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Kasers Brixner Rede von 1969

Im August 1969 sprach der junge Norbert Conrad Kaser in Brixen über "Südtirols Literatur der Zukunft und der letzten zwanzig Jahre". Eine Erinnerung.
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Die legendäre Brixner Rede von Norbert Conrad Kaser liegt nunmehr fast ein halbes Jahrhundert zurück. Über Jahre stand sein damaliger Auftritt im Mittpunkt zahl­reicher Betrachtungen, Analysen und Erörterungen. Er wurde als Signal des Aufbruchs in eine neue Ära gewer­tet, als erster Meilenstein einer neuen Literatur in Südti­rol, als Kriegserklärung an den traditionsbesessenen Kulturbetrieb, als Versuch einer radikalen Abkehr von einer noch immer stark völkisch geprägten Literatur. Es war der Morgen des 27. August 1969, an dem der 22-jährige und weitgehend unbekannte Brunecker im eher spärlich besetzten Saal der Cusanus-Akademie seine Rede zu „Südtirols Literatur der Zukunft und der letzten 20 Jahre" hielt.

rede

Ich war damals gleich alt und hatte ihn als Kulturreferent der Südtiroler Hochschülerschaft eingeladen, auf der jährlichen Studientagung zu sprechen, die in diesem Sommer dem Thema Kunst und Kultur gewidmet war. Das Referat war einer von 15 Vorträgen und Diskussio­nen im Tagungsprogramm. Kaser hatte die Einladung nach einer mehrtägigen Denkpause akzeptiert. Aus seiner Abneigung gegen mich machte er nie ein Hehl. Ich war in seinen Augen Spross einer Bürgerfamilie – das genügte damals für Antipathie und Distanz. Das Manuskript seiner Rede händigte er mir erst nach deren Beendigung aus. In seinem Referat nahm er mich und meinen vermeintlichen Familienclan aufs Korn. Er las ein Gedicht von mir, das ich bei einem Lyrikwett­bewerb für Oberschüler eingereicht hatte und das er offenbar in einer Broschüre des Kulturinstituts entdeckt hatte. Ein Gedicht meines Großvaters, der als Anwalt gelegentlich Heimatgedichte im Schlern publizierte, bezeichnete er als „Exkremente einer total vertrottelten Bozner Schießbudengesellschaft, die wohl über den Dingen steht und dann und wann ihre Seele entleert". Der Vortrag war von Kaser als pure Provokation an­gelegt und wurde auch als solche aufgenommen. Lange oder hitzige Diskussionen löste er jedoch in der Brixner Akademie nicht aus – auch weil man von ihm kaum anderes als Provokation erwartet hatte. Kaser legte mit seinem Auftritt den Grundstein für sein Image als enfant terrible, was wohl auch seine Absicht war. Bei dem ebenfalls provokanten Vortrag von Oswald Zöggeler zum Thema Architektur fiel die Diskussion wesentlich kontroverser aus.

Angriff auf Dolomiten

Zum öffentlichen Gesprächs- und Streitthema wurde die Brixner Tagung erst einige Tage später dank hefti­ger Angriffe der Dolomiten. Die richteten sich nicht so sehr gegen Kaser: „Der Schlächter der Studientagung verdient keine weitere Erwähnung. Er war nicht ernst und braucht nicht weiter erst genommen zu werden.“ Vor allem das Referat von Josef Ties zur kulturellen Situation Südtirols war der Tageszeitung ein Dorn im Auge. Als junger Akademiker gehörte Ties damals be­reits dem Südtiroler Kulturinstitut an und seine Thesen zu Mehrsprachigkeit, Bildungs- und Kulturgefälle und zur „Verklärung des Volkstümlichen Bodenständi­gen“ erregten ebenso den Zorn des Blattes wie mein kurzes Eröffnungsreferat, das in Brixen bereits zu einer erzürnten Replik des erzkonservativen Landesrates Anton Zelger geführt hatte.

Doch die Dolomiten wollten mit ihrer harschen Kritik nicht alleine dastehen, sondern forderten eine öffentli­che Distanzierung: „Noch jemand wird sich zum Ge­schehen in Brixen äußern müssen, ohne dessen Be­deutung überbewerten zu wollen. Dazu aufgerufen sind die Landesverwaltung, das Südtiroler Kulturinstitut, der Südtiroler Künstlerbund, ja selbst die Südtiroler Volks­partei.“ Es war Hysterie pur. Die Angriffe bezeugen die heute kaum vorstellbare Vehemenz, mit der in den 1968er-Jahren die Fronten aufeinanderprallten. Die Dolomi­ten verfügten damals über eine absolute Monopolstel­lung. Wochenmagazine wie Profil oder FF gab es noch nicht. Ein wichtiges Medium war das Blatt für deutsche Leser im Alto Adige, das manchmal auch aus mehreren Seiten bestand. Darin wurde der Brixner Tagung viel Raum gewidmet.

Eine Erklärung der Südtiroler Hochschü­lerschaft zur „Pressediktatur der Athesia“ verschärfte das Klima beträchtlich.

Den Dolomiten lieferte das Ereignis noch lange Stoff für Attacken. „Die Zeit der klaren Stellungnahmen ist ge­kommen", so Chefredakteur Toni Ebner in einem seiner Kommentare. Eine Erklärung der Südtiroler Hochschü­lerschaft zur „Pressediktatur der Athesia“ verschärfte das Klima beträchtlich. Auch die italienischen Zeitun­gen nahmen sich des Themas an: „Violenti attacchi degli unversitari alla cultura ufficiale sudtirolese", regis­trierte der Alto Adige mit gewisser Genugtuung. „II mondo cuturale altoatesino punta a un valido rinnovamento“ notierte der Adige.
Norbert C. Kaser, der mit seiner Generalabrechnung schlagartig bekannt geworden war, genoss die Wir­kung seiner Brandrede, die er mit der Ankündigung eines Schlachtfestes beendet hatte: „Langsam bre­chen die Vorurteile uns gegenüber ein. Wir haben als Literaten die Pflicht, sie weiter einzureissen. Uns ge­hört das Wort. Bei uns stehen so viele heilige Kühe herum, dass man vor lauter Kühen nichts mehr sieht. Das Schlachtfest wird grandios werden... manche können kein Blut sehen, aber das macht nichts. Süd­tirol wird eine Literatur haben, wie gut, dass es nie­mand weiss. Amen".

Kasers erste Lesung in Bozen

Die Rede und die erregten Polemiken führten nur zwei Wochen später beim Literarischen Kolloquium in Bozen zu einem unverhofften Publikumsansturm. Der Peters­saal über dem alten Bogen, der sich über die Streiter­gasse wölbt, konnte die Zuhörer nicht fassen – vor al­lem am Nachmittag des 17. September, als der Auftritt von N.C. Kaser und Gerhard Kofler auf dem Programm stand. Es war die erste Lesung Kasers und der erste Auftritt Joseph Zoderers in Südtirol, der in einem Kurz­referat eine radikale Erneuerung der Literatur forderte. Die ebenfalls vom Kulturreferat der Hochschülerschaft organisierte Veranstaltung war ein unübersehbares Signal des Aufbruchs. Viele der jüngeren Autoren be­gegneten sich dort zum ersten Mal – so auch Zoderer und Kaser.

Nur zehn Tage später passierte das Unvor­stellbare: die Tageszeitung Dolomiten widmete in der Ausgabe vom 26. September 1969 dem Literarischen Kolloquium eine ganze Seite, auf der auch zwei Ge­dichte Kasers und Texte anderer Autoren sowie Radie­rungen von Markus Vallazza abgedruckt waren. Die Aktion löste Staunen aus. Denn die durch viele Jahre vom Germanisten Hermann Eichbichler gestaltete Li­terarische Beilage der Tageszeitung galt stets als Boll­werk erzkonservativer Literaturbetrachtung. Manche werteten die überraschende Publikation der Kaser-Gedichte als eine Art Wiedergutmachung für die überzo­gene Reaktion auf seine Rede. Der weitere Lebenslauf Kasers, der nach der Brixner Rede die „Aechtung meiner Person“ beklagt hatte, ist sattsam bekannt. Die 26 Gedichte in der von der Süd­tiroler Hochschülerschaft herausgegebenen Anthologie Neue Literatur aus Südtirol sollten die umfangreichste Veröffentlichung zu Lebzeiten bleiben. Nach den Jah­ren der Mythisierung und der Publikation seines Ge­samtwerks wurde es wieder still um Norbert Conrad Kaser. Umso erfreulicher ist es, dass 40 Jahre nach seinem frühen Tod auch die italienischen Leser die Möglichkeit erhalten haben, sein Werk kennenzulernen – dank der exzellenten Ausgabe der edizioni alphabeta in der optimalen Übersetzung von Werner Menapace.

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Vorstellung des Kaser-Buches (rancore mi cresce nel ventre) im September 2017 in Bruneck. Mit dem Übersetzer Werner Menapace und der Schriftstellerin Francesca Melandri / Foto: Salto.bz

Dass der Corriere della Sera ihm eine ganze Seite wid­mete, ermöglichte tausenden italienischer Lesern eine späte Bekanntschaft mit seinem Werk. Das Denkmal, das man dem Autor zum 70. Geburtstag in seiner Heimatstadt Bruneck errichtete, hätte ihn wohl kaum mit Genugtuung erfüllt. Nicht so die Benennung der Volksschule Flaas nach n. c. kaser.

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April 2018: Kaser-Erinnerung an der Grundschule Flaas in Jenesien / Foto: Bildungsausschuss Jenesien

Salto in Zusammenarbeit mit Kulturelemente

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Kommentare

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n.c. Kaser > " bei uns stehen so viele heilige Kühe herum, dass man vor lauter Kühen nichts mehr sieht”. Ein gesellschaftlicher Zeitvergleich wäre vor den Landtagswahlen nicht uninteressant. Vor allem was die herumstehenden heiligen Kühe angeht und die Sichtbehinderungen in der heutigen Südtiroler Landschaft, inbegriffen die Doppelpass-Kampagne sowie die parteiliche Thematisierung politischer Schlagwörter (Bären und Wölfe gefährden die Einwanderer, pardon, die Einheimischen). Mehr in " Strategien politischer Kommunikation" – Erich Schmidt Verlag.

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