, denn es sind Maßnahmen nötig, die Verzicht und Umstellung für alle bedeuten. Wenn sich Teile der Zivilbevölkerung allerdings nicht dafür interessieren oder die notwendigen Maßnahmen ablehnen, werden sie gerne als ignorant abgestempelt. Genau hier liegt das große Problem. Ein anderes Beispiel sind die aktuellen Erfolge der sogenannten populistischen Parteien in Europa und anderen Teilen der Welt. Deren Wählerinnen und Wähler werden kurzum als ungebildet und hoffnungslos abgetan, sie verstehen es einfach nicht besser. Genau hier liegt das große Problem. Ich selbst habe meinen akademischen Hintergrund in Sprachen und dem Spracherwerb, aber auch ohne diesen sollte klar sein, dass wissenschaftliche Texte und Fachgespräche nur sehr schwer zugänglich sind, wenn man sich nicht eingehend damit beschäftigt hat. Genau hier liegt das große Problem.
Wissenschaft muss raus aus der Alpblase! Wissenschaft muss raus aus den Unis!
Wissenschaft muss raus aus der Alpblase! Wissenschaft muss raus aus den Unis! Fakten müssen zugänglicher werden, sei es in Puncto Verfügbarkeit, als auch Verständlichkeit und Greifbarkeit. Die Gefahr von Fake News und Populismus könnte so vermindert, das Fortbestehen unserer Demokratie gestärkt und das Klimaproblem möglicherweise einfacher in den Griff bekommen werden. Wir brauchen die Freiheit, dass alle Zugriff auf aktuelle Forschungsergebnisse haben und die Sicherheit, dass diese auch verstanden werden können. In diesem Sinne: Lasst die Alpblase platzen.
 

* Mathias Rauch ist einer von 15 Stipendiatinnen, die durch den Club Alpbach Südtirol Alto Adige (CASA) die Möglichkeit erhalten haben, am Europäischen Forum Alpbach teilzunehmen. In diesem Tagebuch-Blog schreiben sie über ihre Eindrücke und Erfahrungen von diesem internationalen Kongress.

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