Advertisement
Advertisement
Zeichen der Zeit

Die Kirche wird sich ändern (müssen)

Ist die Kirchenleitung bereit, die Zeichen der Zeit zu erkennen oder glaubt sie, so weitermachen zu können wie bisher?
Un contributo della community di Robert Hochgruber16.01.2020
Ritratto di Robert Hochgruber
Advertisement

Nach dem gestrigen (15.1.2020) Morgengespräch mit dem Regens des Priesterseminars und dem Beitrag in der Tagesschau auf RAI Südtirol möchte ich eine weitere Sichtweise einzubringen.

Regens Markus Moling betonte, dass die Freistellung des Pflichtzölibates allein den Priestermangel nicht lösen würde. Ja klar, es wäre nur die Anerkennung eines Menschenrechtes, das vermutlich positive Auswirkungen auf die Seelsorge hätte. Zusätzliche Maßnahmen wie die Aufhebung der Diskriminierung von Frauen (keine Ämter in der Kirche) ihres Geschlechtes wegen (Menschenrechte lassen grüßen), eine Demokratisierung der Organisation der Kirche, eine verständliche und zeitgerechte Sprache müssten folgen. Die entscheidende Frage ist, ob die Kirchenleitung bereit ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen und evangeliumsgemäß umzusetzen oder ob sie glaubt, so weitermachen zu können wie bisher. In der Weltkirche bräuchte es eine Abkehr vom derzeitigen Klerikalismus, Absolutismus, Zentralismus und Patriarchalismus.

Dass der Glauben geschwunden sei, wie Kirchenvertreter (auch M. Moling) oft deutlich machen, halte ich für eine Ausrede. Er hat sich verändert. Fast alle Statistiken weisen darauf hin, dass um die 80 % der Europäerinnen und Europäer an Gott, an ein Höheres Wesen, eine Kraft, die über allem steht, glauben. Das konnte ich auch bei den Maturantinnen und Maturanten sehen, die ich unterrichtet habe (junge Menschen!). Freilich hat die Kirchenbindung in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Ich bitte also nicht von einem Glaubensschwund zu reden, sondern von Abnahme der Kirchlichkeit. Die Gründe dafür liegen nicht nur bei der Kirchenleitung, wohl aber auch.

Ich habe Sorge und zugleich keine Angst um die Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen. Die derzeitige Struktur wird sich früher oder später verändern, ja, ändern müssen.

Die Ausbildung von 12 Priesteramtskandidaten aus Tansania und Indien an der Phil. Theol. Hochschule in Brixen ab kommendem Herbst bzw. ihr 5jähriger Einsatz in Südtiroler Pfarreien wird als Win-Win Situation dargestellt, um den Priestermangel zu lindern. Ich habe den Eindruck, dass es sich um kirchlichen Neokolonialismus handelt. Man entzieht Diözesen des Südens gute Personen, bildet sie nach europäisch westlichen Mustern aus und gibt vor, dass sie nach 5 Jahren zurück in ihre Heimatländer gehen. Offen ist, ob sie sich nach fünf Jahren wirklich weihen lassen (entsprechende Versuche z.B. der Josefsmissionare in London sind gescheitert), ob sie sich in unserer Kultur wirklich einleben können (Voraussetzung für Seelsorge) und ob sie nach fünf Jahren bereit sind, in eine ganz neue Situation in ihren Diözesen, wo sie weder die entsprechenden Mittel noch die Anerkennung vorfinden, zurückkehren wollen und können. Denn dafür werden sie ja nicht ausgebildet. Ich habe den Eindruck, mit dieser Aktion möchte die Diözesanleitung vorgeben, etwas gegen den Priestermangel zu tun

Es wäre möglich, auch heute schon etwas gegen den drastischen Priestermangel (Durchschnittsalter der Südtiroler Priester ist um die 73 Jahre) und den damit einhergehenden Seelsorgenotstand zu tun. Ja, ich bin überzeugt, dass wir offen von einem Seelsorgenotstand sprechen sollten. Eine umfassende Seelsorge ist derzeit, das geben auch Verantwortliche der Diözese zu, nicht mehr möglich. Es könnten Pastoralassistentinnen oder -assistenten, Gemeindeleiter*innen haupt- oder nebenamtlich angestellt werden (von der Diözesansynode bereits gefordert). Alles auf das Ehrenamt abzuwälzen, halte ich für eine Ausnutzung und auch nicht möglich. Wie bezahlen, wird sofort eingeworfen. Wenn die Diözesanleitung diese Schritte für notwendig erachten würde, wären die Finanzen dafür zu finden. Derzeit scheint sie mehr an der Erhaltung der Besitztümer als an einer umfassenden Seelsorge interessiert zu sein. Weiters könnte zu denken geben, dass es heute bereits mehr Religionslehrer*innen gibt, als Priester. Wenn das nicht ein Zeichen ist?!

Dass der Glauben geschwunden sei, wie Kirchenvertreter oft deutlich machen, halte ich für eine Ausrede. Er hat sich verändert.

Wenn ich von Regens Moling höre, dass wir von der Ämterdiskussion wegkommen sollen, da wir ja gemeinsam Kirche sind, ärgere ich mich. Ja, wir sind gemeinsam Kirche, aber entscheiden tun die Priester, der Bischof, der Papst und die Kleriker um ihn herum. Wenn die Gläubigen wirklich mitentscheiden könnten, würde die Kirche heute schon anders aussehen, z.B. waren 73 % der Synodal*innen für die Freistellung des Zölibates, etwa zwei Drittel für die Priesterweihe von Frauen. Die Weiterentwicklungen / Reformen in der Kirche sind also eine Frage der Macht, nicht der Argumente wie z.B. Seelenheil der Gläubigen.

Ich weise selbstverständlich darauf hin, dass ich vieles an der Kirche schätze, für gut halte, sie als notwendig und sinnvoll erachte. Ich habe Sorge um die Kirche, deshalb bringe ich mich ein. Zugleich habe ich keine Angst um die Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen. Die derzeitige Struktur wird sich früher oder später verändern, ja, ändern müssen. Das Evangelium wird bleiben. Ich kenne nichts Besseres.

Advertisement
Advertisement
Ritratto di Georg Lechner
Georg Lechner 16 Gennaio, 2020 - 18:47

Der Glaube ist nicht geschwunden, sondern wurde oft gar nicht geweckt (vielleicht, weil er eine Bedrohung von Machtinteressen gewesen wäre). Die Kirchenbindung ist geschrumpft - und damit reichen äußerliche Anlässe für den Kirchenaustritt. Der Buddhismus übt eine gewisse Faszination aus, weil er (in der Ursprungsform) kein personales Gottesverständnis kennt. In Internetforen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Stützung des Klerikalismus auf ein strikt personales Gottesverständnis der Angelpunkt der Entfremdung ist. Dabei bietet auch die christliche Überlieferung Anknüpfungsmöglichkeiten, ein apersonales Gottesverständnis mitzubedenken. In Anlehnung an den frommen Dadaisten Hugo Ball kann Gott auch als Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft aller verstanden werden.

Ritratto di Karl Trojer
Karl Trojer 21 Febbraio, 2020 - 09:53

Was wir, meines Erachtens, bräuchten, ist eine Reduzierung der christlichen Botschaft auf das Wesentliche: die LIEBE. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Wesnetliche einfach ist : letztlich zählt nur authentisch gelebte Liebe, zumal sich daraus der Rest ergibt. Christi Anfrage ".. was seid Ihr ängstlich besorgt..." klagt das Bemühen ums Vermeiden von Kratzern an der Fassade an. Glänzende Fassade verdeckt den Inhalt. Dringend wäre auch die Umsetzung der Menschenrechte innerhalb unserer katholischen Kirche : Frauen und Männer sind gleichermaßen "Kinder Gottes" und deshalb stehen den Frauen diesselben Chancen und Rechte zu wie Männern; das bisherige Unrecht des Ausschlusses gilt es zu tilgen. Unser Gottesbild bedarf einer Weiterentwicklung des Verständnisses der "Trinität", z.B. der EINE GOTT (die Liebe) manifestiert sich "trinitär" in der Schöpfung, der Welt, als Kombinationen von "Energie" (für Vater), "Information" (für Geist) die die Energie strukturiert, ihr Gestalt gibt, und "Kommunikation" (für Jesus), die die Gestalten miteinander vernetzt, Gemeinschaft bildet). Jesus wäre dabei der Kommunikator der LIEBE zu uns Menschen hin, damit wir besser verstehen was Liebe ist...

Ritratto di Georg Lechner
Georg Lechner 21 Febbraio, 2020 - 10:45

Ja, Kinder Gottes sind alle, die gemäß der Bergpredigt zu leben versuchen und so die Botschaft weitertragen, die Jesus als sein Vermächtnis hinterlassen hat.
Bedauerlicherweise hat der Papst bei seinem Schreiben zur Amazonien-Synode davor zurückgeschreckt, was ihm der emeritierte Bischof Erwin Kräutler aus seiner pastoralen Erfahrung geraten hatte.

Advertisement
Advertisement
Advertisement