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Verkehr

Ja kein Stau!

Das eigentlich Problem ist nicht der Verkehrsstau, sondern der Stau im Kopf
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Mit dem Verkehr ist es in Südtirol wahrlich ein Fluch: Auf der einen Seite sind jedes Auto und jeder LKW, die durchs Land rollen, bares Geld für das Land. Ob Autobahnmaut, Tanken, Kaufkraft oder Touristen: Für Südtirol rollt das Geld im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der anderen Seite ist diese Verkehrslawine ein handfestes Problem, das blöderweise nur jene erkennen, die nicht gerade an den Schaltern der Macht sitzen und die auch nicht unbedingt die Lobbys hinter sich haben, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung - wie so oft - eher als die Hinterwädler gelten.

Ja kein Stau...

Das größtmögliche Schreckensszenario in dieser Idylle ist der Stau, also jene Situation, wenn scheinbar nichts mehr geht und alles still steht. Besonders die Geschäfte. Das Perfide daran ist: Denjenigen, die effektiv nichts von diesem ganzen Verkehrsaufkommen haben, jagt man das Schreckengespenst Stau auch noch dadurch ein, indem man unterstelt, dass ein Stau umwelttechnisch sogar noch schlimmer sei als der rollende Verkehr. Schön wenn das denn nur so wäre. Fakt ist: Natürlich zieht jede Kapazitätserhöhung durch Abbau der verkehrstechnischen Widerstände entlang einer Verkehrsader den Verkehr drastisch an. Und dass dann, wenn mehr Verkehr rollt, plötzlich weniger Emissionen der Fall sein sollen, ist ein Fall für die Märchenstunde.

Am schlimmsten ist allerdings der Stau im Kopf. Also der Gedankenstau. Wenn man alles glauben muss und sich auch noch selbst einredet, dass ein Stau durchwegs schlecht sei. Da weiß man nämlich, dass 55% des Verkehrs über den Brenner Mehrweg- und Umwegverkehr ist. Und dann soll auch noch alles dafür getan werden, damit dieser Verkehrs schnell durchrollt, sich ja keine Alternativroute sucht und man ja auch weiterhin daran verdient.

Warten auf bessere Zeiten?

Auf Nordtiroler Seite will man sich inzwischen nicht mehr mit dem Warten auf bessere Zeiten oder anders gesagt mit dem Warten auf den Brennerbaistunnel begnügen. Da werden mitunter auch drastische Schritte gegen diese Dynamik unternommen, die uns einreden will, wir müssten uns alle damit begnügen, dass es ständig mehr Verkehr wird und wir nichts dagegen tun könnten.

Und selbst auf Südtiroler Seite, wo man verkehrspolitisch Jahrzehnte hinten nach ist, wird aufseiten der Landesregierung der zögerliche und äußerst vorsichtige Versuch unternommen, eine Mauterhöhung zumindest ab Fertigstellung des Brennerbasistunnels in den Raum zu stellen. Das ist die eigentliche Revolution im Kopf in Südtirol, also der Punkt, an dem man sich endlich selbst eingesteht, dass ein Tunnel durch den Berg alleine noch gar kein Problem löst, sondern, dass verkehrstechnische Rahmenbedingungen nötig sind, die den Verkehr auf die Schiene zwingen und die heute - wieso auch immer - bewusst ausbleiben. So als ob die Schiene heute an ihrer Kapazitätsgrenze stehen würde.

Gegen den Stau im Kopf!

Natürlich wäre es ein Problem, wenn Südtirol den Anschluss an die Welt verlieren würde, weil nur noch Stau herrscht. Das wäre gleichzeitig auch eine Menschheitsentwicklung, an die man nicht glauben wil. Dass nämlich 55% der Durchreisenden, die eigentlich besser andere Routen wählen sollten, auch weiterhin aus purer Gewohnheit über den Brenner fahren und zu dumm sind, sich eine andere Routen zu suchen, ist wohl wieder ein Fall für das Märchenbuch. Dass prinzipiell jene, die an den Schaltern der Macht sitzen, gar nichts anderes können, als sich täglich vor den Umständen zu ergeben. Dass die geistige Beweglichkeit ausbleibt, sich Alternativen auszudenken.

Fakt ist doch: Das Verkehrsaufkommen ist ein Problem für Mensch, Tier, Pflanzenwelt, Gewässer, Gesundheit, Luft, Lärm, Boden, Nahrungsmittelversorgung, Landwirtschaft, Lebensqualität, Attraktivität, Eros und und und. Fakt ist auch: Die Schiene ist heute wirtschaftlich gegenüber der Straße nicht annähernd konkurrenzfähig. Eine Politik, die das weiß, die dabei ohne schlechtes Gewissen tatenlos zusieht und sich damit begnügt, auf bessere Zeiten zu warten, kommt erstens ihrem ureigensten Auftrag nicht mehr nach und ist zweitens auch nicht mehr im Besitz ihrer politischen Kräfte.

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Kommentare

Bild des Benutzers Paul Schöpfer

Sehr geehrter Herr Demanega,

nachdem ich fast täglich auf der A22 unterwegs bin und viele Leute dabei sehe und an Raststätten kennen lerne, würde es mich wirklich brennend interessieren wie sie auf die 55% kommen, die eigentlich bessere Routen wählen könnten.

Das müssen sie mir wirklich erklären. Auch mir wäre geholfen. Ich bin zwischen Italien, Österreich, Schweiz und Deutschland viel unterwegs. Da ist man um jeden Tipp froh, wie man es schneller oder gelassener schafft!

+1-11
Bild des Benutzers Michael Demanega

Sehr geehrter Herr Schöpfer, die 55% sind nicht meine Erfindung, sondern hier nachzulesen: https://www.salto.bz/de/article/01062016/gotthardtunnel-kann-den-brenner...

Bild des Benutzers Markus S.

Herr Demanega, ich rate Ihnen an Märchen zu glauben. Fakt ist nämlich, dass ein PKW bei 60 km/h die beste Energieausbeute hat. und somit am wenigsten die Umwelt belastet. Wer von dieser Idealgeschwindigkeit abweicht, verbraucht mehr Treibstoff. Bei 10 km/h istder Verbrauch pro Kilometer vergleichbar mit jener bei 150 km/h und mehr als doppelt so hoch. Im Stau (bei Stillstand oder im Schrittempo) verbraucht man noch deutlich mehr. Solange die PKWs rollen, verbrauchen sie also deutlich weniger als im Stau - auch wenn es doppelt oder dreimal so viele sind.

Bild des Benutzers Michael Demanega

Sehr geehrter Herr Markus, da ich kein Interesse an Märchen und auch nicht an Polemik habe, sondern an Fakten interessiert bin und diese auch sehr gut benötigen könnte, würde ich Sie bitten, mir eine Quelle zu diesen Zahlen zu liefern, danke. Die Sache müsste man dann halt auch zu Ende denken: Stau ist kein Wunschzustand, sondern das Thema wäre, dass sich daraus ein Erkenntnisgewinn aus Erfahrung ergibt, folglich weniger Verkehr, weniger Stau und weniger Belastung - wobei die Emissionen nur ein Teil des Problems Verkehr sind.

Bild des Benutzers Markus S.

Am Ende dieser Seite ist eine Grafik, welche den Verbrauch im Verhältnis zur Geschwindigkeit deutlich darstellt: http://kirste.userpage.fu-berlin.de/chemistry/general/kfz-energetisch.html

Was viele übersehen: wenn ich nur halb so schnell fahre, brauche ich doppelt so lange um ans Ziel zu gelangen. Also belaste ich die Umwelt auch doppelt so lange.

Diese Grafik ist noch deutlicher:
http://sk-8.de/energie/pics/Verbrauchsdiagramm.gif
Bei 70 km/h im 5. Gang verbraucht man am wenigsten. Und bei 10 km/h im 2. Gang ist der Verbrauch dreimal so hoch. Und vom 1. Gang bei Schritttempo reden wir erst gar nicht!

Aus demselben Grund ist es umweltfreundlich und treibsroffsparend, wenn ich bei einer Ampel die grad grün geworden ist, möglichst aufs Gas drücke, sofort in höhere Gänge schalte und möglichst schenll wieder aus 50 km/h bin. Natürlich sollten die Reifen dabei nicht durchdrehen und quietschen, denn das erzeugt Abrieb und ist kontraproduktiv.

Bild des Benutzers Benno Kusstatscher

Sorry, wenn ich mich oberschlau gebe, aber so sollte man das nicht stehen lassen.

"wenn ich nur halb so schnell fahre, brauche ich doppelt so lange um ans Ziel zu gelangen. Also belaste ich die Umwelt auch doppelt so lange."

Solange der Verbrauch in Liter je 100km angegeben wird (wie auch in den verlinkten Grafiken) ist das eine bemerkenswerte Theorie. Bei Leerlauf gibt man gerne Liter je Stunde an, aber da kommt man vermutlich gar nicht ans Ziel.

"Bei 70 km/h im 5. Gang verbraucht man am wenigsten. "

Auf der A13, sagen wir bei Nösslach abwärts, braucht man im 5. wohl die Bremse, um die 70km/h zu halten. Nösslach aufwärts wird man im 5. bei 70km/h kaum den Turbo in einem effizienten Bereich betreiben.

"Aus demselben Grund ist es umweltfreundlich und treibsroffsparend, wenn ich bei einer Ampel die grad grün geworden ist, möglichst aufs Gas drücke, sofort in höhere Gänge schalte und möglichst schenll wieder aus 50 km/h bin. "

Bei der nächsten Ampel über Physik nachdenken: W=F×s=m×a×s. Wer also wenig Energie verbrauchen will, fährt kurze Strecken mit einem leichten Auto und beschleunigt möglichst wenig.

Die Grafiken geben Richtwerte für Autos mit vernünftigem Luft- und Rollwiderstand auf der Ebene ohne Wind an, die ohne Beschleunigung reisen.

Bild des Benutzers Markus S.

Ja, Benno, genau darum geht es: um den Verbrauch pro 100 km. Und bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h im 2. Gang verbrauche ich eben (laut verlinkter Grafik) zirka 3 mal soviel wie bei 70 km/h im 5. Gang. Bitte die Grafiken nochmals gaaanz genau ansehen.

Die PKWs haben heutzutage einen recht niedrigen CW-Wert, sodass bei Geschwindigkeiten unter 100 km/h der Luftwiederstand nicht so stark ins Gewicht fällt.

Übrigens: ich bin weder Mechaniker noch Umweltaktivist, sondern Physiker und kann das alles sehr wohl durchrechnen.

Und natürlich lässt man abwärts das Auto rollen und braucht kaum Treibstoff. Ebenso braucht ein leichtes Auto auch weniger Energie um bewegt zu werden. Aber darum geht es hier ja nicht.

Bild des Benutzers Michael Demanega

Sehr geehrter Herr Markus, danke für die Zahlen. Das Problem ist allerdings das folgende: Eine Fahrtgeschwindigkeit von 60 km/h wird auf Autobahnen bereits als "Stau" erachtet. Zudem bedeutet Stau eher nicht, dass über hunderte Kilometer alles bei 0 km/h steht. Die Geschwindigkeiten verteilen sich vielleicht zwischen 0 und 80 km/h, das wäre dann immerhin nach heutiger Sicht in der Verkehrsplanung bereits "stauender Verkehr". Das "Problem Stau" mit einem wirklichen Totalstau betrifft letztlich vielleicht 20, 30, 40 Tage im Jahr - und in der Folge eine Verhaltensänderung: Andere Routen, andere Verkehrsmittel, Verkehrsvermeidung. Dem müsste man dann z.B. 30% Verkehrserhöhung jeden Tag und übers ganze Jahr durch eine Kapazitätserhöhung gegenüberstellen. Und man schaue sich dann in Summe die Umweltbelastung an, durchaus auch bei verschiedenen Geschwindigkeiten wie von Ihnen vorgeschlagen. Wie auch immer: Die Kapazitätserhöhung mit dem Ziel, den motorisierten Individualverkehr bei einer gegebenen Mindestgeschwindigkeit auf Autobahnen flüssiger zu gestalten - wie heute praktiziert -, geht halt nie und nimmer als umweltentlastende Maßnahme durch, man bedenke vor allem das daraus ableitbare Nutzerverhalten.

Bild des Benutzers Markus S.

Da haben wir wohl eine verschiedene Auffassung von Stau. Auf der Autobahn nur 60 km/h zu fahren, das nenne ich zähflüssig. Stau ist hingegen, wenn man quasi steht und sich nur im stop-and-go-Modus fortbewegt. Da kommt man kaum auf 10 km/h und jeder Fussgänger daneben ist schneller.

Bild des Benutzers Michael Demanega

Das ist letztlich ein Spiel mit den Begriffen, ob zähflüssig, stockend oder stauend, auf jeden Fall ist der Verkehrsfluss instabil, die Kapazität überlastet und kleinste Unregelmäßigkeiten bedingen Stop-and-Go. Auf jeden Fall ist dieser instabile Verkehrsfluss an X Tagen im Jahr ein Grund für die derzeitige Verkehrsplanung, über eine Kapazitätserhöhung nachzudenken mit den fatalen Folgen, dass der Verkehr dauerhaft und das ganze Jahr über zunimmt und man es damit auch unterlässt, zuzulassen, dass Alternativen punkten, die derzeit so wichtig wären.

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