Helfende Hände
Roman Carey
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Sophia

Solidarische Selbsthilfe

Karl Tragust von der Genossenschaft Sophia erzählt von der Forschung, die dort betrieben wird und dem anstehenden Projekt Seniorengenossenschaften.
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Karl Tragust ist Vorsitzender des Verwaltungsrates der Genossenschaft Sophia mit Sitz in Bozen. Sophia widmet sich seit 2013 der Forschung im Bereich der sozialen Innovation und vereint Mitglieder, die aus verschiedenen Berufsfeldern kommen und so vielfältige Impulse für die Arbeit der Genossenschaft liefern können. Karl Tragust ist ehemaliger Direktor der Abteilung Familie und Soziales und ehemaliger Präsident der Agentur für Soziale und Wirtschaftliche Entwicklung der Autonomen Provinz Bozen. Er ist Mitbegründer und 1. Präsident des Vereins Medianda-Plattform für Mediation und bringt somit eine ausgiebige Erfahrung aus dem sozialen Bereich mit. Heute spricht er mit Salto.bz auch über ein besonderes, anstehendes Projekt, nämlich der Vorschlag, das Modell der Seniorengenossenschaften in Südtirol zu etablieren.

Salto.bz: Was wird bei Sophia genau getan?

Karl Tragust: Die Genossenschaft Sophia ist 2013 gegründet worden. Unser Anliegen ist es, soziale Bedürfnislagen zu erkennen, zu beobachten, zu analysieren, innovative Lösungen zu finden und entsprechende Entwicklungen zu fördern. Das Ganze ist auf die Südtiroler Realität bezogen, wobei der Blick über die Grenzen hinaus sehr wichtig ist. Bei Sophia findet man Genossenschaftsmitglieder aus Wissenschaft und Praxis. Es sind Lehrende von der Universität Bozen, Leute aus der Wirtschaft und dem Finanzbereich, Praktiker aus der Sozialarbeit, der Verwaltung und der Politik. Bisher sind Untersuchungen über Bürgergenossenschaften, über die Zeitbanken und die Sozialgenossenschaften in Südtirol durchgeführt worden. Nach der wissenschaftliche Analysen des Ist-Standes werden Vorschläge ausgearbeitet und unterbreitet, wie sie in der Praxis umgesetzt und weiterentwickelt werden können. Ebenso sind wir tätig in der Beratung und Begleitung von Sozialorganisationen. So haben wir z.B. die Fusion der zwei Genossenschaftsverbänden Legacoopbund und Confcooperative zu Coopbund begleitet.

Karl Tragust
Karl Tragust (links) mit Armin Bernhard, Präsident der Bürgergenossenschaft Obervinschgau und Mitglied des Verwaltungsrates von Sophia (Mitte) und Heini Grandi, Präsident von Coopbund (rechts) bei der Gründung von Sophia im Jahr 2013, von Karl Tragust

Wie genau arbeiten Menschen aus der Theorie und der Praxis in der Genossenschaft zusammen?

Wir betreiben praxisrelevante Forschung. Wissenschaft und Praxis ergänzen sich hin zu einem gemeinsamen Ziel: Innovation in der sozialen Praxis soll ermöglicht werden. Aus Betroffenheit sollen durch solidarische Selbsthilfe und deren Stärkung und Unterstützung Lösungen gesucht werden. Wissenschaftler und Experten der Praxis begleiten und unterstützen diese Prozesse. Theorie und Praxis sind unersetzlich und gemeinsam bilden sie etwas sehr Interessantes. Die Zusammenarbeit ist eine Investition und eine gegenseitige Bereicherung. Viele Leute in der Praxis haben auch einen Bezug zur Wissenschaft und Lehre, wenn sie z.B. ihr Fach unterrichten. Umgekehrt gibt es Wissenschaftler, die Praxiserfahrungen machen.  

Ist es ein Ziel von Sophia, über die Landesgrenzen hinaus zu netzwerken? 

Ja, unsere Mitglieder sind in Kontakt mit anderen Organisationen in Österreich, Deutschland, Italien. Im letzten Jahr waren wir an einem Projekt in Brandenburg beteiligt. Für das Land Brandenburg haben wir das Modell der WorkersBuyOut aus Italien vorgeschlagen. Brandenburg hat als Land der ehemaligen DDR Schwierigkeiten mit der ländlichen Abwanderung und Betriebsnachfolge. Mit einem Partner aus Hamburg haben wir einen Leitfaden entwickelt, wie man solche Nachfolge-Genossenschaften bilden und unterstützen kann. Wir möchten den Vorteil Südtirols, Brücke zwischen Norden und Süden zu sein, wahrnehmen und uns auch in diese Richtung stärken. 

Was motiviert Menschen, für Sophia tätig zu werden? Und was hat Sie mit ihrer Praxiserfahrung von mehr als 30 Jahren im sozialen Bereich motiviert? 
Die Leute werden bei uns aus zwei Gründen Mitglieder: Einmal, weil sie die Initiative interessant finden und diese unterstützen möchten, auch wenn sie nicht unbedingt in der Forschung oder Beratung tätig sind. Sie sind unterstützende Mitglieder. Die zweite Motivation ist die aktive Beteiligung. Da gibt es Wissenschaftler, die die Praxisnähe schätzen und sich wünschen, dass ihre Erkenntnisse auch der Praxis dienen. Und dann gibt es die Praktiker, die die Notwendigkeit sehen, ihre Tätigkeiten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu untermauern. Am Ende profitieren beide: der Praktiker stärkt sich durch die Wissenschaft und die Wissenschaft schöpft Erkenntnisse aus der Praxis. 

Wie funktioniert der Austausch mit sozialen Gruppen, die Sie in der Forschung bedenken?
Auch für die Wissenschaft gilt der Grundsatz der sozialarbeiterischen Praxis: „nichts ohne uns, nichts über uns, alles mit uns“. Die Betroffenen sind Hauptakteure aller Prozesse, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Wenn man wirksam arbeiten will, dann muss man die Betroffenen mit ihren Bedürfnissen und Potenzialen im Zentrum sehen. Die Zusammenarbeit läuft vor allem über Vereine und Organisationen, die die Betroffenen repräsentieren. Unsere Tätigkeit lebt davon. Im projektbezogenen Arbeiten ist der erste Schritt immer der, Gespräche mit den Betroffenen zu führen.

Hätten Sie gerne als Genossenschaft mehr Sichtbarkeit? 
Die Sichtbarkeit soll mit der Tätigkeit wachsen. Wenn wir wie jetzt in einer Phase sind, in der verschiedene Projekte anstehen, dann werden wir mit der Arbeit an unseren Projekten unsere Produkte sichtbar machen.

Eines der Projekte, die anstehen, ist der Vorschlag der Einführung des Modells der Seniorengenossenschaften.
Erfahrungen, die in Deutschland gemacht wurden, zeigen, dass der Ansatz, Senioren in Seniorengenossenschaften zu aktivieren, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sehr sinnvoll ist. Das entspricht dem Prinzip der solidarischen Selbsthilfe. Wir sind dabei, für dieses Projekt Finanzierungen vom Land und anderen Institutionen zu bekommen. Und dann wollen wir die Erfahrungen der Seniorengenossenschaften in Deutschland für Südtirol (und für ganz Italien) dokumentieren und analysieren, Das Seniorenalter ist inzwischen eine Altersphase von 30 und mehr Jahren. Viele Senioren sind aktiv und haben Lust mitzugestalten. Das ist die Quintessenz der Seniorengenossenschaft. Solche Tätigkeitsfelder begegnen wir in Zeitbanken, in Freizeitgestaltung, niederschwelligen Begleit- und Betreuungsdiensten, bei kulturellen Aktivitäten. Solche Tätigkeiten für und von SeniorInnen sind in Südtirol durchaus präsent. Das Modell der Seniorengenossenschaften ist interessant, weil es mit einem Intergenerationen-Ansatz arbeitet und weil viele Tätigkeiten, die momentan auf viele verschiedene Südtiroler Vereine verteilt sind, zusammengeführt und gestärkt werden.

Wie könnte der Mehrgenerationenansatz in einer Seniorengenossenschaft Form annehmen?
Wenn wir uns die Erfahrungen aus Deutschland anschauen, sehen wir, dass es Junge und Alte gibt, die sich vielfältig gegenseitig unterstützen. Zum Beispiel im Bereich des Wohnens. Gemeinsames Wohnen im Alter ist so ein Bedürfnis, etwas, das in Südtirol weniger entwickelt ist als in Deutschland. Junge Menschen wohnen in einem – auch genossenschaftlich geführten – Kondominium und bezahlen keine Miete, aber dafür erbringen sie Betreuungsleistungen für Senioren. So etwas gibt es in Südtirol noch nicht, es lässt sich aber über den Genossenschaftsgedanken entwickeln.

Das ist hier in Südtirol auch insofern eine gute Lösung, als dass es das Wohnraumproblem für junge Leute erleichtern könnte.
Ja, Wohnen ist teuer. Und je vereinzelter die Menschen sich organisieren, umso teurer wird es. Das ist auch bei Hilfestellungen so. Wenn Menschen sich gegenseitig solidarische Hilfestellungen geben, dann ist das finanziell günstiger, als wenn professionelle Dienste genutzt werden. Natürlich braucht es diese professionelle Hilfe auch. Aber man kann noch viel mehr, als momentan getan wird, selbst und in solidarischen Gegenleistungen verrichten.

Und diese Organisation im Einzelnen anstatt in der Gruppe in der heutigen Wachstumsgesellschaft führt ja auch dazu, dass älter werdende Menschen viel allein stemmen und leisten müssen. 
Ein Grundthema der heutigen Gesellschaft ist das „Weiter, schneller, höher“-Prinzip und das Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten. Diese führen rasch zu einer Individualisierung und die, die auf solidarische Hilfeleistungen angewiesen sind, bleiben dann liegen. Es ist eine Frage der Priorität: Liberalismus und Individualismus oder solidarisches Gemeinwohl. Die Pandemie macht uns bewusst, dass ohne Gemeinwohlorientierung nichts funktioniert. Der Grundgedanke von Sophia ist es, den solidarischen Gedanken weiterhin konkret zu pflegen und weiterzuentwickeln. Das bereits genannte WorkersBuyOut-Modell, sprich Mitarbeiter, die den Betrieb als Genossenschafter übernehmen, weil er ansonsten schließen würde, entspringt diesem Ansatz. Das ist eine Möglichkeit, die gerade jetzt in Zeiten von Corona von höchstem Interesse ist. Wir entwickeln gerade mit Coopbund und der Handelskammer beratende Ansätze für diesen Weg. Beispiele zeigen uns, dass man so einen Betrieb retten kann. Ein anderes Thema ist das „Dopo di noi“, oder – wie wir vorschlagen: die Generationenstiftung. Eltern von Menschen mit Beeinträchtigungen stellen Vermögen zur Verfügung, um nach ihrem Ableben das Kind zu versorgen. Auch zu diesem Thema versucht SOPHIA, einen Beitrag zu leisten. 

Wie kann man es schaffen, jüngere Menschen zu motivieren einer Seniorengenossenschaft beizutreten?
Durch Offenheit und Lust am Tun. Meine Erfahrung mit den Zeitbanken, wo ja auch das Miteinander von Jung und Alt gegeben ist, ist, dass es guttut, wenn man sich trifft und Spaß zusammen hat und alle Beteiligten ihre persönlichen und professionellen Erfahrungen einbringen. SeniorInnen sind dankbar, wenn ihnen jüngere Leute beibringen, wie man mit dem Computer umgeht und umgekehrt sind junge Personen erfreut, wenn sie bestimmte Erfahrungen aus dem Leben der Senioren mitnehmen können. Das funktioniert gut. Wenn man dann beispielsweise durch ein gemeinsames Wohnen sehr reale Bedürfnisse befriedigen kann, wenn da jemand Betreuung, Begleitung oder den Einkauf für Senioren erledigen kann, dann ist das eine gute Investition auch für junge Leute. Man muss sie nur animieren und begleiten. Die Spontanität der Menschen ist wichtig, aber bei der Entwicklung des Ganzen braucht es auch professionelle Kümmerer, Leute, die den Prozess im Auge haben. So braucht es in Seniorengenossenschaften auch Leute, die das professionell vorantreiben.

Würden Sie als Sophia das professionell für eine Seniorengenossenschaft tun? 
So ein Begleiter kann zu Beginn Sophia sein, und wenn dann klar wird, wie sich eine Seniorengenossenschaft aufstellen möchte, wird sich zeigen, ob es weiterer Hilfe von Sophia bedarf.

Haben Sie schon eine gewisse Rückmeldung, wie ein solches Modell in Südtirol ankommen würde? 
Nein, so weit sind wir noch nicht. Jetzt sind wir gerade dabei, die Finanzierung für das Projekt zu organisieren. Wir möchten eine Recherche zu den Erfahrungswerten in Deutschland machen, und dann Vorschläge unterbreiten, wie in Südtirol mit den Genossenschaftsverbänden eine solche Form aufgebaut werden könnte. Und dann ist es wichtig, die Erkenntnisse zeitnah bekannt zu machen. Dann werden sich sicher Leute finden, die das umsetzen wollen, davon sind wir überzeugt. Das Projektteam beginnt zu arbeiten, wenn die Frage der Finanzierung geklärt ist.

Was muss sich eine Seniorengenossenschaft konkret zur Aufgabe machen, damit sich SeniorInnen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft fühlen?
Wie gesagt sind viele Dinge, die anderswo über Seniorengenossenschaften laufen, in Südtirol bereits in anderer Form vorhanden. Eine Seniorengenossenschaft wäre ein integrierendes Element. Die Zersplitterung würde aufgehoben durch breiter aufgestellte genossenschaftliche Organisationen. Die Senioren hätten somit ein starkes Instrument, um ihre Bedürfnisse selbst in die Hand zu nehmen. Das ist die Idee des „Aktiven Alterns“. Senioren werden immer mehr, das ist keine Last, sondern ein großes Potenzial. Aber es muss organisiert werden. 

Hat die Corona-Krise neue Impulse für die Forschung bei Sophia gegeben?
Die Erfahrungen der Corona-Krise zeigen die Notwenigkeit des solidarischen Zusammenhaltes und der Aktivierung von lokalen Netzwerken in allen Bereichen, in der Wirtschaft, in der Kultur, im Sozialen. Die genossenschaftliche Form der solidarischen Eigenhilfe bietet sich als wichtiger Ansatz zur Bewältigung der Krise an.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Karl Trojer
Karl Trojer 30.04.2021, 11:12

Der Gedanke : "Gemeinwohl hat Vorrang vor Einzelinteressen" scheint mir der Schlüssel für eine lebensfähige Zukunft zu sein. Das gilt sowohl für den Klimaschutz als auch für das solidarische Miteinander. Wir bräuchten dringend EU-weit ein sozial-gerechtes Grundeinkommen, um die verbreitete Angst vor notwendigen Veränderungen aufzufangen. Ich danke SOPHIA und insbesondere dem Karl Tragust für deren umfassendes Engagement !

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