Alpbach_Pungovschi
Andrei Pungovschi
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Tagebuch aus Alpbach

Was wollen wir Südtiroler sein?

Junge SüdtirolerInnen in Alpbach schreiben darüber, was sie am Europäischen Forum Alpbach beschäftigt. Diesmal schreibt Maximilian Gasser* über die Südtiroler Identität.
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Kommentare

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 24.08.2018, 18:13

Dieser Beitrag gefällt mir Maximilian Gasser! Er macht auch Mut und vielleicht optimistisch, obwohl ich bezüglich dieses Themas aus meiner Erfahrung her eher pessimistisch bin. Aber eure Generation muss einen Neustart versuchen!
Als ich 1977 nach Bozen kam und meine ersten Bekanntschaften gerade in der wachsenden und energievollen Neuen-Linken-Szene gemacht habe, gab es diesbezüglich Aufbruchsstimmung. Deutsche und Italiener agierten gemeinsam. Italiener sprachen auch von sich aus deutsch. Dieser Trend wurde von Alex Langer und seiner Bewegung gefördert und gestärkt. Die Devise war, jeder spricht seine Sprache und der andere versteht sie. Bei öffentlichen Diskussionen oder bei den Gewerkschaftsversammlungen funktionierte das aber mehr schlecht als recht. Also gab es z.T. auch gedolmetschte Konferenzen. Die Bereitschaft zu dieser sogenannten passiven Zweisprachigkeit war bei den Italienern schon immer geringer als bei den Deutschen. In den 80-er Jahren ist die Stimmung dann aber ins Negative gekippt: es gab erneut Terroranschläge und es zeigten sich die negativen Auswirkungen der Proporzbestimmungen auf die jungen, meist besser ausgebildeten Italiener, die plötzlich in ihren traditionellen Berufsbereichen (z. B. Bahn, Öffentlicher Dienst, Einbruch bei der Schwerindustrie) sich ihrer beruflichen Zukunft beraubt sahen. Die Folgen waren, Erstarken des MSI bzw. der italienischen Rechten einerseits und sinkende Bereitschaft, mit der Deutsche Bevölkerung ein Zusammenleben zu suchen und eben auch geringere Bereitschaft, Deutsch zu lernen und zu reden. Plötzlich sprachen Italiener mit guten Deutschkenntnissen nicht mehr deutsch, ich wurde im mehrheitlich italienischen Kondominium im Stiegenhaus nicht mehr gegrüßt, usw.
Ihr jungen Deutschen, Italiener, usw. kennt diese Zeit nicht mehr und seid nicht betroffen. Ihr müsst unvoreingenommen einen neuen Versuch starten!

Bild des Benutzers Karl Gudauner
Karl Gudauner 24.08.2018, 18:55

Eine erfrischend unvoreingenommene Sichtweise. So was entwickelt sich, wenn das Thema Identität ohne Angstneurosen angegangen wird. Manche werden sich am Begriff "Durchmischung" stoßen, der ja politisch und historisch belastet ist. Da war zum einen die Programmatik der Trennung der Sprachgruppen, die von Landesrat Zelger propagiert wurde, zum anderen die Bestrebung der Anerkennung einer "gemischten" Sprachgruppe. Neuerdings wird die Durchmischung der Sprachen und der Kulturen (auch mit Bezug auf das Migrationsthema) wieder als Menetekel eines drohenden Identitätsverlustes an die Wand gemalt. Die Möglichkeit, vielfältige kulturelle und sprachliche Identitäten kennenzulernen bzw. inmitten einer solchen Vielfalt aufzuwachsen ist eine Chance der Erweiterung des eigenen Horizonts. Vorsicht bei der Verwendung des Begriffs "Durchmischung" ist m. E. angebracht. Ich kann nur zustimmen, dass es Neugierde, Information, mehr Kommunikation und Austauschmöglichkeiten braucht. Es geht darum, entsprechende Angebote zu schaffen, aber auch die Bereitschaft zu wecken, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Kultur muss hier eine Politik der offene Türen fördern.

Bild des Benutzers rotaderga
rotaderga 24.08.2018, 19:47

doch, mich stört der Melting Pot, ein Schmelztiegel täte es auch.

Bild des Benutzers Oliver H. (gesperrt)
Oliver H. (gesperrt) 25.08.2018, 09:10

Dieser Text steht repräsentativ dafür. was viele junge Südtiroler denken und was auch ich eine zeit lang gedacht habe.

Meiner Meinung nach jagt man hier wieder einem kollektivistischem Phantom nach. Identität wird gemeinhin als Gruppenzugehörigkeit gesehen. Ich lade Leute immer dazu ein, Identität als etwas Individuelles zu sehen. Was bin ich z.B.? Ich bin kein Italiener. Österreicher bin ich auch kein richtiger. Bin ich überhaupt noch Südtiroler, wenn ich seit ca zehn Jahren im grünen Herzen Österreichs lebe und arbeite? Bin ich Puschtra? Oder Teldra? Muss ich bzw. müssen wir uns über Sprachen und Regionen identifizieren? Oder ist es besser nach Ideologien/Philosophien einzuteilen und so von Kommunisten, Rassisten, Kapitalisten, Liberalen, Grünen, Zionisten und den vielen Strömungen zu unterteilen? Wenn wir bei all diesen Einstellungen noch das Präfix Anti- hinzufügen, verdoppeln sich die Möglichkeiten.

Ich will damit auf folgendes hinaus: Es macht wenig Sinn, Andere irgendwie zuzuordnen, denn es wird einem kaum gelingen, die passende Schublade zu finden. Jemand kann konservative Ansichten haben und doch das Adoptionsrecht für Homosexuelle befürworten? Welche Identität hat so jemand? Dieses Thema ist einer der größten Spaltpilze unserer Zeit. Meiner Meinung nach könnte man diesen Spaltpilz durch konsequenten Individualismus überwinden. Und ich betone: Individualismus ist nicht dasselbe wie Egoismus und Egoismus bedeutet auch nicht, dass jemand sich auf Kosten der "Gesellschaft" Vorteile verschafft.

Mir ist es völlig wurscht, ob jemand sich als Kommunist, Italiener, Bozner, Südtiroler, Europäer oder was auch immer sieht. Im Vordergrund sollte stehen, dass jeder das Recht hat, sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält. Wenn jemand hier einwandert und kein Wort deutsch spricht, ist mir das völlig wurscht, solange er sich seinen Lebensunterhalt verdient (z.B. über ein Online-Unternehmen?) und mein Leben dadurch nicht negativ beeinflusst wird. Dann erübrigt sich auch die ganze Debatte um Integration/Identität etc.

Bild des Benutzers Benno Kusstatscher
Benno Kusstatscher 25.08.2018, 09:40

Sowas habe ich mir auch gedacht: Wenn die Frage der Identität kollektiv gestellt wird, ist das Unheil schon vorprogrammiert.

Bild des Benutzers Marcus A.
Marcus A. 25.08.2018, 11:41

Falsche Fragestellung:

richtige Fragestellung wäre "was will Herr Gasser sein"

Es wirkt sehr anmaßend, diese Frage für die Südtiroler im allgemeinen beantworten zu wollen.

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 25.08.2018, 14:33

" Zum einen sind Sprache und Kultur nicht fix, sondern verändern sich pausenlos und unaufhaltsam. Zum anderen sind wir gar nicht gezwungen, unsere alte Identität und Kultur aufzugeben, wenn wir eine neue erwerben. Unsere Persönlichkeit wird lediglich vielseitiger, um eine Facette bereichert." In diesen Sätzen wird eine Südtiroler Besonderheit deutlich. Ich will das im Bereich der Volksmusik aufzeigen - das mag zwar wenige interessieren - ist aber ein Extrem-Beispiel. Hört man z. B. in Rai-Südtirol Alpenländische Volksmusik, dann hört das Alpenland westlich am Arlberg und südlich in Salurn auf. Und es wird auch nur museale Volksmusik gebracht. Alles Neue und Experimentelle ist nicht mehr würdig, Volksmusik genannt zu werden und wird auch nicht gefördert. Das wird in Österreich und in Bayern ganz anders gehandhabt und gelebt. Z. B. im Bayrischen Rundfunk hört man auch noch Volksmusik aus dem Alemannischen Kulturbereich (Deutschschweiz, Vorarlberg, Allgäu, usw.) und experimentelle, schräge und auch spontane, zeitgemäße, lustige Lieder und Gstanzeln gehören zur Selbstverständlichkeit. In Südtirol glaubt man aber etwas zu verlieren, wenn man etwas Lebendiges, Spontanes, Experimentelles hinzu nimmt!

Bild des Benutzers rotaderga
rotaderga 25.08.2018, 17:20

Bei Rai Südtirol sind viele, viel zu viele Mitarbeiter. Trotzdem ist niemand fürs abstauben zuständig.
Do sig ma nix vor lautr Weppehottln.

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