Gesellschaft | Solidarität

Wenn Unsichtbares sichtbar wird

Die Coronamaßnahmen treffen Obdachlose und Flüchtlinge am härtesten. Freiwillige im Winterhaus fordern Hilfe von der Gemeinde. Ein Bericht aus dem Obdachlosenheim.
obdachlos in Zeiten von Corona
Foto: Pixabay

Seit die Stadt leergefegt ist, fallen sie mehr auf. Grüppchen von Menschen, die sich auf den Talferwiesen oder in der Stadt zusammenfinden, augenscheinlich unberührt von der Corona-Krise. Doch es sind Menschen, die gezwungen sind, ihre Zeit draußen zu verbringen. Weil sie sonst nirgends hinkönnen. Das Coronavirus trifft uns alle hart. Doch es trifft jene am härtesten, die besonders verletzlich sind: Migranten und obdachlose Menschen.

Das Winterhaus in der Carduccistraße in Bozen bietet jenen Menschen zumindest nachts einen Rückzugsort. Die Unterkunft wird seit Dezember komplett von Freiwilligen am Leben erhalten, die dort Nachtschichten einlegen. Die Coronakrise macht ihre Aufgabe nicht leichter, die Freiwilligen stoßen angesichts des ungewohnten Chaos an ihre Grenzen. Und dennoch: die Solidarität bleibt vom Virus verschont, die Menschen engagieren sich weiter für den Nächsten. So auch Martina Schullian, eine der Freiwilligen im Winterhaus: „Als ich im Dezember vom Winterhaus erfuhr, wollte ich sofort helfen“, erzählt die Gärtnerin, „das ist ein tolles Projekt und ich will es auch weiterhin unterstützten. Ich finde, man sollte sich nicht von der Angst leiten lassen.“ 

Die Freiwilligen der Winterunterkunft für Obdachlose stoßen an ihre Grenzen. Und dennoch: die Solidarität bleibt vom Virus verschont, die Menschen engagieren sich weiter 

An diesem Abend (16. März) drängen sich die Heimbewohner bereits um halb acht vor die Tore des Winterhauses. Sie wirken ungeduldiger als sonst. Die Freiwilligen lassen sie nur einzeln eintreten, begrüßen sie mit Mundschutz und Handschuhen. Zuallererst wird Fiebergemessen, wer mehr als 37,5 Temperatur hat, wird in einem Zimmer isoliert. Besorgt schauen einige Bewohner auf das Display des Thermometers, um die erlösenden Zahlen der normalen Temperatur in die Tabelle neben ihrem Namen eintragen zu können. Andere wiederum wirken genervt, oder fragen lachend, woher diese Angst denn käme. Auch mit dem Sicherheitsabstand von einem Meter nehmen es viele nicht ernst, sie drängen sich an die Tür, obwohl die Freiwilligen ihnen sagen, sie sollen einzeln eintreten. Am schwersten ist es aber, den Bewohnern zu erklären, dass kein Tee mehr ausgeschenkt wird. Zu viele tummelten sich vor dem heißen Wasserkanister, der Sicherheitsabstand von einem Meter konnte so nicht eingehalten werden. Immer noch protestieren einige, und fragen nach, ob es nicht doch heißes Wasser gäbe. „Es herrscht sehr viel Unsicherheit“, erzählt Paul Tschigg vom Kernteam des Winterhauses, „vor allem aber herrscht Unverständnis. Viele nehmen die Maßnahmen als Angriff gegen sie auf. Sie haben nämlich nur jene Informationen, die sie auf der Straße erhalten. Und wenn einer der Gruppe sich nicht an die Regeln hält, dann machen ihm das alle anderen nach.“ 

 

 

Solidarität ist in schweren Zeiten entscheidend. Wenn wir uns sicher fühlen, ist es leichter, anderen zu helfen. Doch der Wert einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie sie sich verhält, wenn es ihr selbst nicht so gut geht. Und die Freiwilligen in Bozen verhalten sich im Moment vorbildlich. Gemeinsam mit dem Besitzer des Winterhauses, Heiner Oberrauch hat das Kernteam entschieden, die Unterkunft, die eigentlich Ende März schließen sollte, um einen Monat länger offen zu behalten. Doch dafür stellt das Team einige Forderungen an die Gemeinde, die es in einer Pressemitteilung zusammenfasst:

„Obwohl die Freiwilligen des Winterhauses in Bozen mit ihrem Engagement und ihrer Kraft am Limit sind, wollen sie die Notschlafstätte in der Carducci-Straße für 50 obdachlose Frauen und Männer bis Ende April noch einmal verlängern. Allerdings stellen sie Bedingungen an die Gemeinde Bozen: Der Nachtdienst könne aufgrund der Corona-Pandemie ab Ende März nicht mehr von Freiwilligen durchgeführt werden. Die Gemeinde müsse Nacht- und Putzdienst gewährleisten und zwei Notschlafzimmer für erkrankte Menschen bereitstellen, die auf der Straße leben.“

Besonders kritisieren die Freiwilligen die Räumung der Zeltsiedlung von 20 obdachlosen Menschen in der Bozner Trientstraße vor einer Woche:

„Man könne von den Menschen nicht verlangen, zu Hause zu bleiben und obdachlosen Menschen gleichzeitig das Zuhause wegnehmen: mit der fadenscheinigen Begründung, dass die Räumung schon lange geplant und nicht aufzuschieben gewesen sei. Indes wurden und werden Fußballspiele, Beerdigungen und andere Feierlichkeiten viel kurzfristiger abgesagt.“

Erwartet wird eine Antwort von der Gemeinde im Laufe des Tages. Den Erzählungen der Winterhausbewohner nach, scheint die Polizei aber nicht wirklich zu wissen, wie umzugehen mit den Obdachlosen: „Wir standen eigentlich schon einen Meter voneinander. Und trotzdem ist die Polizei immer wieder vorbeigekommen und hat uns auf fünf Meter Abstand getrennt“, berichtet eine obdachlose Frau. „Sie meinte sogar, wir sollten hier nicht sein. Ich versuchte ihr zu erklären, dass wir nirgends hinkonnten, aber sie verstanden mich einfach nicht“, so die Frau im Winterhaus. Eine Gruppe von Afghanen erzählt eine ähnliche Geschichte: „Wir saßen im Park. Da kam die Polizei und sagte, wir müssten zuhause bleiben.“ Die jungen Männer lachen. „Wir antworteten: Aber wir haben doch kein zuhause!“ Dennoch scheinen die Ordnungskräfte jene Verletzlichen am häufigsten zu adressieren: „Das ist doch ein Witz! Die Polizei geht gerade uns den ganzen Tag auf die Nerven, die wir doch kein zuhause haben. Und nachts schlafen wir sowieso zu viert in den kleinen Zimmern des Heimes. Ich kenne Leute, die wohnen noch enger zusammengedrängt in Flüchtlingsunterkünften. Was hat es dann für einen Sinn, uns draußen zu trennen?“

Wenn wir uns sicher fühlen, ist es leichter, anderen zu helfen. Doch der Wert einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie sie sich verhält, wenn es ihr selbst nicht so gut geht.

An den Menschen aus dem Winterhaus zehrt die Langeweile. Diejenigen, die eine Arbeit hatten oder zur Schule gingen, müssen diese temporär aussetzen. Selbst die Essensausgabe für Obdachlose fällt aus. Damit fehlt ihnen nicht nur eine Mahlzeit, sondern vor allem eine Beschäftigung, die den Tag erträglicher macht. Auch Freizeitprojekte für Flüchtlinge, etwa das Salewa Garten Projekt fallen aus. Doch eine Sache, die das Coronavirus mit sich bringt, wiegt allen am schwersten: „Es gibt keinen Ort mehr, an dem wir zur Toilette gehen können“, beklagen mehrere der Winterhausbewohner. „Früher gingen wir in die Bibliothek, oder in ein Museum. Aber jetzt hat doch alles zu! Wo sollen wir denn hin? Hinter den Busch?“ 

In der aktuellen Krise mag es den Menschen schwerfallen, zuhause bleiben zu müssen. Doch gezwungenermaßen draußen zu verbringen, entgegen jeglicher Gesundheitsbedenken und obwohl das Gesetz es untersagt, ist noch schwerer. Einer der Flüchtlinge hofft, dass diese Zeiten der Krise mehr Verständnis für ihre Situation unter den Bewohnern in Bozen schafft: „Vielleicht können die Menschen jetzt besser verstehen, wie es uns geht, und nachvollziehen, wie wichtig Hilfe von anderen ist.“ 

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Karl Trojer Mi., 18.03.2020 - 12:29

Dass unsere reiche Gesellschaft sich mit den Ärmsten (den Obdachlosen und Flüchtlingen, und mit völlig überforderten Familienmüttern...) so schwer tut, ist unerträglich. Wir brauchen in Europa, aber auch bei uns in Südtirol, dringend weniger Konsum und mehr Solidarität

Mi., 18.03.2020 - 12:29 Permalink