Società | #Multilingual

Wie Musik unsere Sprache beeinflusst

Lied-Texte widerspiegeln oft Kulturen und Mentalitäten oder bringen verschiedene Sprachen zusammen. In Südtirol greifen immer mehr junge MusikerInnen zum Dialekt.
Avvertenza: Questo contributo rispecchia l’opinione personale del partner e non necessariamente quella della redazione di SALTO.
Musik und Sprache
Foto: (c) pixabay

Dass Musik mehr ist, als nur schöne Klänge merkt man, wenn man sich kirgisischsprachigen Rap anhört. Er behandelt andere Motive, als wir es zum Beispiel aus der amerikanischen Rap-Szene kennen: Statt Frauen, Geld und Schimpfwörter stehen Moral, Patriotismus und Liebe im Vordergrund. Davon erzählt Florian Coppenrath, der im Leibniz-Zentrum Moderner Orient zu Hip-Hop in Kirgistan forscht und an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert: „Weil die kirgisischsprachige Bevölkerung etwas konservativer ist, sind die Grenzen dessen, was gesungen oder gerappt werden sollte, etwas enger gefasst.“ Künstlerinnen, die auf kirgisisch rappen, bedienten sich daher traditioneller Motive, um auch die kirgisischen Massen auf dem Land zu erreichen. Vor allem das Thema Patriotismus sei in den letzten 10 Jahren durch die Decke gegangen.

Rap auf Kirgisisch: "Ene Til", so heißt der Song, bedeutet "Muttersprache". In dem Lied wird die kirgisisiche Sprache gepriesen.

Die Sprache und Texte von Musik können also eine bestimmte Kultur oder Mentalität transportieren, bestätigt Coppenrath: "Davon, wie sich Sprache in Musik verändert, können wir viele Tendenzen einer Gesellschaft ableiten."

Gleichzeitig kann Musik Sprache stark prägen, wie die Entstehung von kirgisischprachigem Rap ebenso zeigt. Lange Zeit wurde in Kirgistan nur auf russisch gerappt, der zweiten Amtssprache des Landes, erklärt Coppenrath: "In Kirgistan wurde die kirgisische Sprache lange als Dorfsprache abgewertet, während russisch als die Kultursprache, die internationale Verständigungssprache galt." Auch sei Hip-Hop in der Stadt geboren, wo vor allem russisch gesprochen wurde. Das änderte sich mit der Migration vom Land in die Stadt, als urbane Zentren kirigisischsprachiger wurden, und damit auch die moderne Hip-Hop-Kultur. Seitdem gelte kirgisisch als „cooler“, und manch ein Modebegriff habe es aus dem Rap sogar in die Alltagssprache geschafft.

In Südtirol lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten: Immer mehr junge KünstlerInnen greifen für ihre Musik auf den Dialekt zurück. Hat „Südtirolerisch“ es aus der Schlager- und Volksmusik-Ecke in die junge Pop-Szene geschafft? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

 

Musik auf Dialekt – wieso ned?

 

Songtexte auf Dialekt gelten mittlerweile als authentische, nahbare und selbstbewusste Wahl. Deshalb singen in Südtirol immer mehr MusikerInnen so, wie sie sprechen – egal ob im Rap (z.B. Berise), im Blues-Rock (z.B. Jesse) oder im Reggea (z.B. Vino Rosso).

Viele junge MusikerInnen singen heute auf Dialekt: z.B. Berise mit "Rudebua"  (von Shanti Powa Records)

 

Die Meraner Singer-Songwriterin Nina Duschek schreibt normalerweise auf englisch. Doch für ihr Stück „Denk driber noch“, mit dem sie eine wichtige Botschaft transportiert, wählt sie bewusst den Dialekt, wie sie gegenüber Salto in einem früheren Interview erwähnt:

 

Als mir die Idee kam, wusste ich sofort, dass es auf Südtirolerisch sein musste...Natürlich hätte ich es auch auf Englisch schreiben können, doch die meisten Leute, die mich kennen, sind hier in Südtirol. Deshalb fand ich es von Vorteil, das Lied im Dialekt zu schreiben, da man gleich versteht, worum es geht und ich somit die Südtiroler direkt erreichen kann.

 

Für Coppenrath widerspiegelt diese Suche nach dem Lokalen in der Musik den aktuellen Zeitgeist: "Vielleicht ist das eine Art Identitätssuche in der aktuellen Globalisierungsbewegung", fügt er mit einem Fragezeichen hinzu.

Aus welchem Grund auch immer – Musik in Mundart kommt an und verbreitet sich. So fand diesen Sommer die erste Dialekt-Edition des Toblacher Festivals „Musik im Park“ statt. Dort traten ausschließlich Bands auf, die im Südtiroler Dialekt performen.

Denk Driber Noch - Nina Duschek, von Nina Duschek

 

Auch international gewinnen Dialekte und Minderheitensprachen in der Musik an Popularität. Die Südtiroler Band Jimi Henndreck, die im Lüsener Dialekt eine – wie die Bandmitglieder es ausdrücken – moderne Stubenmusik produzieren, nahm dieses Jahr beim Musikfestival „Liet Internationaal“ teil. Das Festival findet jährlich in den Niederlanden statt und vereint SängerInnen und Bands aus ganz Europa, ähnlich wie der Eurovision Song-Contest. Der Unterschied: Alle Teilnehmenden singen in einer Minderheitensprache. 2022 waren der Südtiroler- und der Sardische Dialekt genauso vertreten, wie Katalanisch oder Plattdeutsch.

Die Band aus dem Pustertal belegte den 4. Platz. Sie seien froh, den Lüsener Dialekt vom kleinen Tal in die Welt hinaustragen zu können, scherzen die vier jungen Musiker.

 

Den Lüsener Dialekt in die Welt hinaustragen: Jimi Henndreck bei Liet Internationaal 2022 (von rocknet-bz)

 

Die Sprache spielt in der Musik somit immer auch eine Rolle. Von der Sprache hängt ab, ob wir den Inhalt des Lieds überhaupt verstehen oder nur den Rhythmus fühlen; ob wir uns mit dem Lied identifizieren können oder nicht. Sie nimmt aber eine besondere Bedeutung an, wenn es sich um eine Minderheitensprache oder einen Dialekt handelt – oder wenn sich zwei Sprachen in einem Lied sogar begegnen.

 

Musik als Begegnungsort

 

Internationale Sportevents, wie die Olympischen Spiele, stehen oft im Licht des kulturellen Austausches. Genauso internationale Musikevents, etwa der Eurovision Song Contest.

Auch musikalische Projekte zwischen KünstlerInnen verschiedener Sprachen dienen diesem Zweck. Das Herbert Pixner Projekt  vereint etwa nicht nur unterschiedliche musikalische Stile, sondern auch MusikerInnen mit unterschiedlicher Muttersprache. Die Band 4-Twenty geht einen Schritt weiter und bringt in ihren Liedern deutsch, italienisch und englisch unter.

 

Musik kann Sprachgruppen zusammenführen: 4twenty singen "the south is burning"  3-sprachig (von 4Twenty)

 

Auch in Kirgistan, ein junges Land, das sich von seiner russischsprachigen Sowjet-Vergangenheit langsam emanzipiert, zeigt sich: Musik kann Sprachgruppen vereinen. So singen etwa manche ethnisch russischen Kirgistaner bewusst Lieder auf kirgisisch,  oder bauen kirgisische Ausdrücke in ihre Texte ein. Laut Coppenrath drückten sie in solchen Stücken auch ihr Unwohlsein aus, zu einer Minderheit zu gehören und sich nicht richtig als zugehörig zu fühlen.

Ähnlich wie in Südtirol hängt in Kirgistan das Niveau der Zweisprachigkeit von der jeweiligen Region ab, in der man lebt. Der neue Rap könnte laut Coppenrath zur weiteren Verbreitung der Kirgisischkenntnisse beitragen. "Durch das höhere Angebot an technisch hochwertiger Musik in kirgisischer Sprache, fangen mehr junge Leute an, kirgisischsprachige Musik zu hören. Dann ist es auch natürlich, dass man die Texte verstehen will", erklärt der Experte.

Schlussendlich dienen Lieder also auch dem Spracherwerb. Die eigenen Lieblingslieder in der Fremdsprache anzuhören, und deren Texte verstehen zu lernen kostet weniger Überwindung, als stundenlang trocken Vokabeln zu „stucken.“