Società | Race across America

Lebensschule auf dem Fahrradsattel

Professor Kurt Matzler über das Race Across America, und was Führungskräfte vom härtesten Rennen der Welt lernen können.
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Race Across America
Foto: Kurt Matzler

Der Südtiroler Kurt Matzler nahm im Juni 2016 am Race Across America teil, dem längsten und härtesten Radrennen der Welt. Sein vierer Team legte 5.000 Kilometer und 52.000 Höhenmeter zurück, und erreichte den 2. Platz in seiner Kategorie. Das seit 35 Jahren stattfindende Rennen beginnt im westlichen Kalifornien, umspannt 12 Bundesstaaten und endet im Osten in Maryland. Die Rennfahrer überqueren dabei drei große Gebirgszüge, darunter die berühmten Rocky Mountains, radeln entlang der vier größten Flüsse Amerikas, wie etwa entlang des Mississippis, und fahren sogar durch die Wüste. Dafür konnte das Team 300.000 Dollar an Spendengelder zur Ausrottung der Kinderlähmung sammeln.

Aber auch persönlich hat sich das Rennen für Kurz Matzler gelohnt. Der Professor für Strategie, Innovation und Leadership an der Universität Bozen bewältigte nicht nur große körperliche Herausforderungen während des Rennens, sondern nahm daraus viele lehrreiche Erfahrung zum Thema Management und Unternehmensführung mit. Über die Zusammenhänge von Extremsport und Unternehmerwelt wird Prof. Kurt Matzler in einem Vortrag am 7. Juni 2017 um 18 Uhr an der Uni Bozen erzählen. Was Führungskräfte auf dem Fahrradsattel alles lernen können, davon berichtet er vorab im Interview mit Salto...

 

Herr Matzler, Sie nahmen im Sommer letzten Jahres am sogenannten Race Across America teil, dem härtesten Radrennen der Welt, das sich über 7 Tage lang hinzieht. Wie kamen Sie dazu, dort mitzumachen?

Für einen leidenschaftlichen Rennradfahrer ist das Race across America das absolut Höchste, das längste und härteste Radrennen der Welt. Natürlich ist es für jemanden, der einen 50-60 Stunden Job hat, eine Illusion, als Einzelfahrer am Rennen teilzunehmen. Man kann es auch in einem zweier-, vierer- oder achter Team fahren. Ich war in einem vierer Team, und zwar in einem sogenannten Rotary-Team. Rotary  ist eine weltweite Wohltätigkeitsorganisation, die unter anderem die Ausrottung der Kinderlähmung zum Ziel hat. Unser Team hatte demnach das Ziel, Spendengelder einzusammeln. Mein Glück war es, in ein Team zu kommen, das aus hauptsächlich Amerikanern vor Ort bestand, wodurch wir einen großen Vorteil in der Organisation hatten. Der Logistische Aufwand ist riesig, das gesamte Projekt kostet um die 40.000 Euro. Daher konnte ich trotzt der begrenzten Zeit mitmachen.

 

Wie kann man sich den Ablauf denn genau vorstellen? Also z.B. wie gestalten sich die Abwechslung zwischen den Teamspielern, oder die Schlaf- und Esspausen?

Wir haben folgende Taktik gewählt: Wir haben zwei 2-er Teams gebildet, die je für acht Stunden zuständig waren, und dazwischen acht Stunden Pause hatten. Pause hieß in diesem Fall, dass man im fahrenden Wohnmobil das Rennen begleitet. Innerhalb dieser acht Stunden haben wir uns alle 30 Minuten abgewechselt. So ging es über sieben Tage lang.

 

Sie sagen, auch Einzelteilnahmen waren möglich. Was ist der Vorteil von Teamarbeit? Und welche sind die Schwierigkeiten? Können Sie diese Erkenntnisse vom Sport auch auf die Führungsetage im Unternehmen übertragen?

Als Einzelfahrer sitzt man im Schnitt 21 Stunden im Sattel. Die meisten brauchen zwischen sieben und zwölf Tagen. Das ist natürlich eine körperliche Megaleistung. Im Team hat man den Vorteil, sich die sportliche Leistung aufzuteilen, dafür aber eine viel größere logistische Herausforderung. Es braucht viel mehr Planung, Begleitung und Organisation in der Begleitung der Fahrer. Man muss also versuchen, Menschen für so ein Rennen zu begeistern, da auch die Begleiter im Wohnmobil vor großen Herausforderungen stehen. Der Fahrer und der Navigator  müssen ebenfalls Stunden und Tage hinter dem Fahrradfahrer herfahren. Die Begleiter opfern meist ihre  Urlaubszeit um am Rennen teilzunehmen. Das funktioniert nur, wenn sich jeder Einzelne mit der großen Idee wirklich identifizieren kann. Erst wenn er sich dafür begeistern kann, setzt er Energien frei, die er sich selbst vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

Ich glaube das ist eine wichtige Lektion auch für Unternehmen. Es gibt einen schönen Spruch von Antoine de Saint-Exupéry: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Genau das ist auch beim Rennen passiert. Daher ist es in einer Teamzusammensetzung ganz wichtig, dass die Leute sich mit den Zielen und Werten des Projekts identifizieren können. Das ist in Unternehmen leider nicht immer der Fall.

 

Wie lange muss man für so ein Event trainieren bzw. wie kann man sich am besten darauf vorbereiten?

Idealerweise trainiert man kontinuierlich über Jahre. Ich persönlich trainiere 6-7 Mal in der Woche, ungefähr 12.000 km pro Jahr am Rennrad, im Winter durch Langlauf. Zusätzlich betreibe ich noch spezielles Krafttraining für Rücken- und Nackenmuskulatur. Das ist das körperliche Training. Das Zweite wäre dann die geistige Stärke. Man muss Disziplin entwickeln. Das heißt für mich z.B. der Glaubenssatz: Es ist leichter einen Grundsatz zu 100 Prozent einzuhalten als zu 95 Prozent. Wenn auf meinem Trainingsplan z.B. 200km Radfahren steht, und ich komme nach sieben oder acht Stunden nachhause und habe 197 km darauf, dann fahre ich vor meinem Haus so lange auf und ab, bis ich die 200 erreicht habe. Diese Disziplin, und das große Ziel vor Augen zu haben, das trainiert die geistige Willensstärke.

 

Was glauben Sie muss jemand mitnehmen, um eine solche Herausforderung zu meistern? Und was spielt hierbei eine größere Rolle: die körperliche Verfassung oder der psychische Wille?

Ich würde sagen die körperliche Verfassung ist notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidend ist der Kopf.

 

Welchen Strapazen waren Sie während des Rennens ausgesetzt? Was war die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war die Hitze. Wir hatten in der Wüste einen Hitzerekord bei 50 Grad, und eine Asphalttemperatur von über 90 Grad. Das ist so, als würde einem der heiße Fön ins Gesicht blasen. Das Rad wurde so heiß, dass ich mit den Oberschenkeln den Rahmen nicht berühren konnte, die Bremshebel wurden heiß und mein Radcomputer ist aufgrund der Temperaturen ausgefallen. Eine weitere Herausforderung war der Schlafentzug. Ich bin vier Tage vor Start angekommen. Aufgrund des Jetlegs und der zahlreichen Vorbereitungen konnte ich nicht länger als vier Stunden pro Nacht schlafen. Auch während des Rennens konnte ich im fahrenden Wohnmobil kaum schlafen. Was allerdings super funktioniert hat, war die Zusammenarbeit im Team.

 

Marathonläufer berichten häufig von der sogenannten „Mauer“, also ein bestimmter Punkt während des Rennens, an dem man meint, nicht mehr weiter zu kommen und an seine Grenze gelangt zu sein. Einmal die Mauer überwunden, geht es dann aber leichter weiter und man kommt ans Ziel. Hatten Sie solch ein „Mauer-Erlebnis“ und wie haben Sie es überwunden?

Ja eigentlich mehrmals. Das stimmt absolut. Dabei ist eines ganz wichtig: immer das große Ziel vor Augen haben und sich ganz bildhaft vorstellen wie es ist, wenn man über die Ziellinie fährt. Dadurch kann man sich, wenn die Mauer kommt, dieses Bild abrufen. Auch darauf kann man sich vorbereiten. Außerdem darf man nie darüber nachdenken wie weit es noch bis zum Endziel ist, sondern sich dann nur kleine Ziele setzten. Also z.B. bis zum nächsten Timestation, bis zum nächsten Teamwechsel, bis zur nächsten Stadt usw., dass man immer solche Quick-wins hat.

 

Das klingt sehr nach Zielsetzung in der Berufswelt. Glauben Sie, solche Mauer-erlebnisse gibt es auch im Arbeitsleben und kann man diese Strategien auf den Job übertragen?

Das kann man Eins zu Eins übertragen. Im Job ist man häufig so unter Druck oder so tief in der Materie, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Man verliert das große Ziel aus den Augen und sieht nur mehr die vielen kleinen Steine auf dem Weg. Auch  hier sind solche kleine Zwischenerfolge, die Quick-wins, entscheidend.

 

Und wie kann die Führungskraft dabei behilflich sein?

Die Führungskraft muss in der Lage sein, diese große Vision zu vermitteln, zu kommunizieren und zu überzeugen, sodass die Mitarbeiter dieses Bild sehen und auch erkennen, was ihr Beitrag für das Ganze ist. Das war in unserem Team entscheidend. Jeder war begeistert vom Race across America  und von der Idee, damit Spendenbeiträge einzusammeln. Jeder kannte seine Rolle und hat gesehen, dass ohne seinen Beitrag das ganze zusammenbrechen würde.

 

Was nehmen Sie aus der Erfahrung an Positivem für Ihre persönliche Entwicklung mit?

Auf der einen Seite war natürlich die sportliche Leistung ein Erlebnis für sich. Was mich aber wirklich fasziniert hat und mich dazu bewogen hat, es nochmal zu machen waren die Leute. Ich kannte das Team vorher nicht. Während des Rennens mussten plötzlich fremde Menschen Tag und Nacht zusammenarbeiten und waren komplett aufeinander angewiesen. Das hat aber wunderbar funktioniert und es hat sich emotional und physisch eine unglaubliche Intensität entwickelt. So ein Zusammenhalt des Teams war für mich früher unvorstellbar. Daher würde ich gerne noch einmal im selben Team antreten.

 

Beruflich sind Sie Professor für Strategie, Innovation und Leadership an der Universität Bozen. Sie sagen, ein solches Extremprojekt wäre förderlich für eine gute Führungskraft. Inwiefern?

Man kann sehr viel mitnehmen. Eine persönliche Lektion, die ich mitgenommen habe war die Rolle des Vertrauens. Der Organisator hat mich eingeladen, ohne mich zu kennen. Er wusste nicht, wie gut ich Rad fahre aber er hat mich dennoch eingeladen. Das war ein riesen Vertrauensvorschuss. Da habe ich überlegt, was das eigentlich mit mir gemacht hat. Und es hat eine enorme Verpflichtung in mir ausgelöst. Die Rolle des Vertrauens ist im Unternehmen essentiell. Denn, je mehr Vertrauen ich gebe, umso mehr Verpflichtung erzeuge ich beim Mitarbeiter, dieses auch zu erfüllen. Dadurch kann ich den Mitarbeiter sehr fordern, dass er bis an seine Grenzen geht.

Was ich auch gelernt habe ist, dass neben konsequentem Training und Disziplin das Pausen-machen sehr wichtig ist. Das ist etwas, was Führungskräfte lernen müssen. Ich hab mit vielen Führungskräften zu tun, die meinen, je mehr und härter sie arbeiten, desto besser.  Das ist grundlegend falsch. Im Sport weiß man, dass man Ruhepausen einlegen muss weil der Trainingseffekt erst in der Regeneration eintritt. Im Management ist es dasselbe. Ich brauche die Pause um Abstand zu gewinnen und neue Ideen zu entwickeln.  

 

Sollten nun alle Führungskräfte am Race across America mitmachen oder kann man auch aus durchschnittlicheren sportlichen Betätigungen etwas für seine beruflichen Qualitäten lernen?

Extremsport muss es nicht unbedingt sein. Allerdings ist es sehr hilfreich, ein Hobby, egal ob Musik oder Sport intensiv zu betreiben. Das kann auch Zeit mit der Familie sein. Das hilft nämlich, den nötigen Abstand zum Job zu gewinnen und eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeit, die ja auch Bedürfnisbefriedigung mit sich bringt, zu vermeiden. Wenn man sich darauf konzentriert, kann man einen guten Ausgleich finden.