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Baukultur

Keine Angst vor Bürgerbeteiligung!

Zehn Gründe und sieben Bausteine auf dem Weg zum schönsten gemeinsamen Nenner!
Von
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Architettura und...26.05.2021
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Gastbeitrag von Roland Gruber & Florian Kluge / nonconform

im Rahmen der Vortragsreihe "Baukultur für alle!?"

 

Keine Angst vor Beteiligung! I Roland Gruber | 26.05.2021

 

Kommunen investieren jedes Jahr viele Milliarden in räumliche Konzepte, Planungen und neue Gebäude, sie gehören damit zu den größten Bauherren im Land und gestalten wesentlich den Lebensraum der Menschen. Gefragt sind Projekte, die mit dem Budget einen maximalen Effekt für die Bürgergemeinschaft erzielen. Dabei kommt nahezu kein kommunales Entwicklungskonzept, kein städtebaulicher Entwicklungsprozess, kein öffentliches Bauprojekt – und immer öfter auch Projekte von privaten Errichtern - mehr ohne die Einbindung der Betroffenen aus. Einerseits mit dem Ziel, die Bedürfnisse der verschiedenen Akteure kennenzulernen und Akzeptanz für neue Lösungen zu schaffen. Andererseits soll mit Blick auf die qualitätsvolle Gestaltung unserer Dörfer, Städte und Quartiere das volle Potential und die positive Energie der Bürger*innen entfaltet und genutzt werden.

 

Stadt_Regensburg
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Warum Bürgerbeteiligung?

Eine Beteiligung der Bürgerschaft gerade bei komplexen räumlichen Fragestellungen und Bauaufgaben ist heute notwendiger denn je. Prozesshaftes Arbeiten mit Bürgern führt vielfach zu besseren Lösungsansätzen. Bürger*innen kennen ihr Quartier oder ihren Ort am besten und haben vielfach zukunftsweisende Ideen, die eine wesentliche Basis für nachhaltige Lösungen und breite Akzeptanz vor Ort sind. Im Zeitalter der Politikverdrossenheit sind Bauaufgaben ein geeigneter Weg, die Bürgerschaft zu aktivieren: dort können sie an Entscheidungen und Entwicklungen in ihrem unmittelbaren Umfeld mitwirken.
Auf den Punkt gebracht lassen sich zehn gute Gründe für Bürgerbeteiligung formulieren:

  1. Mehr Akzeptanz durch Transparenz: Wenn Zukunftsvorstellungen und Projekte klar und transparent kommuniziert und gemeinsam erarbeitet werden, wenn rechtzeitig Raum für Bedenken und Ideen gegeben wird, dann werden sie von einer breiten Mehrheit getragen. Es gibt weniger Verzögerungen und weniger Gegenwind.

  2. Mehr Vielfalt durch mehr Ideen: Mehr Menschen haben mehr Ideen und machen Lösungen bunter und vielfältiger. Das Einbringen von vielen Köpfen, mannigfaltigen Kompetenzen und Sichtweisen macht Ergebnisse vielfältiger, passgenauer und besser.

  3. Mehr Zufriedenheit durch Umsetzung: Sind mehr Menschen aktiv, können mehr Dinge angepackt werden. Es muss weniger „auf die lange Bank“ geschoben werden und das führt zu mehr Zufriedenheit in der Bevölkerung.

  4. Mehr Identifikation durch Verbundenheit: Menschen gestalten ihren Lebensort mit, beschäftigen sich mit ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrer Schule. Das Verständnis für Zusammenhänge und Zusammengehörigkeit wächst. Identifikation und Verbundenheit steigen. Wer seinen Ort liebt, setzt sich für ihn ein.

  5. Mehr Gemeinschaft durch Offenheit: Gemeinsam an einer Fragestellung zu arbeiten, verbindet die Menschen: unterschiedliche Ansichten offen aussprechen, Lösungen entwickeln und um Konsens ringen. Menschen lernen einander kennen und respektieren und das Miteinander bekommt eine andere Qualität. Hetze und Ausgrenzung verliert an Nährboden.

  6. Keine Chance dem Geschimpfe: Beteiligung ist Konfliktprävention. Sie bietet eine Plattform, um mitzureden. Der Kritik bezüglich zu wenig Informationsfluss und Mitsprachemöglichkeiten kann ein Riegel vorgeschoben werden. Und: einmal eingeübte Prozesse fördern Transparenz und bessere Kommunikation auch nach dem Beteiligungsprozess.

  7. Mehr Motivation durch Verantwortung: Die Botschaft „Wir brauchen Dich“ motiviert Menschen zum Mittun. Wo informiert und eingebunden wird, wo Ideen und Kompetenzen gefragt sind, dort entsteht Energie und es bewegt sich etwas. Die Bereitschaft, sich einzubringen, wächst.

  8. Entlastung von Verwaltung und Politik: Mehr Menschen bringen Arbeitskraft, Zeit und Energie mit. Die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt, Aufgaben können verteilt und Kosten eingespart werden.

  9. Mehr Verständnis für das Gemeindewohl: Ist Beteiligung gut gemacht, ermöglicht sie Perspektivwechsel und weckt Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen und Prioritäten. Wissen über die notwendige Abwägung von Interessen und größere Zusammenhänge ermöglicht mehr Verständnis für Prozesse und Entscheidungen in der Kommune.

  10. Bedarfsgerechtere Politik: Anhören und Beteiligen ermöglicht mehr Wissen über die Themen und Fragen, die die Menschen bewegen. Politische Entscheidungsträger und Verwaltung können bedarfsgerechter entscheiden und handeln.

 

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Wie Beteiligung gelingt

Oftmals ist bei Städten und Gemeinden eine gewisse Angst vor Beteiligungsprozessen zu spüren – vielfach entstanden durch negative Erfahrungen: Bürgerbeteiligung sei langwierig und teuer, der Einbindungsprozess ziehe sich wie Kaugummi und die Ergebnisse sind bescheiden, es kämen immer die Gleichen zu Wort und verträten nur ihre eigenen Anliegen - so die Erfahrungen und Vorbehalte, die es ernst zu nehmen gilt.

Doch: Nur ein Miteinander von Politik, Verwaltung, Bürgerschaft, Unternehmen, Vereinen, Verbänden, Initiativen und Investoren ist Garant für Zukunftsfähigkeit. Gelungene Beteiligung kann der Motor für gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, wenn die Einbindung der Bürger*innen ernst gemeint, gut durchdacht und richtig gemacht ist. Sie braucht neben ausreichend Zeit, Raum und finanzieller Mittel vor allem Haltung, Engagement und Offenheit. Der richtige Zeitpunkt einer Beteiligung ist genauso wichtig wie eindeutige Regeln und Rollen, Transparenz bei Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungskompetenzen. Es braucht Klarheit in Sache, Zweck und Ziel. Pfiffige Methoden müssen alle Interessierten einbinden und Raum auch für Randgruppen, Konfliktthemen und Wut bieten. All das sollte mit genügend Witz und Humor gewürzt sein, motivieren und Spaß machen!
Im Wesentlichen sind es sieben Bausteine, die Beteiligung gelingen lassen:

  1. Die Aufgabe schärfen: Präzise Abstimmung. Es braucht von Beginn an Klarheit über Zielgruppen und Akteure, über Aufgaben und Fragestellungen, über Zuständigkeiten, Abläufe und Regeln

  2. Auf die Haltung kommt es an: Ernsthaftigkeit, Wertschätzung und echtes Interesse am gemeinsamen Ergebnis. Die Werte und Sichtweisen der anderen sind genauso berechtigt wie die Eigenen, gegenseitiges Zuhören gehört zum 1x1 der Beteiligung. Der Weg ist Teil des Ziels und fördert Verständnis und Vertrauen.

  3. Um Emotionen und Beziehungen kümmern: Mit Begeisterung ans Werk, statt mit Angst. Eine Atmosphäre für ein positives Miteinander schaffen, das löst viele Konfrontationen von Beginn an. Konflikte als Chance begreifen, Mut beim Umgang mit Wut, Verzicht und Scheitern. Konsens herstellen ist eine Leistung – feiern wir die Ergebnisse!

  4. Die Zeit im Blick haben: Zeit und Geduld investieren. Den richtigen, möglichst frühen Zeitpunkt finden. Schlüssige und transparente Zeitabläufe festlegen. Kurze, kompakte Formate finden und unterschiedlich zeitintensive Formen anbieten.

  5. Die richtigen Formate benutzen: Weg von der Turnhallenschlacht, vom „Wir da vorne, ihr da unten“. Dorthin gehen, wo die Menschen sind. Neue Räume nutzen, spannende Methoden, die auch Spaß machen dürfen. Zeichnen und bauen, essen und trinken und dabei gemeinsam in die Aufgabe eintauchen.

  6. Informiertheit sicherstellen: Ein einheitlicher Informationsstand ist Basis für den konstruktiven Diskurs. Sonst beruht das Ergebnis mehr auf Zufall und Partikularinteressen als auf einem ernsthaften Aushandlungsprozess. Alle Perspektiven und Bedürfnisse, Inhalte und Hintergründe müssen offen und gut verständlich auf den Tisch.

  7. Die richtige Sprache sprechen: Es braucht Profis, die die Werkzeuge kennen, Beteiligungsprozesse strategisch planen und professionell aufziehen - wie das Bauprojekt selbst. Keep it simple, aber professionell: Den Prozess gut erklären und auffällig und lautstark vermarkten.

 

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Roland Gruber, Mag.arch., MBA, MAS, studierte Architektur und Kulturmanagement, ist Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer von nonconform. Der Schwerpunkt liegt in der partizipativen Raumentwicklung für Kommunen, Schulen und Unternehmen. Er kuratiert die nonconform Leerstandskonferenz, lehrt an der nonconform Akademie und versucht das Beste aus Land und Stadt zu verknüpfen.

 

Prof. Dr.-Ing. Florian Kluge, Landschaftsarchitekt, ist Gesellschafter von nonconform. Als Spezialist für kreative Beteiligungsprozesse leitet er die Aachener Dependance des Büros. Kluge ist zudem Professor für Projektmanagement und leitet das Institut für Prozessarchitektur an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn.

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Kommentare

Bild des Benutzers Margot Wittig
Margot Wittig 27.05.2021, 16:26

Roland Gruber hat den Vorschlag gemacht, die Erwartungen in Südtirol etwas zurückzufahren, da Beteiligungsprozesse für ein Gemeinde-Entwicklungsprogramm zu komplex seien, um ohne Erfahrung umgesetzt zu werden. Er rät vielmehr dazu, eine Lernwerkstatt aufzubauen, in der 2-3 Mal im Jahr Beteiligungskultur aufgebaut und Moderatoren und Prozessbegleiter ausgebildet werden können. Dazu sollten Patenschaften mit Gruppen aus Östrreich, Deutschland und der Schweiz eingegangen werden, welche bereits auf jahrelange Erfahrung mit Partizipation zurückgreifen können. Weiters wurde uns geraten, auch unsere "ausheimischen Mitbürger*innen mitzunehmen, da diese ja eine wachsende, sensible Bevölkerungschicht darstellen, welche sich auch Gedanken über unsere Zukunft machen und neue Ideen einbringen können.

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Karl Trojer 09.06.2021, 10:16

Der Vorschlag der Herren Gruber und Kluge erscheint mir als sehr wertvoll und zukunftsfähig; dies zumal künftige Demokratie ihren Schwerpunkt in PARTIZIPATION finden wird.

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