Trivulzio
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Coronavirus

Wenn der Virus zum Politikum wird

Die Lega macht das Corona-Virus in der Lombardei zum Gegenstand politischer Konfrontation. Das könnte sich bei über 11.000 Toten zum gefährlichen Eigentor entwickeln.
Kolumne von
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Gerhard Mumelter15.04.2020
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Die Lombardei ist Italiens grösste und reichste Region. Sie hat mehr Einwohner als Österreich und ihr Sozialprodukt nähert sich dem der benachbarten Schweiz. Mailand ist eine der attraktivsten europäischen Städte, die Wohnungspreise sind die höchsten der Halbinsel. Gleichzeitig ist die Lombardei mit ihren 10,5 Millionen Einwohnern die am massivsten vom Coronavirus heimgesuchte Region – und jene, wo die folgenschwersten Fehler begangen wurden. Kein Ort verkörpert diese Verirrungen so krass wie das geschichtsträchtige Pio Albergo Trivulzio, jene legendäre Seniorenresidenz, die von den Mailändern Baggina genannt wird, weil sie im Stadtviertel Baggio liegt. 
Gegründet wurde sie 1756 vom Fürsten Antonio Tolomeo Trivulzio in seinem ehemaligen Palast.  Mit über 1000 Patienten ist es Mailands grösstes Altersheim und geriatrisches Krankenhaus. Unglaublich, aber wahr: Dem Pflegepersonal war dort das Tragen von Gesichtsmasken verboten, um die Patienten nicht zu verunsichern. "Sono stata cacciata perché mi sono rifiutata di togliere la mascherina", erzählt eine Pflegerin. Die Direktorin habe ihr befohlen, ihren Arbeitskittel sofort auszuziehen und die Anstalt zu verlassen.
"Eine betroffene Krankenschwester: "È come se li avessimo uccisi, solo noi potevamo portare il contagio da fuori."  Wie all das passieren konnte, soll nun eine Untersuchungskommission klären, der auch der bekannte Mani-Pulite-Richter Gherardo Colombo angehört.  
 
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Seniorenheim Pio Albergo TrivulzioTragen von Gesichtsmasken verboten, um die Patienten nicht zu verunsichern.
 
Doch nicht nur das Pio Albergo Trivulzio war Schauplatz krasser Fehlleistungen – auch viele andere Altersheime der Region, die italienweit unter der Bezeichnung RSA bekannt sind (residenze sanitarie assistite).
So bleibt unerklärlich, warum in der Provinz Bergamo nicht rechtzeitig eine rote Zone ausgerufen wurde – hier entstand der grösste Infektionsherd Europas mit über 2500 Toten.  
Mittelpunkt der Gefährdungszone war das Krankenhaus von Alzano, wo bereits am 23. Februar zwei Patienten positiv auf Covid-19 getestet wurden, nachdem sie bereits eine ganze Woche im Spital gelegen hatten. Die Notaufnahme wurde nur vorübergehend geschlossen. Das Spital blieb geöffnet, das Virus konnte ungehindert zirkulieren. Das notorische Fehlen von Gesichtsmasken wirkte sich zusätzlich erschwerend aus. 
Die Ärztekammern der lombardischen Provinzen übten mehrmals massive Kritik an der Regionalregierung – vor allem an den Opferzahlen:
 
"La mancanza di dati sull'esatta diffusione dell'epidemia, legata all'esecuzione di tamponi solo ai pazienti ricoverati e alla diagnosi di morte attribuita solo ai deceduti  in ospedale. I dati sono sempre stati presenti come 'numeri degli infetti' e come 'numero dei deceduti' e la mortalità calcolata è quella relativa ai pazienti ricoverati, mentre il mondo si chiede le ragioni dell'alta mortalità registrata  in Italia, senza rendersi conto che si tratta solo dell'errata impostazione della raccolta dati, che sottostima enormemente il numero dei malati e discretamente il numero dei deceduti".  
 
Ein folgenschwerer Vorwurf an die Regionalregierung, das verheerende Bild mit geschönten Zahlen zu übertünchen. Dazu kam die Profilierungssucht der regionalen Politiker. Da man sich nicht mit dem staatlichen Zivilschutzbeauftragen begnügen wollte, pochte die Lombardei auf einen eigenen, regionalen Koordinator. Man entschied sich für Berlusconis alten Freund Guido Bertolaso. Doch der war kaum aus Afrika angereist, als er auch schon positiv getestet wurde.
 
Attilio Fontana
Präsident der Region, Attilio Fontana: Kabarettnummer vor laufender Kamera.
 
Der Präsident der Region, Attilio Fontana, kündigte  ebenfalls nach wenigen Tagen an, dass er positiv getestet worden sei. Die Quarantäne werde er im Palazzo della regione verbringen.Vor laufender Kammer versuchte er vergeblich, eine Gesichtsmaske anzulegen – eine Kabarettnummer. Fontana polemisierte fast täglich gegen die römische Regierung, der er Benachteiligung der Lombardei unterstellte: "Ci arrivano soltanto le briciole, il numero di mascherine era assolutamente insufficiente."
Nur: Die Gesichtsmasken waren bekanntlich überall Mangelware - von Sizilien bis zum Brenner. Der Regionalessossor für Wirtschaftsentwicklung, Alessandro Mattinzoli, ging so weit, Premier Conte bei einem Besuch in der Lombardei sogar mit physischer Gewalt zu drohen:  "Non sono mai stato per la pena di morte. Ma vi dico che se Conte viene in Lombardia ne prende tante. Bergamaschi e i bresciani hanno voglia di dargliele. Abbiamo lavorato tanto. Qualche errore potremo anche averlo commesso. Ma qui c'è una intera regione che va male e lui sta seduto dietro alla scrivania." 
 
Mit grosszügigen Spendengeldern (10 Millionen allein von Berlusconi) verwirklichte Fontana seinen Plan zur Errichtung eines Notlazaretts für 1500 Patienten am Mailänder Messegelände. Doch dort sind bisher kaum zwei Dutzend Patienten untergebracht. Der Grund: die fehlenden Ärzte und Krankenpfleger. Über die gegenwärtigen 48 Betten wird man kaum hinauskommen. Der leitende Kardiologe des Niguarda-Krankenhauses, Giuseppe Bruschi: "L'idea di realizzare una terapia intensiva in fiera non sta né in cielo né in terra. Una terapia intensiva funziona solo se integrata con tutte le altre strutture complesse di un ospedale."
 
Die blamable Vorstellung des Lega-Präsidenten könnte für Salvinis Partei angesichts der bisherigen Rekordzahl von 11.377 Toten und der zu erwartenden Prozessflut zum riskanten Bumerang werden. Dabei exerziert sein Parteikollge Luc Zaia im Veneto vor, wie es auch anders geht - ohne Polemike nund ohne politische  Propaganda.
 

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Kommentare

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Peter Gasser 15.04.2020, 10:28

Das ist wichtig.
Und schauen wir auch zu uns.
Wir beenden den lockdown
b e v o r die Fallzahlen ausreichend zurückgegangen sind;
b e v o r für Bürger und Mitarbeiter ausreichend und wirksame Masken vorhanden sind;
b e v o r genügend Tests und genügend Chemikalien zur Auswertung der Tests vorhanden sind;
b e v o r genügend Personal vorhanden, ausgerüstet und eingeschult ist zur Nachverfolgung infizierter Mitmenschen;
Wir beenden den lockdown noch in der Phase 2 der Mitigation und b e v o r wir in die Phase 1 des Containments zurückgekommen sind.
Wir fahren also im dichten Nebel und ohne Licht.
Man hat Fehler zu Beginn der Seuche gemacht, man kann auch Fehler in den Zwischenphasen der Seuche machen.
Wir müss(t)en zuerst zurück zu Phase 1.

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pérvasion 15.04.2020, 11:12

«Dass die Lega nach der letzten Regionalwahl in der Lombardei hartnäckig auf dem Gesundheitsressort bestanden hat, könnte für Salvinis Partei angesichts der bisherigen Rekordzahl von 11.150 Toten und der zu erwartenden Prozessflut zum riskanten Bumerang werden.»

Gesundheitsassessor (»Welfare«) ist Giulio Gallera von Forza Italia.

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King Arthur 15.04.2020, 15:52

Sehr geehrter Herr Mumelter,

gerade weil Sie regelmäßig über Entwicklungen aus Italien berichten, die mitunter auch für ein Publikum außerhalb von Südtirol interessant sein könnten, wäre es meiner Meinung nach sinnvoll, wenn Sie die langen italienischen Zitate übersetzen könnten - entweder zulätzlich zum oder statt dem Original.

Ich würde manchmal gerne Links zu Ihren Beiträgen an nicht-italienischsprachige Personen in meinem Umfeld schicken, was aber derzeit oft keinen Sinn macht, da zu lange Passagen für sie unverständlich wären.

Nur eine Anregung, zumal es ja auch eine natürliche Rolle für salto wäre, interessante Berichte aus Italien, die in dieser Form oft nicht in deutschen Medien zu finden sind, (wirklich) in deutscher Sprache zu bringen.

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