Società | Alleinerziehende

"Warum unternimmt niemand etwas?"

Alleinerziehende Mütter gehören zu den sozial schwächsten Bevölkerungsschichten. Ein Hilferuf von Ida Lanbacher - zum internationalen Frauentag.
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Foto: Facebook

salto.bz: Frau Lanbacher, alleinerziehende Mütter gelten europaweit als besonders armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe. Ist das auch bei uns so?
Ida Lanbacher: Absolut. Es ist ist erwiesen, dass rund ein Drittel der Alleinerziehenden massiv von Armut betroffen sind. Das bedeutet, dass bei uns nicht nur viele Frauen im Land unter großem Druck leben, sondern auch ihre Kinder in Armut aufwachsen – und vielfach verdonnert sind, arm zu bleiben.

Ein reiches Land wie Südtirol bietet solchen Familien aber auch Unterstützung.
Ja, es gibt Unterstützung, doch die wird immer weniger. Das Grundproblem ist, dass es immer gleich viele Mittel, aber immer mehr Bedürftige gibt. Und so werden Jahr für Jahr - meist klammheimlich - neue Regelungen eingeführt, die dazu führen, dass immer mehr Alleinerziehende keine Unterstützung mehr bekommen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Da gibt es zum Beispiel eine Mutter von zwei Kindern, die ihren Mietbeitrag verloren hat, weil eines ihrer Kinder Oberschüler ist und für einen Heimplatz Studienbeihilfe erhält. Die Frau selbst muss aber auch noch einen Teil der Heimkosten zahlen. Nun sagt eine neue Regelung, dass zwar die Studienbeihilfe zu ihrem Einkommen gerechnet wird. Die Ausgaben, die sie selbst für den Heimplatz hat, werden aber nicht anerkannt. Dadurch überschreitet sie nun die Einkommensgrenze für den Mietbeitrag knapp und verliert auf ganzer Länge. Denn sie muss sowohl zu den Heimkosten für ihr Kind beisteuern und nun ihre Miete allein bestreiten.

Ein Einzelfall?  
Ach wo. Da gibt es unzählige Fälle, gerade bei der Mietbeihilfe. Eine andere Mutter hat diese verloren, weil ihr Kind in einem Sommerjob 3000 Euro verdient hat, und somit nicht mehr als zu Lasten lebendes Kind anerkannt wurde. So was muss man sich mal vorstellen, müssen wir unsere Kinder motivieren nichts zu tun?

Wo also sehen Sie die größten Probleme bei der Unterstützung von Alleinerziehenden?
Ein weiteres großes Problem ist das Harmonisierungsdekret, das Familien in Problemlagen auf ihre Ursprungsfamilie verweist. Das heißt, wenn die Eltern von Alleinerziehenden in einer Eigentumswohnung oder einem Haus wohnen, das ihnen gehört und nicht so klein ist, dass wirklich nur sie dort Platz haben, zählt das auch zum Vermögen und die Alleinerziehenden verlieren das Anrecht auf öffentliche Unterstützungen wie Mietzuschuss oder das Lebensminimum. Es wird aber nicht nur auf Eltern, sondern zum Beispiel auch auf erwachsene Kinder zurückgegriffen. Also, wenn zum Beispiel eines von mehreren Kinder bereits ausgezogen ist und eine eigene Wohnung und ein Einkommen hat, wird auch das beim Einkommen berücksichtigt. In diesem Fall gibt es auch wirklich eine Diskriminierung von Südtirolern gegenüber Auswärtigen.

Inwiefern?
Weil nur Immobilien in Südtirol eingerechnet werden. Wenn jemand Eltern in Marokko oder auch nur in Trient oder Modena hat, die fünf Häuser haben, werden diese nicht mit eingerechnet. Faktisch werden viele Frauen in jedem Fall zu Bittstellerinnen gemacht. Gegenüber ihren Familien, die sie anbetteln müssen, weil sie keine Unterstützung der öffentlichen Hand erhalten, und auch bei den Diensten selbst. Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass ja auch das Lebensminimum, also das soziale Mindesteinkommen, ständig gekürzt wird - nach drei Monaten um 20%, nach sechs Monaten um 30 % und nach einem Jahr um 50%. Immer mit der Begründung, dass sich die Frauen nicht ausreichend um Arbeit bemühen.

 

Stimmt das nicht auch oft?
Wer stellt denn heute eine alleinerziehende Mutter mit zwei, drei Kindern an? Wenn es genug Arbeitssuchende gibt, die keine Kinder haben. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Frauen eine Arbeit brauchen, die so nah wie möglich an ihrem Wohnort liegt, und Arbeitszeiten, die es ermöglichen, dennoch die Betreuung ihrer Kinder so gut wie möglich hinzubekommen. Doch statt sie bei der Arbeitssuche konkret zu unterstützen, werden alleinerziehende Mütter enorm unter Druck gesetzt.

Wie zum Beispiel?
Es dauert meistens nicht lange, bis die Drohung kommt: Wenn du es nicht auf die Reihe bekommst, müssen wir eben die Kinder irgendwo unterbringen. Das ist das allerbeste Druckmittel, damit die Frauen nicht mehr um Unterstützung anfragen. Doch selbst wenn sie endlich eine Arbeit finden, ist es gleich wieder zu viel. Sprich: Kaum verdienen sie einen Euro, wird ihnen auf der anderen Seite gleich beim Familiengeld gekürzt oder sie fallen aus dem Unterhaltsvorschuss oder dem Mietbeitrag heraus und sind am Ende wieder in derselben prekären finanziellen Situation.

Was sind also die Forderungen der Plattform für Alleinerziehende?
Eine unserer wichtigsten Forderungen ist, dass man bei der Unterstützung dieser Frauen ihre aktuelle Situation berücksichtigt. Wir haben zum Beispiel eine junge alleinerziehende Mutter, die vor zwei Jahren noch bei ihren Eltern wohnte und ein relativ gutes Einkommen hatte. Nun lebt sie allein in einer Mietwohnung, bekommt keinen Unterhalt vom Kindesvater, aber weder einen Mietbeitrag noch eine  Unterhaltsvorschussleistung. Denn ihr Einkommen von vor zwei Jahren lag um 40 Euro über der Einkommensgrenze. Doch was hat ein Einkommen aus dem Jahr 2015 mit der Situation im Jahr 2017 zu tun, in der sie dringend Unterstützung braucht? Da stimmt einfach das System nicht. Für uns geht eine EEVE schon in Ordnung, doch bitte berücksichtigen wir dabei auch die aktuelle Situation. Denn diese Frauen verschulden sich und kommen da nie wieder heraus.

Die Statistiken zeigen, dass immer mehr Eltern in Südtirol in wilder Ehe zusammenleben.  Gibt es nicht auch unter ihnen zahlreiche falsche Alleinerziehende?
Das ist eben die große Schweinerei und mit ein Grund, dass es vielen Alleinerzieherinnen so schlecht geht. Denn es gibt viele de-facto-Familien, die sich als Alleinerziehende ausgeben und das massiv ausnutzen. Die haben dann natürlich einen großen Vorteil gegenüber den echten Alleinerziehenden. Sie können es sich dann oft tatsächlich leisten, nur zu arbeiten, wenn sie Lust dazu haben. So haben sie dann auch ein geringes Einkommen und bekommen alle Förderungen. Und wenn sie mit den Kindern Skifahren oder ins Schwimmbad gehen, sind wir dann wieder Familie, weil da gibt es ja dann die Familienkarte. Während eine echte Alleinerzieherin für eine Erwachsende und mehrere Kinder zahlen muss, denn eine Mutter mit Kindern gilt schließlich nicht als Familie. Da braucht es noch einen Mann dazu.

Gibt es Schätzungen, wie viele falsche Alleinerziehende es gibt?
Wenn wir von 20.000 Alleinerziehenden ausgehen, und in der Realität liegen wir sicher schon drüber, sind meinen Beobachtungen nach rund ein Drittel echte Alleinerziehende, ein Drittel de-facto-Familien und ein weiteres drittel Verwitwete. Die haben ebenfalls oft Probleme, denn wenn ihre Kinder Hinterbliebenenrente erhalten, gelten sie nicht mehr als zu Lasten der Mutter lebend – und zwar ganz unabhängig davon, wie hoch die Rente ist.

Bräuchte es also mehr Kontrollen?  
Mich stimmt das wirklich traurig, dass ja eigentlich alle wissen, wer eine de-facto-Familien ist. Doch wenn sie es schon wissen, in jeder Gemeinde, auf jedem Meldeamt, warum unternimmt dann niemand etwas? Es würde ja schon oft genügen der Familie einen Brief zu schreiben, in dem man fragt, ob ihnen bewusst ist, dass sie anderen Frauen Gelder wegnehmen, die sie notwendig brauchen.

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Karl Trojer Mer, 03/08/2017 - 11:40

Dass in einem so wohlhabenden Land wie Südtirol Mütter mit ihren Kindern Not leiden müssen, das ist unerträglich ! Wenn, wie es scheint, und wie es sich aus obigen Darlegungen von Frau Lonbacher ergibt, der Hauptgrund dafür in einer nicht geeigneten Bürokratie liegt, dann möge die zuständige Behörde dies unverzüglich bereinigen ! Es kann doch nicht sein, dass zur Beurteilung von Bedürftigkeit Daten herangezogen werden, die mit der aktuellen Situation nicht übereinstimmen. Bis zu dieser Bereinigung möge die Landesregierung den entsprechenden Hilsforganisationen wie Caritas, Vinzenzverein ecc. die Mittel zur Verfüguing stellen, damit Hilfe ohne weiteren Aufschub sofort möglich wird.
Karl Trojer, Terlan
[email protected]

Mer, 03/08/2017 - 11:40 Collegamento permanente
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Dolores Wörndle Mer, 03/08/2017 - 12:28

Ich kann Frau Ida Lanbacher nur bekräftigen. Es ist unter jeder Würde wie das Muttersein als Alleinerzieherin in unserem Lande unterstützt wird. Es ist ein armseliges Rumschmeißen mit schönen Worten welche in kein Gesetzt passen und ein Hürdenlauf durch Papierwälder der letztendlich außer leere Hoffnung nichts bringt. Frau rackert sich jahrelang durch und sofern Gesundheit und Nerven das durchhalten kann sie als Mama noch von Glück sprechen und ihren Kindern noch die nötige Kraft übermitteln. Schafft eine alleinerziehende Frau nicht, sich durch sämtliche Jahre durch zu wühlen, ist das Sozialamt, die anstößigen Lieben und vielleicht gar der Psychiater bald zur Stelle. Das Land propagiert ja dass in unserer Heranwachsenden Jugend die Zukunft und das Potential steckt. Also dann würde ich dringend anraten, dass die Erziehung unserer Kinder vor allem in den jüngsten Jahren befürwortet und dessen Mütter unterstützt werden bei Ihnen die nötige Zeit zu verweilen und Alleinerziehenden Müttern soviel finanzielle Unterstützung geboten wird, dass gerade dessen Kinder nicht noch zusätzlichem entwicklungswidrigem Stress ausgesetzt werden.
Mit auffordernden Briefen lt. Frau Lanbacher an die betrügerischen "Falsch-Alleinerziehern" würde nichts nützen, da es sich um ein gewissenloses egoistisches Pack handelt, welches jede Situation weiter ausnützen wird.

Mer, 03/08/2017 - 12:28 Collegamento permanente
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Paul Stubenruss Gio, 03/09/2017 - 17:51

Nachkommen zur Sicherung der Renten interessiert die Politik nicht. Einfach weil es kein emotionales Thema ist. Man sieht es an den wenigen Kommentaren. Da war beim Thema Flugplatz wesentlich mehr los. Für die Zukunft haben die Politiker ja Pensplan und Laborfond erfunden. Unsere Nachkommen können ja , wenn die arbeitende Jugend fehlt und deshalb die Regale leer sind, Geld fressen. Es war doch in der DDR und in Russland kurz vor den Wende ähnlich, Geld hatten die Leute genug, nur man bekam nichts dafür.

Gio, 03/09/2017 - 17:51 Collegamento permanente
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Paul Stubenruss Gio, 03/09/2017 - 17:58

Ich wohne in Brixen neben dem Frauenhaus und habe daher öfter Gelegenheit mit den Frauen zu sprechen. Ich erlebe Sie in Dauerstress wegen der Angst das die Kinder genommen werden. Auch wenn ein Richter das Entfernen der Kinder entscheidet, verlässt er sich an dem was Ihm gesagt wird, teilweise von Personen die von einer Familie keine Ahnung haben und auch nicht die entsprechende Schulbildung.

Gio, 03/09/2017 - 17:58 Collegamento permanente