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Landwirtschaft

Vor der Bio-Wende?

Fast zwei Drittel von Südtirols Bauern glauben an die Zukunft von Bio. Überzeugen sie auch ihre Interessenvertretung? Eine interne Umfrage des Bauernbunds bewegt.
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„Weiter wie bisher ist keine Option“: Unter diesem Slogan wird sich am Mittwoch dieser Woche der Träger des alternativen Nobelpreises und Gründer der Stiftung Biovision Hans Rudolf Herren in Mals für einen Kurswechsel in der Landwirtschaft stark machen. Glaubt man einer aktuellen Bauernbund-Umfrage dürfte der Öko-Guru damit nicht nur in der aufständischen Vinschger Anti-Pestizid-Gemeinde offene Türen einrennen. Denn knapp 60 % der Mitglieder des Südtiroler Bauernbundes deklarierten sich darin als Fans der biologischen Landwirtschaft. 67 % von ihnen können sich laut Informationen von salto.bz gar einen Umstieg vorstellen. Eine Bombe, die der mächtige Südtiroler Verband selbst zündete. Denn die Zahlen stammen aus einer internen Mitgliederbefragung, mit der der Bauernbund alle fünf Jahre die Zufriedenheit seiner Mitglieder überprüft und ihrer Stimmung bzw. ihren Einstellungen auf den Zahn fühlt.

Mit der nun entdeckten Bio-Passion liegen die Bauernbundmitglieder durchaus im Trend. Der europaweite Boom von biologisch produzierten Produkten hat in den vergangenen Jahren selbst einen tiefschwarzen bayerischen Minister wie Helmut Brunner dazu gebracht, sich die  Verdoppelung des Ökolandbaus in Bayern bis 2020 auf die Fahne zu schreiben. „Wieso sollen wir die einzige Wachstumsschiene in der Landwirtschaft den Importeuren überlassen“, lautet die Argumentation hinter der Initiative „Bio-Regio Bayern 2020“, mit der der Anteil des Ökolandbaus mittels Investitionsförderungen, Bildung, Beratung oder Wissenstransfer von 6 auf 12 % gepusht werden soll. In Österreich wird laut Presseberichten bereits heute ein Fünftel der landwirtschaftlich genutzten Fläche biologisch bearbeitet.

"Qualität heißt heute Bio"

„Für mich ist das Bio-Produkt kein Nischenprodukt mehr“, sagt auch Günther Wallnöfer, Vize-Obmann von Bioland Südtirol sowie stellvertretender Bauernbund-Ortsobmann von Laatsch. „Für mich ist das Bio-Produkt das Zukunftsprodukt der Südtiroler Landwirtschaft.“ Seit zehn Jahren arbeitet der Viehbauer mittlerweile nach Bioland-Kriterien. Die Chancen Südtirols, bei einer Massenproduktion mitzuhalten, sind laut Wallnöfer  heute geringer als je zuvor. Eine Einsicht mit der er laut jüngster Bauernbund-Umfrage nicht mehr allein dasteht. „Mittlerweile ist keiner mehr gegen Bio“, bestätigt er. „Denn ob Milch oder Apfel – die konventionelle Landwirtschaft ist im Keller, mit diesen Preisen kann man nicht mehr arbeiten.“ Vor allem in einer Region, die sich Qualität mit Ausrufzeichen auf die Fahnen schreibt, könne die Antwort nur Bio heißen, ist Günther Wallnöfer überzeugt. „Denn Qualität heißt heute einfach Bio“, sagt er. „Es ist nur schade, dass offenbar erst die Krise davon überzeugen muss.“

Und dass die Überzeugungsarbeit erst langsam von unten an die Spitze der wichtigsten Interessensvertretung der Südtiroler Landwirtschaft vordringt, könnte man hinzufügen. Denn während die Bio-Bauern im Land schon seit Jahren für eine nachhaltigere Landwirtschaft die Trommel rühren, waren aus der Bozner Bauernbundzentrale  bislang ganz andere Töne zu vernehmen. Das zeigte sich zuletzt besonders deutlich bei heißen Themen wie Pestiziden und Gülle, bei denen der Kurs des Bauernbunds keineswegs in Richtung neue Nachhaltigkeit ging, sondern vielmehr den konventionellen Status Quo verteidigte. Und selbst wenn Bauernbunddirektor Siegfried Rinner auf Bio-Sonderseiten im Südtiroler Landwirt oder Weiterbildungen verweist: Als Vordenker oder Motivator für eine Bio-Wende in Südtirols Landwirtschaft hat sich der Bauernbund in den vergangenen Jahren sicher nicht hervorgetan. „Es ist eine Tatsache, dass sich Biobauern lange als Bauernbund-Mitglieder zweiter Klasse fühlten und vielfach bis heute fühlen“, meint Bioland-Obmann Michael Oberhollenzer. Fakt ist aber auch, dass bei einem durchschnittlichen Anteil  der Biolandwirtschaft von 5 bis 6 Prozent damit eben die Interessen der Mehrheit vertreten wurden.

Wie auch die Daten des Agrarberichts 2014 zeigen, bleibt die Bioproduktion in Südtirol trotz boomender Nachfrage in vielen Bereichen ein Nischenprodukt. Vorreiter ist die Obstwirtschaft, wo man sich nicht zuletzt dank massiver Flächenumstellungen im vergangenen Jahr langsam in Richtung 10-Prozent-Marke bewegt.“ Jeder zweite Bio-Apfel in Europa kommt aus Südtirol“, heißt es dort mittlerweile stolz. In der Milchwirtschaft dümpelt der Anteil dagegen unter der 2-Prozent-Marke dahin. Gerade einmal 1,7% der angelieferten Milch war 2014 in Südtirol Biomilch. Während sich der erfolgreiche Sterzinger Milchhof mittlerweile mit Tiroler Milch behilft, wartet man bei Südtirols Marktführer Bergmilch seit Jahren auf ausreichend heimische Bio-Milch, um endlich ein eigenes Bio-Joghurt produzieren zu können. Mit dem Partner Alce Nero wartet einer der größten Bio-Verteiler Italiens geduldig mit. Der Markt ist vorhanden. Doch das Angebot fehlt. „Wer in Mailand in Bio-Supermärkte geht, findet Bio-Produkte aus halb Europa, doch Südtirol fehlt“, bestätigt Bioland-Obmann Oberhollenzer. „Doch wenn man sieht, welche Preise die Leute dort für solche Produkte bereit sind zu zahlen, könnten auch Südtiroler Bauern gut davon leben.“

Überraschter Direktor

„Gerade bei der Milch hat unsere Umfrage ein besonders großes Interesse an Bio ergeben“, sagt Siegried Rinner  „Umso genauer werden wir uns diesen Bereich anschauen.“ Auch ihn hätten die Umfrageergebnisse zur biologischen Landwirtschaft überrascht, räumt der Bauernbund-Direktor ein. Obwohl die Mitgliederbefragung 2015 bereits zum dritten Mal stattfand,  wurden die Bauern das erste Mal zu ihrer Einstellung zu diesem Thema befragt.  „Wenn 56% sagen, dass die Bio-Landwirtschaft für sie ein Zukunftsthema ist, und wir das mit dem aktuellen Bio-Anteil in der Obst- und Milchwirtschaft vergleichen, drängt sich auch mir die Frage auf, woran diese Diskrepanz liegt – und was der Bauernbund tun kann, damit sie kleiner wird“, sagt Rinner.  Er kündigt für die kommenden Wochen genauere Analysen, aber auch Treffen mit den wichtigsten Akteuren am Markt an. Die Ergebnisse würden dann in ein auf fünf Jahre angelegtes Strategiepapier einfließen. Denn, wie der Bauernbund-Direktor versichert: „Natürlich verstehen wir ein solches Ergebnis als Auftrag, entsprechend tätig zu werden.“ Wie auch nach der Umfrage 2010, als die Alternative Energie als stärkstes Thema hervorgegangen sei. Heute gäbe es in Folge einer Photovoltaikinitiative 1200 landwirtschaftliche Betriebe mit einer Photovoltaikanlage auf dem Stadldach, sagt Siegfried Rinner. 

Wie viele Bio-Betriebe wird es also 2020 in Südtirol geben? Und vor allem: nach welchen Standards werden sie produzieren? Nach dem niedrigsten EU-Standard, der für die  Bauern weniger strenge Auflagen mit sich bringt, aber auch weniger Kontrollen und damit Garantien beinhaltet? Nach strengeren Kriterien der einzelnen Anbauverbände  - oder gar nach selbst erarbeiteten Standards eines eigenen Südtiroler Bio-Gütesiegels, wie es die wichtigsten Anbauverbände in Bayern vormachten?  Eine Front, an der bereits das nächste Unwetter in der heimischen Landwirtschaft aufzuziehen droht.   Denn während die Bioverbände entschieden für hohe Standards eintreten,  sieht man die Sache beim Bauernbund weit pragmatischer. „Solche ideologischen Diskussionen sind vielleicht auch ein Grund dafür, wieso wir uns mit Bio so schwer tun“, warnt der Bauernbunddirektor vor einen Konflikt EU- gegen Verbands-Bio. „Wenn ich Skifahren lernen will, fahre ich auch nicht gleich auf der schwarzen Piste“, meint er. In anderen Worten: Erst müssten die Bauern überhaupt einmal an die biologische Produktionsweise herangeführt werden, dann werde man weitersehen. „Um hohe Standards à la  Demeter oder dem Bund Alternativer Anbauer zu erfüllen, braucht es extremes Know-how, dass erst aufgebaut werden muss.“ Und: Die konkreten Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Bio-Standards würden ohnehin nur die wenigsten Konsumenten kennen, ist der Bauerbund-Direktor überzeugt.

„Südtirols Nachhaltigkeit steht jetzt auf dem Prüfstand“, ist einer der vielen Brancheninsider überzeugt, der die aktuellen Entwicklungen mit Spannung verfolgt. „Einkäufer und Konsumenten werden immer kritischer – und gerade weil die Umstellungen in einer kleinstrukturierten Landwirtschaft so lange dauern, müssen wir vorausdenken und den Entwicklungen voraus sein statt nur zu reagieren.“  Wie gut das dem Südtiroler Bauernbund gelingt, sollen seine Mitglieder  beurteilen. Die nächste Umfrage kommt bestimmt. 

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Kommentare

Bild des Benutzers Max Benedikter
Mamma mia! Immer das selbe. Jetzt entdecken sie das heiße Wasser und wollen immer noch nicht jene mitentscheiden lassen, die schon 10 Jahre Erfahrung haben.
Bild des Benutzers Max Benedikter
Bitte seid mir nicht böse für diesen Italianismus "hanno scoperto l'acqua calda" ;-)
Bild des Benutzers Markus Lobis
Ich hoffe, das wir es beim Bauernbund mit einer lernenden Organisation zu tun haben und dass man dort in Zukunft sensibler und offener aus Zeichen aus der Zivilgesellschaft reagiert, die durchaus das Zeug haben, einen Trend erkennen zu lassen. Wäre dies in der Vergangenheit geschehen, wären wir der Bioregion Südtirol schon einige Schritte näher - und somit in besserer Position auf sich wandelnden Märkten.
Bild des Benutzers Klaus Egger
Nachrichten die hoffen lassen. Nun hoffen wir auf konkrete Taten. Ich freu mich drauf!
Bild des Benutzers Wilfried Meraner
Mir fehlen die Worte. Ist das nicht einfach wunderschön? Hoffentlich ist es wirklich so. Das Potential zur Verbesserung unserer gewaltigen Probleme ist mindestens ebenso gewaltig. Wenn wir aufwachen. Denn das Potential sind WIR Menschen. Wir sind die Verursacher - hören wir auf zu verursachen. Wir wissen, dass es auch anders geht.
Bild des Benutzers Peter Lustig
Bei den kräftigen Wachstum im Biomarkt wunderts nicht.
Bild des Benutzers Peter Lustig
Bei den kräftigen Wachstum im Biomarkt wunderts nicht.
Bild des Benutzers Klemens Kössler
Die Bauern sind bereit, jetzt braucht es nur noch die Konsumenten die bereit sind für ihre Lebensmittel wieder etwas aus zu geben und nicht für die Weltreise. Mit der "geiz ist geil" Einstellung ist das nicht zu machen.
Bild des Benutzers Martin B.
Eher sehe ich das Problem dass die Biokonzerne (gibt scheinbar schon genug davon) Produkte aus Fernistan zertifizieren und hier auf den Markt schieben (auch bei Billigketten gibt es schon genügend Bio), eben nicht nur exotische Lebensmittel, sondern auch solche wovon hier Biobauern leben möchten.
Bild des Benutzers Bioland Südtirol
Der Biolandbau spielt in Südtirol im Vergleich zu den Nachbarregionen eine kleine Rolle, hat aber in Südtirol ein großes Potential. Wir Bioland Bauern setzen uns gerne mit integrierten Kollegen, Konsumenten, Verbänden und Politik an einen Tisch, um zu besprechen, wie wir unsere Landwirtschaft noch nachhaltiger und zukunftsfähiger gestalten können. Es geht nicht um "besser oder schlechter", sondern um eine ökonomisch, sozial und ökologisch zeitgemäße Wirtschaftsweise und um das Nutzen von Chancen in der Landwirtschaft.
Bild des Benutzers Ein Leser
Demeter, also biodynamisch, wäre noch nachhaltiger.
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