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“Das Gefühl für die Gefahr”

Der Freerider und Allroundskifahrer Markus Eder über den Dreh zum "Ultimate Run", seinen Umgang mit Angst und Verantwortung und was ihm beim Skifahren am Wichtigsten ist.
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Foto: legs of steel

Während im Fernsehen noch immer Slalom- und Abfahrtsrennen gezeigt werden, generiert Markus Eder mit seinen Freeride-Videos in kürzester Zeit Millionen von Klicks in den sozialen Netzwerken. Im Gespräch mit Salto.bz erzählt der 31jährige aus Luttach im Ahrntal über sein Leben zwischen Berggipfeln und Filmshootings, seinen Umgang mit Angst und Verantwortung und darüber, worauf er sich am meisten freut.

Markus Eder's The Ultimate Run: The Most Insane Ski Run Ever Imagined. (Viedo; Red Bull Snow)

 

Salto.bz: Dein letztes Video war ein Riesenerfolg: In nur drei Monaten hat es 5,9 Millionen Views auf YouTube generiert. Wie viel Training, Arbeit und gebrochene Knochen stecken hinter so einem Dreh?

Markus Eder: Hinter diesem Video stecken zum Glück keine gebrochenen Knochen, aber ziemlich viel Vorbereitung und Arbeit. Obwohl… wenn ich darüber nachdenke, hat es auch bei diesem Dreh gebrochene Knochen gegeben: Beim ersten Shooting vor 7 Jahren habe ich mir die Schulter ausgerenkt. Dann mussten wir die Idee sausen lassen. Im Nachhinein war es beinahe Schicksal: In den fünf Jahren, die zwischen dem ersten und dem jetzigen Dreh lagen, habe ich mich skitechnisch weiterentwickelt, ich war bei Contests und Film Shootings dabei und konnte dort viel dazu lernen. Das Projekt hatte ich immer im Hinterkopf und langsam, langsam sind die einzelnen Ideen zum fertigen Projekt gereift.

Was war die Idee, die hinter diesem Video steckt?

Die Idee dazu hatte ich zusammen mit Scott Gaffney, einem amerikanischen Filmproduzenten. Ich wollte meine gesamten skitechnischen Künste in einem einzigen Clip zeigen und ich wollte zeigen, was man auf einem Berg theoretisch alles machen kann. Ich bin heute zwar hauptsächlich Freerider, aber ich bin eigentlich als Allroundskifahrer bekannt und liebe es immer noch im Snowpark unterwegs zu sein und Tricks zu machen. Durch den Ultimate Run konnte ich meine gesamten skitechnischen Künste in einen Clip einfügen.

 

Produziert hast du das Ganze dann aber mit Legs of Steel, einem europäischen Producer. Warum?

Mit Matchstick-Production, den amerikanischen Produzenten war es kompliziert. Ich war die einzige Person vor Ort, die ganze Organisation und Produktion wären also an mir hängen geblieben. Je näher der Winter gerückt ist, desto mehr ist mir die ganze Sache über den Kopf gewachsen. Ich habe gemerkt, dass ich das alleine nicht schaffe. Ich bin also zu “Legs of Steel” nach Innsbruck gefahren, einer Production-Firma, die von Profi-Freeskiern gegründet wurde. Ich habe noch Poster von ihnen in meinem Kinderzimmer hängen! Über die Jahre habe ich sie persönlich kennengelernt und auch schon mit ihnen zusammengearbeitet. Sie waren eigentlich gleich begeistert und haben ihre eigenen Ideen eingebracht. Ich weiß noch genau, wie ich aus ihrem Büro hinausgegangen bin und glücklich war, dass es nicht mehr nur mein Projekt, sondern unser Projekt war.

Großteile des Videos wurden auf dem Klausberg gedreht. Wie wichtig war dir diese lokale Verankerung?

Ich bin am Klausberg aufgewachsen. Durch die Freunde, die ich dort kennengelernt habe, habe ich meine Leidenschaft entdeckt. Und ich glaube, dass mich das Gelände auf dem Klausberg zu dem Skifahrer gemacht hat, der ich heute bin. Generell hat der Klausberg unsere Ski & Snowboardcrews immer unterstütz - bei verschiedenen Contests, Events und Filmshootings, die wir angepackt und zusammen umgesetzt haben. Wir haben anfangs auch den Snowpark selbst gebaut, der immer super war und ist. Ich habe dort einfach viele coole Sachen erlebt, deswegen war für mich klar, dass der Teil im Skigebiet dort umgesetzt wird. Aber auch zu den anderen Orten im Video habe ich eine persönliche Verbindung; das Schloss in Sand in Taufers zum Beispiel, dort wurde mein Vater geboren.

 

Du hast früher Skirennen bestritten, dann warst du Freerstyler und heute bewegst du dich vor allem im Freeride-Bereich. Wie ist es zu diesem Wechsel gekommen?

Ich bin immer gern Rennen gefahren - a Piste ochnfetzn - se isch oafoch geil. Ich lasse mir aber nur ungern Dinge vorschreiben, vor allem beim Skifahren nicht. Das Skitraining habe ich damals eher als Drill empfunden. Die seltenen Tage, an denen wir mit dem Skiclub mit abgeschnittenen Skiern den Wald “runtergepockt” sind, waren für mich die Highlights der Saison. Gleichzeitig hab ich die Snowboarder gesehen, die nebenan ohne Trainer ihren Spaß hatten, nur unter sich. Ich habe also mit dem Rennfahren aufgehört und habe mich den Snowboardern angeschlossen. Zu der Zeit wusste ich überhaupt noch nicht was Freestyle ist, habe mir aber zum Springen ein paar Snowblades besorgt. Die Snowboard-Crew, alle älter als ich, hat mich dann gleich mit amerikanischen Ski- und Snowboardvideos versorgt und mich bald in ihre Gruppe aufgenommen. Diese Filme habe ich mir dann den ganzen Sommer lang jeden Tag zwei-, dreimal angeschaut. Ich war hin und weg - und dann hab ich endlich meine ersten Freestyle-Skier bekommen. Das Skirennfahren war aber bestimmt ein gutes Fundament für alles was danach kam.

Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur Skifahren, sondern davon auch leben kannst?

Damals gab es noch nicht so viele Profiskifahrer in Europa, die davon auch leben konnten. Ich bin einfach Freestyle Ski gefahren, soviel ich konnte. Als ich 16 war habe ich mit Freunden ein “sponsor-me”-Video gedreht. Ein Manager - mit dem ich übrigens heute noch zusammenarbeite - hat es gesehen und hat mich kontaktiert. Wir mussten uns auf Englisch unterhalten, weil ich damals kaum Italienisch konnte. Langsam habe ich dann an immer größeren Contest und Filmdrehs teilgenommen und habe angefangen zu gewinnen. Ziemlich schnell hat der erste Sponsor eine Kleinigkeit bezahlt, dann der nächste, das ein oder andere Preisgeld… Mit 19 konnte ich dann meine Arbeit als Elektriker aufgeben und so viel Skifahren und damit in der Welt herumkommen wie möglich. Karriere oder Geld waren nur Mittel zum Zweck.

 

Du betonst immer wieder die Freude, den Spaß am Skifahren. Aber wie gefährlich sind deine Stunts eigentlich?

Ich glaube, es sieht gefährlicher aus, als es tatsächlich ist. Ich mache diese Dinge ja nicht von heute auf morgen. Ich habe mich über die letzten 16 Jahre, eigentlich mein ganzes Leben lang, langsam dahin getastet. Man fängt ja nicht sofort mit einem Ten-eighty an, sondern mit einem One-eighty. Langsam werden die Sprünge dann immer größer, man findet sich im Tiefschnee besser zurecht… Ich war auch viel mit Profis zusammen, die mir beigebracht haben, wie man einen Berg liest, wo man landen kann, wie man Sprünge baut und wie man sich generell sicher im freien Gelände bewegt.

Es gibt viele Menschen, die sich im freien Gelände bewegen - und zwar alles andere als sicher. Wie kann man sich auf das freie Gelände vorbereiten? Was ist dabei wichtig?

Der Lawinenbericht ist wichtig, gute Planung und Erfahrung. Man muss auch seine eigenen Fähigkeiten einschätzen können. Mit erfahrenen Menschen unterwegs zu sein, die sich auskennen und einem etwas beibringen können, bringt bestimmt viel. Ohne Erfahrung hat man kein Gefühl für die Gefahr. Auch Lawinenkurse sind unglaublich wichtig! Dabei erhält man viele Informationen aus erster Hand am Berg und versteht, dass das Ganze nicht ohne ist, auch wenn der Berg recht friedlich aussieht. Wenn man sich von Zuhause aus Informationen holen will gibt es auf YouTube unzählige Videos, ohne einen Kurs sind diese aber nicht viel Wert.

 

Wie oft warst du selbst in einer Situation, in der du dachtest: Da komm ich nicht mehr raus?

Eigentlich nie (klopft auf Holz). Haben wir immer die richtigen Entscheidungen getroffen? Hatten wir Glück, dass in dem Moment keine Lawine abgegangen ist? Ich weiß es nicht. Ich habe einen großen Respekt vor dem Berg und der Abfahrt und ich habe mit der Zeit auch ein gutes Gefühl entwickelt. Man muss auch die Konsequenzen einschätzen können: Was passiert, wenn etwas schiefgeht? Viele Menschen fragen mich, ob ich denn überhaupt noch Angst verspüre. Und ja, Angst habe ich eigentlich immer, wobei es mehr um Respekt als um Angst geht. Die Angst und der Respekt sind auch wichtig, um alles bis ins Detail auszuarbeiten.

Wie gehst du mit der Verantwortung um, die dein Erfolg mit sich zieht? Was möchtest du deinen Fans vermitteln?

Generell glaube ich, dass mein Ego ziemlich groß ist und ich das Ganze in erster Linie für mich mache. Für das was ich dabei empfinde, für die vielen Erfahrungen die mir der Sport und die gesamte Szene gibt. Es ist schwer in Worte zu fassen. Ich war und bin eigentlich eher zurückhaltend, das Skifahren hat mir aber das Selbstvertrauen gegeben, über mich hinaus zu wachsen. Ich währe froh, wenn ich den einen oder anderen dazu bewegen könnte, den selben Weg einzuschlagen. Was mir aber immer noch am meisten gibt, ist einfach in den Bergen zu sein - alleine oder in Gesellschaft. Dort bin ich im Einklang. Und hoffentlich kann ich viele Leute dazu bewegen die Natur und die Berge für sich zu entdecken. Die Berge sind manchmal aber auch gefährliche Orte und ich musste Erfahrung sammeln, um mich dort zurechtzufinden. Im Moment versuche ich Sicherheit am Berg zu vermitteln, vor allem abseits der Pisten. Als Laie ist es einfach, sich unbewusst in gefährliche Situationen zu navigieren. In Interviews, auf Social Media und auf YouTube Videos versuche ich darüber zu sprechen. Die Leute interessieren sich aber weniger für das Thema, als mir recht wäre.

 

Ein anderer Punkt ist das Thema Nachhaltigkeit: Du selbst hast angegeben, dass du versuchen möchtest, umweltfreundlicher zu leben. Geht das überhaupt in deinem Job? 

Ja das geht, wie umweltfreundlich das dann ist, das weiß ich nicht. Durch das Reisen und Skifahren wird mein Footprint meistens größer sein als der vieler anderer Menschen. Das ist mir bewusst und tut mir auch leid. Ich versuche dafür in anderen Bereichen zurückzuschalten. Ich bin weniger unterwegs als früher und versuche überall effizienter und weniger verschwenderisch zu sein. Weniger zu fliegen, das Auto teilen, Mitfahrgelegenheiten suchen, einheimische Produkte und so weiter und so fort. Aber das Reisen und Skifahren aufgeben kann ich nicht.

Der Ultimate Run beginnt am Gletscher in Zermatt, wo es noch unberührte Natur gibt. Diese wird auch in Südtirol immer seltener. Bereiten dir die Verbauung der Berge und der Ausbau der Skipsten Sorgen?

Wir haben das Video in Zermatt gedreht, weil wir eine brutale, eine rohe Natur zeigen wollten, ohne Menschen und ohne Menschliches. Die Gletscher, die wir dort gefilmt haben, sind fast alle über 4.000 Meter hoch. Solche Gletscher gibt es bei uns gar nicht. Wir wollten dort filmen wo die gigantischen Eisblöcke zum ersten Mal abbrechen. Riesige quadratische Blöcke, wie mit dem Messer abgeschnitten! Gleichzeitig ist kein Ort so verbaut wie Zermatt. Es ist unglaublich, wo sie dort Lifte hinbauen! Durch den ganzen Berg wurden Tunnels durchgebohrt - Zermatt ist ein Schweizer Käse. Ich bin froh, dass das bei uns noch nicht so ist und auch, dass die Situation im Ahrntal anders ist als in Alta Badia zum Beispiel. Im Ahrntal gibt es auch außerhalb der Saison noch reichlich Leben; sagen wir so, es ist weit mehr als nur eine Pizzeria offen. Wenn jetzt ausgebaut wird oder ein Lift erneuert wird, was ja zurzeit am Klausberg geplant ist, dann ist das für mich in Ordnung, solange keine neue unberührte Täler erschlossen werden. 

 

Es hat mir gefehlt, gemeinsam mit anderen Freeskiern unterwegs zu sein.

 

Wie sieht es bei dir in Zukunft aus? Welche Projekte stehen an?

Ich hatte eigentlich vor, diese Saison etwas langsamer angehen zu lassen, aber wie es aussieht wird das doch nicht der Fall sein. Einige coole Contests und supercoole Filmprojekte stehen zurzeit auf dem Programm. Ich bin aber froh, eine relativ normale Saison zu haben und nicht ein so großes Projekt wie den ultimate run, in das ich mich zu viel reinsteigere. Fahrtechnisch konnte ich zwar all das machen, was ich wollte und ich hatte eine ganze Crew hinter mir, aber es hat mir gefehlt, gemeinsam mit anderen Freeskiern unterwegs zu sein und alles was damit verbunden ist, zu teilen. Das ist das, was mir am meisten taugt, wenn ich an diese Saison denke.