Politik | Wahlen/Elezioni 23

„Das Schulamt arbeitet nicht für uns“

Die grüne Landtagskandidatin Inge Mahlknecht über die Schule, die Versäumnisse in der Bildungspolitik und die Notwendigkeit, Migrationsschüler in der deutschen Schule zu fördern.
Mahlknecht, Inge
Foto: Grüne/Verdi
  • SALTO: Frau Mahlknecht, im Mittelpunkt ihrer Landtagskandidatur steht ein Thema: Die Schule. Warum?

    Inge Mahlknecht: Die Schule bildet unsere jungen Leute aus. Das sind die Bürger von morgen. Wir brauchen gut ausgebildete Leute. Wir brauchen vor allem viele ausgebildete Menschen. Wie wir wissen, werden laut demographischem Wandel die über-60-jährigen bald 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung darstellen, und wenn wir nicht auf unsere jungen Menschen achten, dann schaut es für uns in der Zukunft schlecht aus. 

    Sie üben harte Kritik am derzeitigen Südtiroler Schulsystem?

    Ich kritisiere das derzeitige Schulsystem in Teilen. Erstens sind die Lehrergehälter im Vergleich zu vielen anderen Gehältern viel zu niedrig. Es muss endlich das Grundgehalt aufgewertet werden und nicht nur - jetzt ausgerechnet vor den Wahlen - irgendwelche Inflationsanpassungen verteilt werden. Zweitens brauchen wir viel mehr Ressourcen für Schülerinnen und Schüler, die Unterstützungsbedarf haben. Zum Beispiel im Sprachunterricht oder bei Schülern mit Beeinträchtigung. Wir brauchen mehr Ressourcen. Es muss mehr Geld für Menschen ausgegeben werden und nicht für Bauten, Tunnels, Straßen, Umfahrungen und Kreisverkehre. 

     

    Es muss mehr Geld für Menschen ausgegeben werden und nicht für Bauten, Tunnels, Straßen, Umfahrungen und Kreisverkehre. 

  • Südtiroler Schule: „Wir brauchen wir viel mehr Ressourcen für Schülerinnen und Schüler, die Unterstützungsbedarf haben.“ Foto: Deutsche Pädagogische Abteilung
  • Zur Person

    Inge Mahlknecht, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, unterrichtet seit mehr als 40 Jahren Betriebswirtschaft und arbeitet in mehreren Verwaltungsräten mit. Seit Juli 2023 ist sie auch Präsidentin der Bildungsgenossenschaft Alpha & Beta. Mahlknecht kandidiert jetzt auf der Liste der Grünen für den Südtiroler Landtag.

  • Warum stößt die Schulwelt mit diesen Forderungen bei der Politik und in der Bildungsdirektion auf taube Ohren?

    Das ist mir ein Rätsel. Denn der Landesrat selbst ist gleichzeitig Landesrat für Schule und Wirtschaft, als auch für Intergration. Damit sollte er eigentlich wissen, dass die Wirtschaft dringenst Arbeitskräfte braucht. Gerade deshalb wäre es seine Aufgabe, sicherzustellen, dass junge Menschen, etwa mit einem Migrationshintergrund, gut ausgebildet werden und wir sie in den deutschen Schulen aufnehmen können, wollen und müssen. Es geht nicht an, dass man diese Jugendlichen einfach in die italienischen Schulen abschiebt. Denn diese ausländischen Familien wollen, dass ihre Kinder die deutsche Sprache ordentlich erlernen, sie wollen dass ihre Kinder in der deutschsprachigen Gesellschaft Südtirols und in die deutschsprachige Arbeitswelt intergriert werden. Diese Bemühungen müssen wir als Gesellschaft unterstützen. Und noch mehr der zuständige Landesrat für Schule und Wirtschaft.

    Für Schulamtsleiterin Sigrun Fakensteiner scheint die heile Südtiroler Schulwelt aber anscheinend in bester Ordnung?

    Meiner Meinung nach ist das Schulamt für uns Lehrer keine echte Unterstützung. Das Schulamt redet zwar immer groß, aber ich fühle mich von der Schulamtsleiterin unterstützt. Falkensteiner sagt zwar, dass unser Auswahlproblem und unserer Stellbesetzungsproblem groß sind, aber das Schulamt tut nichts dagegen. Sie helfen uns nicht. Das Schulamt arbeitet nicht für uns, etwa beim Landesrat.

     

    Es geht nicht an, dass man diese Jugendlichen mit Migrationshintergrund einfach in die italienischen Schulen abschiebt.

     

    Sie unterrichten seit Jahrzehnten in einer Bozner Oberschule. Hat sich die Situation in den vergangenen Jahren wirklich so verschlechtert?

    Ich kann nur davon reden, dass wir zum Beispiel mehrere Schülerinnen im Rollstuhl haben, aber viel zu wenige Stunden zur Unterstützung dieser Schülerinnen da sind. Wer übernimmt diese wichtige Aufgabe? Das wissen wir einen Monat nach Schulbeginn noch nicht. Wir müssen diese Rolle jetzt durch Lehrer besetzen. Wir bekommen immer mehr Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die immer weniger Deutsch können. Also brauchen wir Ressourcen, um diese Schüler zu unterstützen, damit sie die deutsche Sprache erlernen. 

    Ein Reitzthema in Südtirol ist die gemischte Schule. Die Grünen treten seit Jahrzehenten offen dafür ein?

    Eine gemischtsprachige Schule sollte ein zusätzliches Angebot sein. Es sollte ein italienische, eine deutsche und eine ladinische Schule geben. Dazu aber auch noch eine gemischstsprachige Schule für jene Menschen, die das wünschen. Allerdings müssen dort Lehrer und Lehrerinnen unterrichten, die nicht nur sehr gut ausgebildet sind, sondern es bedarf vorab der Erarbeitung eines wirklich guten, durchdachten und strukturierten Konzepts für eine solche Schule.

     

    Für mich sind Sprachtests absolut nicht tragbar. Denn wir sprechen hier von Pflichtschulen.

     

    Es gibt sei langem eine aufgeheizte Diskussion um die Sprachkenntnis der Schüler und Schülerinnen in den Grund- und Mittelschulen und mögliche Einschränkungen bei den Einschreibungen. Was halten Sie von den Sprachtests?

    Für mich ist das absolut nicht tragbar. Wir sprechen hier von Pflichtschulen. Wenn die Schüler also in die Schule gehen wollen, dann müssen wir sie herzlich aufnehmen und gleichzeitig schauen, mit einem guten und strukturierten Unterstützungssystem das Ziel zu erreichen, dass diese Kindern in die Gesellschaft eingegliedert werden.

    Unter den Grünen gibt es eine Diskussion, ob man in Land eine Regierungsbeteiligung anspreben soll. Wie stehen Sie dazu?

    Ich denke, dass wir bereit sind zu regieren. Wir haben sehr gute Leute und ich bin überzeugt, dass wir auch ein gutes Regierungsteam wären. 

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Elisabeth Garber Do., 05.10.2023 - 12:30

Frau Mahlknecht dürfte einem sehr hohen %satz an Schul-Personal aus der Seele sprechen. Der Zeitpunkt ist leider viel zu spät, die Solidarität unter Lehrpersonen leider nicht vorhanden und auch die Weitsicht ist leider politische Mangelware.

Do., 05.10.2023 - 12:30 Permalink
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Salto User
supermario Do., 05.10.2023 - 12:54

Die Aussagen von Frau Mahlknecht treffen einen Nerv und spiegeln gut einen Teil unseres Schulsystems wider.
Ich selbst bin ausgebildete Integrationslehrerin und übe meinen Job gerne aus, d.h. bisher.
Als Integrationslehrer begleitet man teilweise 7-10 Schülern (ich spreche von der Grundschule) und ist in drei bis vier Klassen mit drinnen, wenn man vollzeit arbeitet. Unter solchen überreizten und stressigen Bedingungen, ist es kaum möglich Kinder mit besonderen Bedürfnissen ( wo auch viel Gewalt vorkommt) gerecht zu begleiten. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass das Schulamt bzw. unsere Politik ein Interesse daran hat, sich die prekäre Situation an unseren Schulen wirklich anzuschauen und Energien dafür zu investieren.
Deshalb kann ich nachvollziehen, dass ein Mangel an Integrationslehrer bzw. Mitarbeiter für Integration herrscht, da die Bedingungen und die Arbeitslast sehr mühsam sind.
Sehr schade: Beziehungsarbeit, Zwischenmenschlichkeit und wohlwollendes Begleiten von Individualität wird in unserer Gesellschaft kaum wertgeschätzt.

Do., 05.10.2023 - 12:54 Permalink
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Stereo Typ Do., 05.10.2023 - 13:22

Welche Visionen für die Südtiroler Schule haben Schulamt und Bildungslandesrat? Die Pandemie ist vorbei, es braucht neuen Schwung und zukunftsweisende Konzepte. Irgendwie ist es merkwürdig still rund um Südtirols Schule.

Do., 05.10.2023 - 13:22 Permalink
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Ulrike Erschbamer Do., 05.10.2023 - 17:40

Frau Mahlknecht, Sie sprechen mir aus der Seele was das Thema Schüler mit Migrationshintergrund in die deutsche Schule angeht.. vielen Dank

Do., 05.10.2023 - 17:40 Permalink
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Günther Stocker Do., 05.10.2023 - 18:34

Dieser Artikel bringt es auf den Punkt!
Die Leute sind wegen den Corona Massnahmen nach Bozen zum protestieren gegangen.
Aber bei wichtigen Themen wie Schule um gar nicht von der Sanitätsmisere zu sprechen protestiert kein Schwein.

Das sollte uns alle zum Nachdenken bringen.
Mal raus aus unser Gleichgültikeit, unserem Egoismus.

Wer steht heute noch für wichtige Werte ein!?

Do., 05.10.2023 - 18:34 Permalink
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Elisabeth Garber Sa., 07.10.2023 - 10:19

Es ist m.M.n. nicht besonders vertrauensfoerdernd, wenn erst im Vorfeld der Landtagswahl zwei außerordentlich potente (!) System-Kritikerinnen (S. Giunta u. I. Mahlknecht) aus dem grünen Hut gezaubert werden. Es ist allgemein bekannt, dass man auf dem Weg nach oben (a u c h im Bildungssektor) v.a. kritiklos der Landespolitik-Spur folgen muss. Sonst wird nix aus Karriere-Ambitionen.
Nur, wer sich ordentlich verbeugt und verbiegt fährt die richtige Schiene, um mit Prämien & Lob seine finanzielle Himmelfahrt im Bildungssystem zu präparierten.

Sa., 07.10.2023 - 10:19 Permalink