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Neuerscheinung

Sind wir reif?

Zusammenleben oder ausgrenzen? Im neuen Buch "Jenseits von Kain und Abel" wird Alexander Langers Dekalog 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung neu interpretiert.
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Wenige Monate vor seinem Freitod im Juli 1995 ist der schmale Text entstanden, ein deutsch-italienisches Schriftstück von wenigen Seiten, das in 10 programmatischen Punkten die Gedanken und Erfahrung Alexander Langers zusammenfasste. In einfachen und eindringlichen Worten spricht er davon, wie Zusammenleben gelingen könnte, wenn wir versuchen Identitäten neu zu bewerten, jenseits von Sprach- und Volkszugehörigkeiten. Er wirft aber auch einen Blick auf unsere Gesellschaft und deren Entwicklung, beispielsweise schreibt er eingangs in seinem Dekalog:

„Das gemeinsame Vorkommen mehrerer Volksgruppen wird immer häufiger der Normalzustand, nicht die Ausnahme sein; die Alternative lautet: entweder ethnische Ausgrenzung oder Zusammenleben.“

Dieser Satz steht am Anfang der zehn Punkte und bietet – so wie die 9 weiteren – weitreichend Stoff für eine Neulektüre 20 Jahre nach Alexander Langers Tod; die Suche und Reflexion nach Kriterien des Zusammenlebens, die das Ethnische, das Abzählende nach sprachlicher Zugehörigkeit überwinden, soll mit „Jenseits von Kain und Abel“, erschienen bei Edizioni Alphabeta Verlag, in zeitgemäßer Interpretation weitergehen, schreiben die Herausgeber Hans Karl Peterlini, Massimiliano Boschi und Adel Jabbar.

Ausgangpunkt für die Entstehung des Buches ist ein Interview mit Landeshauptmann Arno Kompatscher, in dem vor allem die gelebte Mehrsprachigkeit und im Gegensatz dazu das Festhalten an sprachlich-ethnischen Zugehörigkeiten in Verwaltung und Politik des Landes Thema sind. Kompatscher zeigt sich im Gespräch zuversichtlich, dass der Weg zu einer institutionellen, die realen Lebensumstände reflektierende Veränderung bereits eingeschlagen sei, dass vor allem in der Schule konkretes Miteinander zwischen Deutsch und Italienisch nicht mehr die Ausnahme sondern die Regel seien, beispielsweise durch die Zusammenarbeit in den unteren Verwaltungsstrukturen. Auf politischer Ebene jedoch seien unterschiedliche Verantwortungen weiterhin „unverzichtbar“, das Schutzsystem funktioniere nur so für Südtirol.

Für die Neulesung der 10 Punkte wurden weiters Autorinnen und Autoren eingeladen, die „nicht nach Spezialisierungsgraden oder Treueverdiensten für Langers Lebenswerk“ ausgewählt wurden, sondern pluralistisch und ungezwungen Langer und seine Gedanken widerspiegeln. Im Kapitel „Lebenswelten und Erfahrungsräume“ schreibt beispielsweise die Kuratorin Lisa Mazza eine fiktive Email ihrer Tocher an sie selbst aus dem Jahr 2030; ein Blick aus der Zukunft, der Angebote ans Zusammenleben schafft. Marita Gasteiger und Valentino Liberto verfassten gemeinsam einen Text zu Gewalt in ihren sichtbaren und subtilen Formen, bezogen auf Gender-Fragen. Irene Cennamo verbindet in ihrem Beitrag ihre eigene Erfahrung als Heranwachsende im Bozner Europa-Viertel mit Langers Dekalog.

Eine Grundvoraussetzung: Gewalt muss ausgeschlossen sein.

Gabriele Di Luca befasst sich mit der Frage, ob es in Südtirol wirklich  zur „ethnischen Befriedung“ gekommen ist, ob wir also bereits beim „Miteinander“ angekommen sind, oder doch eher das „Nebeneinander“ leben. Ob wir Langers Gedanken nicht nur ideell teilen, sondern konkret und aktiv in unser tägliches Tun einbringen. Riccardo Dello Sbarba geht auf die für Langer wichtigen Metaphern von Pendel und Brücke ein.

Im dritten Abschnitt wird das Bild erweitert. Langer hat sich mit seinem Dekalog nicht nur an Südtirol gewandt, sondern an Europa. In jenen Jahren, 1994, war er zwischen Europaparlament und verschiedenen Friedensinitiativen unterwegs, um auf die unmittelbare Kriegsgefahr in Ex-Jugoslawien aufmerksam zu machen, eine verzweifelte Reise und vergeblicher Bittgang. Über die neuen Konflikte und Kriege im Zusammenhang mit Migration, Flucht und Terror schreiben im letzten Kapitel des Buches der Soziologe Adel Jabbar, der Journalist Lorenz Gallmetzer und der Friedensforscher Werner Wintersteiner. Den Abschluss macht der Erziehungswissenschaftler Dietmar Larcher mit seinem Essay „Kein Held, kein Gott, keiner von uns“, einer beinahe poetische, sicherlich philosophische Betrachtung zur Person des Brückenbauers und Mauerspringers Alexander Langer, aber auch des Grenzgängers und „Verräters der ethnischen Geschlossenheit“. Dietmar Larcher wirft auch einen Blick auf die Rolle des „Vordenkers Langer“ und fragt mit Adriano Sofri, ob er dies auch wirklich war. Denn „er hat Dinge erfunden, die sich mit ihm dann nicht entwickelt haben. Später sind die gleichen Ziele dann von ganz anderer Seite und auf gegenteilige, karikaturhafte Art vorangetragen worden. Gesiegt haben Alex‘ Ideen allenfalls unter fremder Fahne,“ so Adriano Sofri in einem Interview mit Florian Kronbichler.

Vieles hat Alexander Langer gedacht, gesprochen und angestoßen, vieles ist nicht gelungen in der Umsetzung und daran trug er schwer. Langer hat sich nie als Märtyrer geeignet, die Zeit der Heldenverehrung sollte vorbei sein. Wenn seine 10 Punkte noch einmal neu aufgelegt werden, dann ist das auch ein Zeichen, dass diese Gültigkeit haben, dass wir nach wie vor nichts Anderes oder gar Besseres haben, woran wir festhalten können, beim Zusammenleben.

Das Buch "Jenseits von Kain und Abel" wird am Samstag, 24.10. um 11 Uhr 15 im Pastoralzentrum Bozen vorgestellt. 

 

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