Kultur | Gegendarstellung

„Erstaufführungen auf die Bühne bringen“

Man ist nicht immer einer Meinung. Eine Meinung, die sich stark von meiner unterscheidet, hat der Direktor der Meraner Festspiele Philipp Genetti zum Stück „Die Wölfe“.
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Foto: Meraner Festspiele
Fehler wurden gemacht. In meinem Kommentar zum Stück „Die Wölfe“, von Luis Zagler unter der Regie von Judith Keller der Montag letzter Woche erschien, habe ich von der Bezeichnung als Rezension abgesehen und in die Dachzeile des Artikels „Kommentar“ geschrieben, da ich die Kriterien für eine Rezension nicht erfüllte. Mit dem, was mich am Stück störte, schien mir das eine Möglichkeit, die Laiendarsteller und anderen nicht professionellen Beteiligten an dem Stück aus dem Diskurs auszuklammern. Ein Aspekt, den ich nicht gewürdigt und zur Sprache gebracht habe ist, dass es sich um die einzige mir bekannte Uraufführung eines neuen Stücks bei den Freilichttheater-Aufführungen dieses Sommers handelt. Von der Lektüre eines Stückes vorab will ich weiterhin absehen, sehr wohl aber denke ich, dass in Zukunft die Lektüre des Stücks nach der Vorstellung mit Ungereimtheiten bezüglich Zuweisungen zu Regie und Autor aufräumen kann, wo es möglich sein wird den Text zu erhalten.
 
 
Herr Genetti, Sie haben 2017 zusammen mit dem Tiroler Dramatiker Luis Zagler die Initiative für Ur- und Erstaufführungen gegründet, um die Entstehung neuer Theaterliteratur in Südtirol zu fördern. Daraus hervorgegangen sind die SchlossFestSpiele Dorf Tirol und 2018 die „Meraner Festspiele“, denen Sie als Vereinspräsident vorstehen. Warum braucht Südtirol so eine Initiative?
 
Philipp Genetti: Weil wir davon überzeugt sind, dass die Entstehung von neuer Theaterliteratur in unserem Land eine Chance bekommen und auch mehr gefördert werden sollte. Neue Theaterliteratur entsteht aber nur, wenn wir Südtiroler Autoren und Autorinnen auch eine Bühne dafür bieten. Das geschieht durch die Initiative für Ur- und Erstaufführungen. Das war der Grund, dass wir 2017 auf Schloss Tirol die „SchlossFestSpiele“ gegründet haben. Mit der Austragung der Uraufführung „Die Verfolgten“ haben wir den Grundstein für unsere Initiative gelegt. Allerdings wollte der Tiroler Bürgermeister schon im Jahr darauf die SchlossFestSpiele zu einer Touristenattraktion umgestalten. Das gab den Anstoß, die „Meraner Festspiele“ ins Leben zu rufen und damit gleichzeitig die Tradition der historischen Meraner Volksschauspiele wieder aufzunehmen und für ein Publikum von heute weiterzuentwickeln. Dass wir in diesen Aufbaujahren mit dem Tiroler Dramatiker Luis Zagler einen erfahrenen Autor gewonnen haben, dem es immer wieder gelingt, große Themen aus der Geschichte unseres Landes zu packenden und künstlerisch hochwertigen Schauspielen zu verarbeiten, sehen wir als besonderen Glücksfall. Nur so konnten wir von Anfang an unserer Ausrichtung treu bleiben, Ur- und Erstaufführungen auf die Bühne zu bringen und damit zu den anderen Freilichtbühnen einen Kontrapunkt zu setzen, die lieber auf altbewährte Stücke zurückgreifen, die wo anders schon 100-mal inszeniert worden sind.
 
Mit dem neuen Schauspiel „Die Wölfe“ haben Sie mit ihrer Initiative eine weitere Uraufführung auf die Bühne gebracht. Wie fiel die Entscheidung auf dieses Thema? Was wollen sie damit bezwecken?
 
Es ist bei uns so, dass der Autor uns ein Thema vorschlägt und wir uns dann überlegen, was gerade dran ist. Daraufhin gebe ich das Stück in Auftrag. Mit dem diesjährigen Stück wollten wir auf die brandaktuelle Thematik rund um den Wolf in unserem Land aufmerksam machen und damit aufzeigen, dass es sich bei diesem Thema um eine Thematik handelt, über die die meisten Leute in der Stadt und im Tal wenig bis gar nichts mitbekommen. Luis Zagler hat als Dramatiker auch heuer wieder ganze Arbeit geleistet und mit dem Theaterstück „Die Wölfe“ auf eine spannende Art und Weise eine Geschichte aus der Geschichte erzählt, die das Publikum für die Thematik sensibilisiert. Es ist dann die Aufgabe des Theaterbesuchers, sich ein Urteil darüber zu bilden. Die Aufgabe des Schauspiels liegt nicht darin, zu moralisieren, sondern auf Missstände hinzuweisen und Diskussionen anzuregen. Wer in dem Stück etwas anderes herauslesen will, der hat die Zielrichtung des Stückes missverstanden.
 
Salto.bz: Mit dem Stück möchte man für das Thema sensibilisieren. Ist ein Stück aus der Sicht von Bauern, die, gerade vor 200 Jahren, den Wolf als Konkurrenz erlebten, problematisch?
 
Vielleicht ist es gut, wenn wir zuerst nochmal klären, worum es in diesem Stück geht. Erzählt wird im Stück „Die Wölfe“ eine Geschichte aus der Geschichte Tirols um das Jahr 1816. Es ist deshalb wichtig, dass man das Schauspiel auch vor dem Hintergrund belegbarer historischer Tatsachen betrachtet. Die Aufgabe des Dramatikers Luis Zagler lag vor allem darin, die Umstände, mit denen die Bergbauern um die Jahre 1814-1817 zu kämpfen hatten, in ein packendes Stück so zu verarbeiten, um damit dem Publikum einen Eindruck zu vermitteln, mit welcher Realität die Menschen von damals in unserem Land zu tun hatten. Aber zurück zu Ihrer Frage, die ja auf den Begriff „Sensibilisierung“ abzielt. Als ich diesen Begriff in einem Interview verwendet habe, dachte ich konkret daran, dass wir mit dem Stück „Die Wölfe“ auf die Problematik aufmerksam machen. Es kann doch nicht sein, dass wir sagen, das Problem gibt es nicht, wenn kaum eine Woche vergeht, dass nicht Menschen in unserem Land unmittelbar davon betroffen sind. Dass die Thematik viel komplexer ist, als viele es sich wünschen, ist klar. Darüber muss diskutiert werden. Das heurige Stück ist unser kultureller Beitrag dazu, diese Diskussion in Gang zu bringen.
 
Wo sehen Sie in dem Stück Positionen, die für ein Zusammenleben mit dem Wolf sprechen?
 
Es gibt im Stück im Wesentlichen zwei Personen, die diese Position auf ihre Art und Weise vertreten. Das ist zum einen der Sohn des Grafen und zum anderen, in einer etwas abgeschwächten Form, die Person des Wolfram Schäfer. Beide vertreten eine sehr differenzierte Sichtweise und setzten sich gleichzeitig für bestimmte Rechte ein, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Jeder, der sich das Stück aufmerksam ansieht, wird erkennen, dass der vermeintliche Lösungsansatz der Bauern natürlich einen Haken hat. Das ist ja gerade das, was dem Theaterautor gelingt. Er zeigt Handlungsabläufe, kommentiert sie aber nicht. Das ist unsere Aufgabe als Theaterbesucher. Wir dürfen nicht vergessen: Das Stück erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1816. Wer sich darauf einlässt, wird sofort erkennen, dass die Thematik in dem Stück von mehreren Seiten beleuchtet wird. Es kommen auch alle gesellschaftlich relevanten Vertreter der damaligen Zeit vor. Wenn der Theaterautor es geschrieben hätte, wie es sich vielleicht vereinzelte Zuseher erwarten, wäre es wahrscheinlich ein fürchterlich langweiliges Stück geworden. Das wäre dann Papier, wie wir im Fachjargon sagen, aber nicht das Leben, wie es wirklich ist. Natürlich ist das Thema „Wolf“ komplex, aber genau darauf wird über die verschiedenen Personen im Stück aufmerksam gemacht. Das ist eben die Kunst des Schauspiels. Dass es dem Autor gelungen ist, eine Diskussion über das Thema in Gang zu setzen, wie auch wir sie hier führen, beweist letztlich, dass die Wirksamkeit von Theater noch immer gegeben ist. Ich glaube nur, dass es auch wichtig gewesen wäre, dass man auch als Rezensent dem Theaterautor und dem Stück gerecht wird. Das scheint mir bei nicht allen Rezensionen bislang der Fall zu sein.
 
Welches Verständnis hat man von dem Begriff eines „historischen Spiegels“, der vorab fiel um das Stück zu beschreiben? In welcher Hinsicht ist das Stück historisch, in welcher nicht?
 
Wir haben bei dem Stück „Die Wölfe“ immer von einem Stück gesprochen, dessen Handlungsgeschehen aus der Geschichte Tirols entnommen ist. Diese Geschichte ist wie ein Spiegel dessen, was wir auch in unserer Zeit erleben. Die Probleme, die Menschen auf den Berghöfen mit den Wölfen damals hatten, haben sie vielerorts auch heute wieder. Wenn einer in der Stadt lebt, hat er diese Probleme derzeit noch nicht, aber die Menschen, die auf den Berghöfen wohnen oder unsere Almen bewirtschaften, haben diese Probleme. Ich denke, das sollten wir auch zur Kenntnis nehmen. Es geht in diesem Stück „Die Wölfe“ ja aber nicht nur um das Thema Wolf. Da geht es auch um starke Frauen, die sich in einer von Männern beherrschten Welt behaupten und am Ende als wahre Heldinnen dastehen. Es geht um Gerechtigkeit, Korruption, Missbrauch. Das sind im Grunde alles Themen, die von ihrer Aktualität bis heute nichts verloren haben. Wer diese Themen im Stück übersieht, wie das ja auch aus Ihrer Rezension zum Ausdruck kommt, der hat sicher zu wenig aufmerksam zugesehen und wird in seinem Urteil dem Stück nicht gerecht.
 
Wo denken Sie braucht es Sensibilisierung für das Thema Wolf? Bei der Stadtbevölkerung, welche den Wolf zum Teil romantisch verklärt, oder bei Bauern und Jägern, die den Nutzen des Wolfes für Ökosysteme vielleicht zu wenig kennt?
 
Diese Frage sollten wir, denke ich, den Jagdaufsehern oder betroffenen Bauern stellen, nicht uns Kulturschaffenden. Wir haben mit dem Stück „Die Wölfe“ eine Thematik aufgegriffen, die es wert ist, auf die Bühne gebracht zu werden. Als Veranstalter haben wir damit neue Theaterliteratur in unserem Land ermöglicht und gefördert. Für das hochaktuelle Stück, das wir auf die Bühne gebracht haben, hat der Dramatiker Luis Zagler lange recherchiert. Dass es ihm gelungen ist, dieses Brandthema zu einem kraftvollen Schauspiel auszuarbeiten, sollte, meines Erachtens, viel mehr gewürdigt werden. Jedem Kritiker sollte vor allem klar sein, dass wir als Verein die einzige Freilichtbühne in unserem Land sind, die authentische Uraufführungen – noch dazu von einem Südtiroler Autor – auf die Bühne bringen, während rundherum alle nur auf „Nummer sicher“ gehen und tausendfach Bewährtes bieten. Ich würde mir wünschen, dass zumindest dieser Einsatz und dieses Bemühen der Meraner Festspiele auch von unseren Kritikern anerkannt wird.
 
Wäre es für Sie wünschenswert, dass ein Redakteur vor dem Besuch einer Aufführung das Stück liest, um entscheiden zu können, welche Entscheidungen der Autor und welche die Regie getroffen hat? Ist die Theatererfahrung dadurch noch repräsentativ für das, was ein normaler Besucher erlebt?
 
Wir verwechseln hier den Begriff „Rezensent“ mit „Redakteur“. Ein Redakteur kann natürlich auch ein Rezensent sein, ist in der Regel aber etwas anderes als ein Rezensent. Der sollte nämlich auch ein entsprechendes Wissen mitbringen, bevor er sich über eine Uraufführung hermacht, um nicht zu sagen, sie niedermacht. Was die diesjährige Freilichtaufführung des Schauspiels „Die Wölfe“ anbelangt, so wäre dazu auch ein gewisses Geschichtsverständnis der Geschichte Tirols aus den Jahren 1815-1817 wichtig gewesen. Gute Rezensenten lesen vor einer Uraufführung natürlich auch das Stück, um dem Autor gerecht zu werden und um beurteilen zu können, welchen Anteil der Regisseur bzw. die Regisseurin hatte und welcher dem Theaterautor zufällt. Ein junge Kulturinitiative, die sich darum bemüht, Ur- und Erstaufführungen auf die Bühne zu bringen, und dadurch neue Wege geht, wie das bei den Meraner Festspielen nun schon seit vier Jahren der Fall ist, sollte auf alle Fälle anders beurteilt und gesehen werden als Bühnen, die nur tausendfach gespielte Lustspiele auf die Bühne bringen. Das wird leider von einigen unserer Kritiker aber augenscheinlich nicht anerkannt und gewürdigt.
Als junger Kulturschaffender kann ich Ihnen sagen, wie viel Mühe und Kraft es braucht, um eine Kulturinitiative wie die Meraner Festspiele in unserem Land aufzubauen. Insbesondere denke auch, dass wir uns glücklich schätzen sollten, dass wir einen Dramatiker wie Luis Zagler im Land haben, dem es gelingt, große, aktuelle Themen als gut spielbare Stücke zu erarbeiten. Das ist ihm mit dem Theaterstück „Die Wölfe“ definitiv wieder gelungen. Ein so packendes Schauspiel zu schreiben, das tief in unsere Zeit hinein spricht und Menschen dazu bringt, sich mit Thema auseinanderzusetzen, ist eine hohe Kunst, die nur sehr, sehr wenige beherrschen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass diese Tatsache auch von unseren Kritikern anerkannt wird. Vor allem würde ich mir wünschen, dass Kritiker anerkennen, dass hier neue, authentische Literatur auf die Bühne kommt, die von bekannten Theaterleuten geschätzt wird und die auf der Bühne funktioniert.
 
Wie wünschen Sie sich, dass die Debatte in der Bevölkerung geführt wird? Das Thema erhitzt die Gemüter…
 
Ich bin Kulturschaffender und bemühe mich, hochwertige und gesellschaftspolitisch relevante, neue Stücke auf die Bühne zu bringen. Dafür investiere ich mit meinem Team sehr viel. Das Stück „Die Wölfe“ trägt sicher wieder dazu bei, eine Debatte über das Thema in Gang zu setzen. Das zeigt sich ja auch schon in diesem Interview. Uns geht es darum, allgemein für das Thema zu sensibilisieren. Wie diese Debatte anschließend weitergeführt wird, ist nicht Sache der Kunst.
 
Welchen politischen Umgang würden Sie sich in Südtirol mit dem Thema Wolf wünschen?
 
Ich betone noch einmal: Wir haben mit dem Stück „Die Wölfe“ ein hochwertiges und spannendes Theaterstück auf die Bühne gebracht und hoffen, dass diese aufwendige Produktion auch fair rezensiert wird. Da das leider nicht überall Fall zu sein scheint, haben wir nun dieses Interview geführt. Vielleicht hat unser Austausch dazu beigetragen, um ihren Lesern ein wenig mehr Einblick in unsere Kulturinitiative zu geben.
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Lukas Lobis Do., 01.09.2022 - 16:05

Interessant. Ich wusste gar nicht, dass man auf salto.bz nach einer negativen Kritik (oder Kommentar) die Gelegenheit erhält in einem ausführlichen Interview mit Gefälligkeitsfragen Stellung zu beziehen. Genügt es sich rechtzeitig irgendwo anzumelden oder sollte man dann doch sicherheitshalber Druck auf den Redakteur bzw. die Redaktion ausüben? Ich frage für einen Freund…

Do., 01.09.2022 - 16:05 Permalink