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Klaus Bauernfeind ist Obmann der Bioregion Mühlviertel in Oberösterreich.
Regionalentwicklung

Starke Bauern, starke Region?

Die Bioregion Mühlviertel in Oberösterreich ist ein Netzwerk aus Produzenten und Konsumenten zur Verankerung des Biolandbaus. Ein Gespräch mit dem Obmann Bauernfeind.
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Herr Bauernfeind, wann ist denn aus dem Mühlviertel eine Bioregion geworden und was bedeutet das?

Das Projekt Bioregion Mühlviertel gibt es seit 2010 und ist als Kooperationsprojekt der 5 LEADER-Regionen des Mühlviertels ins Leben gerufen worden. Das Mühlviertel ist der nördliche Teil des Bundeslandes Oberösterreich. Die Region wird im Süden durch die Donau und im Norden durch die Staatsgrenze (Deutschland, Tschechien) begrenzt. Die klare Abgrenzung der Region ist für die Wiedererkennbarkeit der Region sehr elementar. Das Mühlviertel hat ca. 3000 Quadratkilometer und 300.000 Einwohner. Von den ca. 8000 landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten ca. 2500 Betriebe biologisch (ca. 32%). Die Bioregion Mühlviertel ist einerseits eine Marke, aber vor allem ein starkes Netzwerk, welches Betriebe, die sich den Grundsätzen des biologischen Landbaus verschrieben haben, weit über die landwirtschaftliche Urproduktion hinaus begleitet. Derzeit sind wir 350 Mitglieder, wobei ca. 130 Mitglieder verarbeitende und produzierende Betriebe sind, der Rest sind Konsumenten.

 

Was wird im Mühlviertel angebaut, welche klimatischen Voraussetzungen gibt es dort?

Das Mühlviertel bietet sehr unterschiedliche Voraussetzungen für die Landwirtschaft (von 260m Seehöhe bis 1000m Seehöhe), vom intensivem Ackerbau an der Donau bis zu reinen Forstbetrieben im Norden. Die Hauptproduktionsfläche ist jedoch das Grünland.

 

Wie reifte die Idee zur Bioregion, welches waren die Rahmenbedingungen die schlussendlich dazu geführt haben und von wem gingen diese aus?

Die Idee entstand in den Gremien der LEADER-Büros in Zusammenarbeit mit EUREGIO. Die Bioregion steht symbolisch auch für andere Regionalprojekte: Von der Politik initiiert, nach 5 Jahren an einen Trägerverein ausgelagert, in dem die LEADER-Regionen noch Mitglieder waren, jedoch der Verein mit all seinen Mitgliedern sich weiterentwickelte, und nun der nächste Schritt, eventuell in Richtung eines Wirtschaftsvereines ansteht. Der Prozess hin zur Selbstständigkeit des Vereines ist nicht ganz diskussionsfrei verlaufen, was jedoch zu einer sehr intensiven Identifikation der Mitglieder geführt hat.

Das Mühlviertel ist eine jener Regionen Österreichs, in denen sich der biologische Landbau, unterstützt durch die topografischen und geografischen Bedingungen über Jahrzehnte gefestigt hat. 

 

Was zeichnet die Bioregion Mühlviertel aus, welches sind die Kriterien nach denen gearbeitet wird?

Die Bioregion ist eine Dachmarke, die den Mitgliedern gemäß den Statuten zur Verfügung steht. Die Grundvoraussetzung ist ein aufrechter Biokontrollvertrag. Die Netzwerksfunktion wird strategisch durch unseren Vorstand und unser Büro, sowie operativ durch unsere Mitglieder in Arbeitsgruppen erledigt. Gemeinsame Veranstaltungen, Messeauftritte, die „Hallo Mühlviertel Box“ sind hier die zentralen Projekte.

 

Welche Rolle spielt der Pflanzenschutz, bzw. die Mittelausbringung in der Region, vor und nach der Entwicklung der Bioregion?

Diese Fragen sind Aufgabe unserer Bioverbände (Bio Austria, Erde & Saat, Demeter), die die produktionstechnischen Fragen bearbeiten. Die Bioverbände sind in unserem Vorstand mit einem gemeinsamen Sitz vertreten. Insgesamt ist die Frage vor allem an der Grenze zu den intensiven Ackerbaubetrieben an der Donau ein großes Thema, vor allem in der aktuellen Diskussion um die Bienen und Glyphosat. Im Grünland ist das Thema nur sehr punktuell und nicht zentral. Obst- und Gemüsebau ist bei uns untergeordnet, jedoch der Betriebszweig mit den höchsten Zuwächsen, ausgehend von einem niedrigen Niveau.

 

Wie stark vernetzt sind denn die einzelnen Sparten von landwirtschaftlichen Herstellern mit Verarbeitern und anderen Wertschöpfern beispielsweise aus dem Tourismus, hat sich das durch die Bioregion verändert?

Die Wirtschaft und der Tourismus sind auch in unserem Vorstand mit je einem Sitz vertreten. Diese Kooperation stellt für alle Neuland dar, hat jedoch ein Riesenpotenzial. Österreich hat seit kurzem ein Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, sollte das tatsächlich ernst gemeint sein, wäre das eine große Chance. Bei uns in der Bioregion gibt es diese Achse schon seit Beginn. Einige Beispiele aus der Wertschöpfungskette kann ich gerne nennen, z.B. die Streuobstwiesen, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben durch die Produktion von Most, Saft und Essig, siehe hier www.selektion-muehlviertel.at oder www.essigmacherinnen.at. Oder die Weidegänse, durch die die typischen Getreidesorten der Region, wie Hafer und Grünland perfekt genutzt werden können. Unser Hof füttert beispielsweise jedes Jahr 400 Gänse, die in unserer Hofschlachterei auch verarbeitet werden. Wir servieren jedes Jahr im Herbst ca. 1600 Portionen Gans in unserem Lokal.

Seit dem Projektstart im Jahr 2010 wurde ein umfangreiches Netzwerk, welches landwirtschaftliche Bio-Direktvermarktungsbetriebe, Gastronomie und Hotellerie, Schulen, ökologisch wirtschaftende Handwerksbetriebe und gewerbliche Bio-Lebensmittelverarbeiter umfasst. 

 

Wie hat sich die Landwirtschaftspolitik eingebracht, vor, während und nach der Gründung der Bioregion?

Die Landwirtschaftspolitik ist bei uns sehr traditionell geprägt. Neben den lobenden Worten zu unserer Initiative zeichnet sich die Landwirtschaftspolitik durch äußerste Zurückhaltung bezüglich ihres Engagements aus. Speziell die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Gewerbe und Tourismus wird sehr skeptisch betrachtet und stellt sich in den entscheidenden politischen Gremien nicht dar. Während sich das Gewerbe über die Anzahl der Arbeitsplätze definiert, sind für die Landwirtschaft Produktpreise und Rahmenbedingungen (Förderungen, Regelungen,…) das zentrale Thema, dem alles andere sich unterzuordnen hat.

 

Welches sind die aktuellen Herausforderungen für die Bioregion?

Eines unser zentralen Themen ist zur Zeit die Situation der landwirtschaftlichen Betriebe, die sich im Rahmen ihrer Vermarktung und Produktion in Richtung Gewerbe bewegen und so in keinem der Gremien vertreten werden. Auch für die neue Situation, dass landwirtschaftlich Betriebe mit der Intensivierung der Wertschöpfungskette auf ihren Produkten Arbeitsplätze schaffen, ist es notwendig Rahmenbedingungen zu definieren.

BioRegion ist das Alleinstellungsmerkmal in der Positionierung der Region Mühlviertel.​

 

Was motiviert Sie, um ein solch anspruchsvolles Projekt nachhaltig durch die Jahre zu begleiten?

Das Feedback der Betriebe und der Bevölkerung ist sehr positiv und gibt Schwung. Wirtschaftlicher Erfolg ist ein anhaltender Antrieb. Um diesen messen zu können, war es notwendig Kennzahlen zu definieren. Unsere wichtigste Kennzahl ist die Anzahl der Arbeitsplätze in unseren Mitgliedsbetrieben. Es war vor allem unsere landwirtschaftlichen Mitglieder neu und ungewohnt, an dieser Zahl gemessen zu werden.

 

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