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Selbstbestimmt leben

Einsamkeit als Makel oder Schandfleck?

Einsamkeit sei der Grund für Krankheiten, für Not und für Leiden! Stimmen diese Zuschreibungen? Einsam leben muss nicht heißen, an Einsamkeit zu leiden!
Community-Beitrag von Weiser Mann20.11.2019
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Einsamkeit als Makel, so titelte das Sonntagsblatt und zeichnet ein düsteres Bild. Anlass ist der Caritas-Sonntag, in dessen Rahmen man diesmal die Not durch Vereinsamung in den Mittelpunkt stellte. (Ein Drittel der Bevölkerung sei betroffen!) Gleichzeitig informiert man über die verschiedenen Beratungs- und Therapieeinrichtungen. Aus der Sicht der Berater und Betreuer mag dieses Bild ja stimmen; das ist aber nur eine Seite!

Zurück zum Aufmacher: Alleine leben wird gleichgesetzt mit Einsamkeit. Und laut Definition ist „Makel ein Schandfleck und ein deutlicher Hinweis auf eine Unreinheit oder eine von einer Norm abweichenden Eigenschaft oder ein Fehler, die einer Sache, einem Gegenstand oder einer Person anhaftet. Das Verb mäkeln meint dann auch Etwas auszusetzen haben, auf Fehler hinweisen, nörgeln, bemängeln und dergleichen.“

Ich bin empört! Mag sein, dass ich auch nörgle, Dinge bemängle oder anprangere; aber da bin nicht allein, und das tun nicht nur Menschen, die alleine leben, so wie ich, sondern auch jene, welche in Beziehungen und Familien leben. Ein bestimmter Teil der sogenannten Einsamen, haben sich bewusst für ein – zumindest zeitweiliges – Alleine-leben entschieden. Und wir fühlen uns nicht deswegen einsamer, als die anderen. Denn auch die sogenannten „Integrierten“ sprechen von Einsamkeit in der Beziehung, in der Familie. Heute Morgen war im Radio sogar von der Einsamkeit vieler Kinder die Rede, und wie man ihnen helfen könne.

Mag sein, dass Einsamkeit für viele, nach Trennung/Scheidung, nach dem Tod des Partners, der Partnerin, oder wenn die Kinder das Haus verlassen, schmerzhaft ist und dass sie bei der Krise der Neuorientierung und des Autonom-werdens Hilfe brauchen. Ich kenne aber auch Menschen, welche entspannter und gelassener wurden und oft sogar erst aufblühten. Ich bin einverstanden, dass man allen von Kind bis zum Greis Hilfe anbietet, wenn es sie braucht. Aber alleinlebende Menschen zu bemitleiden, abzustempeln und sogar auszugrenzen, das geht nicht! Wir leben in einer autonomen Provinz; aber nicht nur Gemeinden oder Provinzen drängen nach Autonomie, sondern auch Menschen! Das muss in die Köpfe!

Einsamkeit macht krank

So titelte eine andere Zeitung. Aber das ist nichts mehr als eine statistische Behauptung. Die Frage ist, was war vorher: die Henne oder das Ei? Dazu zwei Beispiele: Ich hatte eine alte Tante, die auch entschieden hat, nicht zu heiraten, obwohl sie eine gutsituierte Bäuerin hätte werden können. Sie war schon damals ein bisschen kränklich und hatte verschiedene Leiden, die man ihr nicht ansah. Ein Arzt habe ihr geraten, unter diesen Umständen nicht zu heiraten. Was es war, blieb ein Geheimnis. Sie wurde alt und laborierte ein Leben lang weiter. Aber die Krankheit war vor der Einsamkeit! Ich war schon als Kind sehr ängstlich und fühlte mich sogar in der Großfamilie einsam und nicht ganz zugehörig. Angst und Leiden kann ein Leben bestimmen - und so ergeht es mehreren! Ich hätte auch Chancen gehabt, Partner/innen zu finden, aber ich hielt mich für nicht zumutbar und hatte schreckliche Angst vor Bindung und davor dem Partner nicht gerecht zu werden. Heute spricht man diesbezüglich vom immer häufiger werdenden Phänomen der Beziehungsangst und -unfähigkeit. Konkret fühle ich mich sehr solidarisch mit all den Männer und Frauen, welche so alleine – aber nicht einsam –leben wie ich. Wir sind meistens Menschen mit gehobener Bildung, die oft anderen Dingen im Leben den Vorrang gegeben haben. Aber wir pflegen normale Kontakte und Beziehungen, ohne sich aber zu binden! Wir gehören zu den 80.000 Singles in Südtirol.

Noch einen Rückblich: In Vergangenheit kam Menschen, die selbstbestimmt alleine ihr Leben - oder Abschnitte davon – gestalteten, oft viel Ehre entgegen: Einsiedlern, Priester auf dem Lande, „Hexen“ oder Kräuterweibelen, Hirten oder Schäfern, die Großteils nur ihre Tiere hatten. Diese Aktion der Caritas und die erwähnten Zeitungsaufmacher möchten uns aber genau in die andere Ecke der Gesellschaft stellen. Zu Unrecht!

Meines Erachtens müsste man eine zusätzliche Lebensvariante erfinden und etablieren, die es ähnlich schon bei den Kartäusern gab. Jeder der will hat seine Einsiedelei, seinen Garten, versorgt sich selbst, aber zum Beten usw. trifft man sich in der Gemeinschaft. Diese neue noch utopische Variante könnte so aussehen: Jede/r hat einen ganz privaten Bereich und Zusätzlich noch verschiede Areale, die alle gemeinsam nutzen könnten (Fitnessraum, Schwimmbad, Sauna, Waschsalon, einen großen Raum für Feiern, Garten oder kleiner Park, usw.) Ich weiß jedenfalls von nicht wenigen Männern – und auch einigen Frauen -, dass sie ein Leben in bestmöglicher Autonomie leben wollen. Sie/wir wollen aber deswegen nicht bei jeder Gelegenheit schräg angeschaut werden! Denn selbstbestimmt alleine Leben dürfen keine Schande und kein Makel darstellen!!

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Kommentare

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 20.11.2019, 20:25

Unfreiwillige Einsamkeit kann durchaus krank machen, selbstgewählte wohl nicht.
Abweichungen von der "Norm" (wer setzt die eigentlich und mit welchem Recht?) werden freilich gerne geächtet. Besonders fällt das dann auf, wenn die Abweichung gar nicht sozial schädlich ist, sondern nur irgendwelchen (kommerziellen?) Interessen zuwiderläuft.

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 21.11.2019, 14:31

Die statistischen Daten, die in Medienberichten gebracht wurden und auch hier angeführt werden (1/3 der Haushalte, 80.000 Personen) würde ich eher als Hausnummern sehen, anstatt als Realitätsbeschreibung.
Wer Jahrzehnte mit offenen Augen und aufmerksamen Ohren in Südtirol gelebt hat, der wird mitgekriegt haben, wie anders die Realität oft ist: nicht-verheiratete Partner, die zwar eine Familie bilden, aber offiziell zwei getrennte Wohnsitze haben; verschieden angewandte Tricks, um zu Wohnbau -Darlehen zu kommen; Getrennte oder Geschiedene, die offiziell zusammen sind, aber getrennt wohnen; schwarz untervermiete Wohnungen; Wohnungen, die leer stehen, aber formell schon dem Sohn, der Tochter gehören oder denen sie aus steuerrechtlichen Gründen vorläufig überschrieben sind. Wahscheinlich gibt es auch noch andere analoge Beispiele?
Aber wie auch immer, die Caritas hat sicher bewusst oder unbewusst ein zu düsteres Bild bezüglich "Unter Einsamkeit leiden" von allein lebenden/stehenden Personen gezeichnet. Die Gesellschaft hat sich anders entwickelt und die Betroffenen müssen wahrscheinlich lernen, damit umzugehen und brauchen vielleicht auch da mehr Unterstützung! Auch die Gesellschaft und Politik soll dieser Veränderung Rechnung tragen. Frau Deeg und Konsorten sollten nicht nur die Familien fördern sondern sich auch um die Singles und Einzelhaushalte kümmern!

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 21.11.2019, 22:35

Alex Insam: „Die Einsamkeit hat auch Vorteile“

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