Politik | Türkei-Russland

Zwei Diktatoren auf Konfrontationskurs

Die Türkei hat den Abschuss eines russischen Kampf-Jets im syrischen Grenzgebiet am Dienstag bestätigt. Zwischen den beiden Staaten herrscht offene Feindschaft.

Seit einigen Monaten beklagt sich die Türkei über eine Verletzung des eigenen Luftraums durch russische Militärflugzeuge. Eine russische Drohne war von den türkischen Streitkräften bereits vor sechs Wochen abgeschossen worden, nachdem Moskau seinen miltärischen Einsatz in Syrien angekündigt und umgesetzt hatte.

Dass die Türkei aber ausgerechnet jetzt einen russischen Jet abschießt, hat vor allem zwei Ursachen:

1. Die Demütigung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan beim G20 Gipfel in Antalyia durch Kremlchef Putin. Erdogan hatte gefordert, die kurdische Rebellenpartei PKK in die Liste der international zu verfolgenden Terrororganisationen aufzunehmen. Der russische Präsident antwortete mit einem klaren Njet. Kein anderer der G20-Staatschefs hatte den Mut, dies so klar zu formulieren. Erdogan schwor Rache.

2. Die Gefährdung der turkmenischen Bevölkerung im syrischen Grenzgebiet durch die russische Militärintervention. Die rund 3,5 Millionen syrischen Turkmenen (nicht zu verwechseln mit den Bewohnern des zentralasiatischen Staates Turkmenistan) werden von der Türkei als zu schützende Minderheit im Feindesland betrachtet.   Weil nun auch sie aus dem Kriegsgebiet Richtung Türkei fliehen, nimmt die Regierung in Ankara ihre Bedrohung zum Anlass für den casus belli.

Zurück zum abgeschossenen russischen Kampfjet, dessen Piloten sich per Fallschirm retten konnten: Russland will beweisen, dass sich sein Jet nicht im türkischen Luftraum aufgehalten hat. Tatsächlich ist das brennende Wrack auf syrischem Gebiet abgestürzt.  

Das würde die Theorie von internationalen Militärexperten untermauern, wonach es für einen Abschussbefehl eine lange Befehlskette braucht. Die Regierung in Ankara habe demnach bereits einige Tage vor dem Zwischenfall beschlossen, die Russen abzustrafen.

Noch beunruhigender ist ein weiterer Vorfall, der mit dem Abschuss des russischen SU-24 Jets zusammenhängt:

Am vergangenen Sonntag hatte eine plötzlich in Erscheinung getretene rechtsradikal-nationalische Partei namens BBP (Partei der großen Einheit) angekündigt, 250 türkische Militär- und Sicherheitsexperten in die syrische Grenzregion Hatay zu schicken, um die dort gefährdeten türkischen (turkmenischen) Blutsbrüder zu schützen.  

Auf einem Video singen Mitglieder der BBP Kampflieder und zwar mit erhobenem Zeigefinger. Der erhobene Zeigefinger ist das Erkennungszeichen der Mitglieder des Islamischen Staates. Demnach würde es sich beim BBP um eine türkische Partei handeln, die unter einem unverfänglichen Namen die Ziele des IS unterstützt.

Dieses Spiel mit dem Feuer zwischen zwei selbstverliebten, selbstherrlichen Diktatoren wie es Tayyip Erdogan und Vladimir Putin sind, fällt in eine Zeit, in der eine militärische Koordinierung zwischen den Weltmächten im Kampf gegen den IS dringend notwendig wäre.   

Dass sich jetzt der NATO-Staat Türkei eigenmächig und kontraproduktiv in diese Anti-IS-Militäraktion einmischt, enthüllt die Zerrissenheit des sogenannten "atlantischen Bündnisses". Außerdem hat niemand innerhalb der NATO den Mut, die Türkei zur Rede zu stellen, auf welche Seite sie sich nun definitiv stellen will. 

Andererseits könnte die Türkei mit ihrer Feindschaft gegen Putin das Vorhaben der NATO stärken,  Russland in Grenzen zu halten. In den letzten Monaten hat Russland in der Weltpolitik als einzige Grossmacht klare ( wenn auch diskutable) Zeichen gesetzt. 

Kremlchef Putin hat es gewagt, mit offenem Visier dem türkischen Staatspräsidenten gegenüberzutreten. Dafür hat er jetzt die Rechnung bekommen. Wird Putin nachgeben oder den Konflikt mit der Türkei weiter anheizen? Ein explosiver Nebenschauplatz im irakisch-syrischen Kriegsfeld gegen den IS wäre eine Katastrophe.

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Philipp Trafojer Di., 24.11.2015 - 20:19

Vor rund 20 Jahren war ich knapp einen Monat in Syrien und Jordanien unterwegs. Seit damals hat mich insbesondere Syrien nicht mehr los gelassen. Weder damals noch heute war mir bekannt, dass 3,5 Millionen Syrer Turkmenen sind.....

Di., 24.11.2015 - 20:19 Permalink
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Philipp Trafojer Di., 24.11.2015 - 20:36

..... eine solche Zahlenangabe traue ich jeder nationalistischen türkischen Zeitung zu: Zählt man die turkmenischen Syrer und die jahrzehntelang als "Bergtürken" verunglimpften Kurden dieses Landes zusammen entspricht das Ergebnis. Liebe Oktavia, bitte nenne deine Quellen.

Di., 24.11.2015 - 20:36 Permalink
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Sepp Bacher Di., 24.11.2015 - 21:41

Antwort auf von Philipp Trafojer

Zitat aus Wikipedia: " Momentan leben nach turkmenischen Angaben 2,5 Millionen Turkmenen im Irak und Syrien (.....) Die syrischen Turkmenen (bzw. Turkomanen, türkisch Türkmenler) machen etwa zwischen 100.000 und 200.000 Menschen in Syrien aus. Sie leben hauptsächlich in den Städten Aleppo, Damaskus, Hama, Homs und Latakia.

Di., 24.11.2015 - 21:41 Permalink
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Christian Mair Mi., 25.11.2015 - 17:15

Dazu Sigmar Gabriel (SPD):
"Erst mal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabeihaben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen"

Mi., 25.11.2015 - 17:15 Permalink