Gesellschaft | #Multilingual

„Auch Tinder ist sprachlich getrennt“

Ismaele kam vor zwei Jahren aus Genua nach Bozen. Wie er die Zweisprachigkeit erlebt, erzählt er im Interview – auf deutsch, er muss für seine „Patentino“-Prüfung üben.
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Ismaele
Foto: Ismaele

Ismaele, warum bist du nach Bozen gekommen?

Wegen ein paar Freunde, dich ich hier habe und wegen der Sprache. Ich kannte schon a bissele deutsch, und das kann man hier in der Arbeitswelt gut verwenden.

Warum kanntest du schon a bissele Deutsch?

Mein Opa war Österreicher, deshalb haben meine Mutter und meine Tante die Deutsche Schule in Genova besucht. Ich habe meinen Opa nicht kennen gelernt, bin aber bis zur 10. Klasse auch in die Deutsche Schule gegangen. Danach bin ich aufs italienische Gymnasium gegangen, und ich habe nicht deutsch gesprochen... anymore.

Wie ist dein Opa von Wien nach Genova gekommen?

Mein Opa war... wie sagt man barca a vela?... ja Segelschiff. Er hat diese gebaut. Meine Mutter und meine Tante sind im Seegelschiff gefahren, und mein Opa war der Manager. Sie haben viele Wettbewerbe gemacht. Deshalb ist er nach Genova gekommen.

Und da hat er deine italienische Oma kennen gelernt?

Das weiß ich nicht, aber er hat sie in die Segelschiffwelt gebracht.

 

 

Wurde dir von deiner Mutter die deutsche Sprache weitergegeben?

Nicht so viel, wir haben immer italienisch gesprochen. Aber wegen dieser Reben in Österreich...nein nicht Reben, Wurzeln in Österreich, hat sie mich auf die deutsche Schule geschickt. Wir hatten auch oft deutsche Leute bei uns zuhause. Musiker, Lehrer, Diplomaten. Einer der Deutschen kam zum Beispiel aus der Welt von Autorennen. Und ich war mit die Tochter... nein, mit der Tochter, befreundet.

Als du nach Südtirol gekommen bist, war die Zweisprachigkeit also kein Kultur-Schock für dich? Du warst es von zuhause ja gewohnt.

Kein Schock. Aber ich habe gemerkt, hier ist ein Mittelland, eine Grenzregion. Ich finde es eine gute Mitschung zwischen Italien und Österreich und Deutschland.

Du hattest eine deutschsprachige Freundin in Bozen. Habt ihr deutsch gesprochen und hat dir das geholfen?

Ja wir haben ganz viel deutsch gesprochen. Meine Straße war deshalb sicherlich weniger steil. Am besten ist, wenn du deutsche und italienische Freunde hast, weil dann hast du zwei Perspektiven. Mit den einen machst du ganz andere Sachen wie mit den anderen.

Welches sind die größten Unterschiede?

Das Essen zum Beispiel. Oder auch die Wanderungen oder Skifahren mache ich mehr mit die deutsche Freunde...nein, mit den deutschen Freunden. Mit den italienischen Freunden mache ich mehr Smalltalking in der Bar. Ich brauche beides.

Du erlebst also eine Trennung der Sprachgruppen in Südtirol?

Im Alltag nicht so viel und auch nicht in kleinen Firmen. Aber bei der Arbeit in einer großen Firma habe ich es sehr gefühlt: Die Deutschen gehen mit den Deutschen essen, die Italiener mit den Italienern Pause machen.

 

„Meine deutschen Freunde finden es sympathisch und lachen nicht über mich, sondern mit mir.“

 

Hast du Tipps, für Menschen, die ihr Deutsch verbessern möchten?

Ganz viel reden. Es gibt diese Möglichkeit mit einer Sprachpartnerin oder einem Sprachpartner beim Centro Trevi zu sprechen. So kann man auch neue Leute kennen lernen. Auch Tinder funktioniert gut dafür (lacht). Und man soll auch Musik hören, Filme schauen oder Kinderbücher lesen. Ich bin 30, aber um zu üben, habe ich auch Kinderbücher gelesen.

Dein deutsches Lieblings-Kinderbuch?

Die Vorstadtkrokodile! (lacht)

Du hast Tinder angesprochen: Ist dieser virtuelle Raum auch sprachlich getrennt oder kommen beim Online-Dating die Sprachgruppen zusammen?

Ich denke auch auf Tinder ist es eher getrennt. Also ich habe wenig lokale Deutsche  auf Tinder getroffen. Mehr Touristen oder Erasmus-Leute. Oder italienischsprachige Menschen. Ich fand interessant, dass auf Tinder viele schreiben, welche Sprachen sie sprechen können. Und manche schreiben, sie suchen Tandem-Partner zum Reden.

 

Was waren die größten Herausforderungen, als du in Südtirol angekommen bist?

Als ich hergekommen bin, habe ich das Meer sehr vermisst. Alles war ganz anders, auch die...wie sagt man orari?... Ja, die Uhrzeiten. Aber nach einem Jahr fühle ich mich schon mehr zu Hause.

Das ist schön zu hören. Und sprachliche Herausforderungen?

Hier spricht man nicht Hochdeutsch (lacht). Aber meine Freunde haben am Anfang immer extra Hochdeutsch mit mir gesprochen. Jetzt kann ich a bissele Dialekt.

Du verwendest manchmal österreichische Ausdrücke, zum Beispiel Gspusie – Wahrscheinlich aus deinem Elternhaus. Aber auch a bissele sagst du oft. Welche anderen Wörter aus dem Südtiroler Dialekt kommen dir mittlerweile natürlich über die Lippen?

Ich weiß nicht, aber ich liebe ein paar Wörter aus dem Dialekt, zum Beispiel Goggele (lacht). Das war das erste Wort, das ich gelernt habe. Es gibt so viele Gs in eurem Dialekt. Wie bei Glaggele zum Beispiel. Auch dieses "-ele" am Ende von jedem Wort mag ich. Manchmal mache ich Witze darüber, weil auch mein Name endet mit "-ele". Ich mache noch viele Fehler, aber meine deutschen Freunde finden es sympathisch und lachen nicht über mich, sondern mit mir. Und sie sagen mir, wenn ich Fehler mache. Das hat mir sehr geholfen, diese positiven critiche.

Ich finde es bewundernswert, wie selbstbewusst du auf deutsch mit mir sprichst, trotz der Fehler. Aber viele schämen sich, und sprechen deswegen gar nicht in anderen Sprachen. Hast du Tipps, wie man seine Angst, Fehler zu machen, überwinden kann?

Hmm... a Glaggele Sekt?

 

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