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Was empfindet die Generation 30-60 heute als sozial gerecht? Darf man ihr zugestehen, in dieser Frage nicht mehr den klassischen politischen Modellen verhaftet zu sein ohne als egoistisch oder widersprüchlich tituliert zu werden?

Reiner Egoismus oder neue Auffassung von Gerechtigkeit?

Spiegel-Online analysiert Allensbach-Studie zur sozialen Gerechtigkeit in Deutschland und kommt zum Schluss, die Befragten seinen Teil einer "Generation Zwiespalt".
Un contributo della community di Martin Daniel11.09.2016
Ritratto di Martin Daniel
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Unter dem Titel "Mir geht es gut - aber Deutschland ist ungerecht" erörtert ein Artikel auf Spiegel-Online die Ergebnisse einer Studie des Demoskopie-Instituts Allensbach, die 30- bis 59-Jährige in einer repräsentativen Umfrage u. a. danach fragte, ob sie glaubten, dass in Deutschland soziale Gerechtigkeit herrschte und welche Auffassung von sozialer Gerechtigkeit sie verträten.

64% der Befragten halten demnach die wirtschaftlichen Verhältnisse (Besitz- und Einkommensverteilung) in Deutschland für nicht gerecht, lediglich 14% bejahten diese Frage.

Auf die Frage nach den geeigneten Maßnahmen gegen diese Ungerechtigkeit landeten allerdings die Erhöhung der Spitzensteuersätze, die Einführung einer Vermögenssteuer für Reiche, die Erhöhung des Mindestlohns oder die Erhöhung des Hartz-IV-Satzes auf den hinteren Rängen.
Die befragte "Generation Mitte", wie sie der Autor bezeichnet, hält die klassischen Rezepte steuerlicher Umverteilung nicht für geeignet, um die angenommenen Missstände zu beheben. Dies veranlasst den Autor zu schließen, die Befragten wären zwiespältig, widersprüchlich - sie wollten mehr Gerechtigkeit, wären aber nicht bereit die dafür nötigen Maßnahmen zu akzeptieren. In den Kommentaren wird der befragten Generation u.a. Egoismus oder der Wunsch nach Gerechtigkeit zum Nulltarif unterstellt.

Kann es auch sein, dass diese Generation eine andere Auffassung von sozialer Gerechtigkeit hat und daher auch andere Maßnahmen zu deren Förderung für sinnvoll erachtet? Sehen wir uns die von den Befragten als gerecht angesehenen Vorstellungen in der Reihenfolge der Häufigkeit der Nennungen an.

Den Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit entspricht demnach:

1. von der Arbeit leben zu können
2. gleiche Chancen bei der Schulbildung zu haben
3. gleichen Zugang im Gesundheitswesen zu besitzen
4. gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu erhalten
6. Geld für Familien
7. Mehr Leistung für mehr Geld
8. Gleiche Chancen für Jüngere wie für Ältere
10.Keine Lohnkluft zwischen den Berufen
12.Keine Bevorzugung einer Generation

Diese Wünsche gehen augenscheinlich von einer veränderten Lebens- und Arbeitsrealität aus. Anscheinend empfinden viele der Befragten, nicht fair für ihre Leistung entlohnt zu werden, während dies in anderen Berufen (oder sogar für diesselbe Tätigkeit in anderen Sektoren) überverhältnismäßig der Fall wäre. Mir fällt da für Südtirol spontan die Kluft zwischen den Journalisten der lokalen Printmedien und jenen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein. Vielleicht spielen da auch die heutigen Berufseinsteiger hinein, die sich angesichts ihrer erbrachten Leistung ungerecht behandelt fühlen wenn sie mitbekommen, dass Alteingessenene, welche die gleiche Arbeit verrichten, ein ganz anderes Lohn-/Leistungsverhältnis genießen. Denken wir an die Einkommensunterschiede zwischen altgedienten und neuangestellten Bankangestellten oder Beamten, wo die einen für denselben Job (meist haben die Jungen mehr Biss und gleichen dadurch das Plus an Erfahrung der Älteren aus) durchaus das Doppelte der anderen einstecken. Ganz zu schweigen von den vielen Praktiktumsabsolventen, die von diesen niedrigen Einstiegsgehältern jahrelang nur träumen können. Das Thema Generationengerechtigkeit scheint jedenfalls in diversen Aspekten präsent (Punkte 1, 4, 8, 12) und damit neuer Bestandteil von dem, was unter sozialer Gerechtigkeit zu verstehen ist.

Die Befragten haben im Zeitalter der Privatisierung ein Bewusstsein für die Bedeutung des freien und gleichen Zugangs zu qualitativ hoher Ausbildung und Gesundheitsversorgung herausgebildet und erkennen die Notwendigkeit der staatlichen Unterstützung der Familiengründung.  Bis vor Kurzem waren Fördergelder waren (wie Löhne) dank wachsender Wirtschaft und zunehmender Staatsverschuldung stets üppig angesetzt. Jetzt wo Altlasten abzutragen sind und der Kuchen für alle kleiner wird, schaut die "Generation Mitte" genauer hin, ob Familie noch leistbar ist, ob allen vor Ort eine gute Gesundheitsversorgung bereitgestellt wird, wie der Zugang zum Bildungsbereich aussieht, ob jene, die mehr verdienen als sie, auch eine entsprechend höhere Leistung erbringen und wo überall versteckte und offene, alte und neue Privilegien ganzen Berufs- und Personengruppen in ihren Augen ungerechte Vorteile einräumen. Eines der neuen Privilegien wird unter den Lösungsansätzen für mehr soziale Gerechtigkeit an 2. Stelle genannt: Die Schließung der Steuerschlupflöcher. Ein Indiz dafür, dass sich breite Bevölkerungsschichten dieser schwerwiegenden unerwünschten Nebenwirkung der Globalisierung des Großkapitals bewusst werden und Taten verlangen.

Wiederholt geht hervor, dass die Befragten mit großer Mehrheit bessere Löhne für mehr Leistung befürworten und sich zudem wünschen, dass Arbeit deutlich mehr lohnen soll als Erwerbslosigkeit. Die vorherrschende Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit scheint nicht mehr überwiegend jene eines Ausgleichs (unabhängig vom Einsatz) angesichts vorhandener Bedürfnisse zu sein, sondern eher in der Forderung von leistungsbereiten Menschen zu bestehen, für ihre Arbeit fair entlohnt zu werden. Welche Gründe haben diese Verschiebung bewirkt? War die Umverteilung nicht treffsicher? Hat der Staat bei der Umverteilung überzogen? Gibt es zu viele "working poor"? Fühlt sich der Mittelstand im Abstieg begriffen und von zunehmend wirtschaftsliberalen Regierungen vernachlässigt?

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Ritratto di Oliver H. (gesperrt)
Oliver H. (gesperrt) 12 Settembre, 2016 - 09:10
Es ist ein komplexes Thema. Insgesamt denke ich, dass der Sozialstaat einen Großteil der aktuellen Missstände mitverschuldet. Wenn Menschen, die 42 Jahre lang erwerbstätig waren und einen beträchtlichen Anteil ihres Einkommens an den Staat abdrückten im Alter nach Abzug der Fixkosten gerade mal 150€ zum leben haben oder wenn arbeitstätige Eltern, die Steuern zahlen auf Kindergeld angewiesen sind, so zeigt das auf, dass die Umverteilung nicht immer zielführend ist. Meiner Meinung nach braucht es in erster Linie eine Reform der Zentralbanken, um die (für den kleinen Bürger unvorteilhaften) Umverteilungsmechanismen unserer Finanzordnung zu stoppen. Ergänzend braucht es eine Reform des Sozial- und Steuerwesens. Ich persönlich bevorzuge dabei hohe Freibeträge, sodass gerade Menschen mit geringem Einkommen mehr finanziellen Spielraum, dafür aber auch mehr Eigenverantwortung haben.
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