Wirtschaft | Betriebsübergabe

Wenn die Angestellten übernehmen

Schafft es die nächste Generation an Unternehmer*innen, Arbeit anders zu gestalten? Wie der Bio-Pionier Triade versucht, auch hier eine Vorreiterrolle einzunehmen.
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Foto: TriadeBio

Ariane Hillebrand hat von klein auf mitbekommen, was es bedeutet einen Betrieb zu führen. Ihre Eltern Birgit und Franz mochten in ihrem Heimatort Tramin in den frühen 90ern mit anthroposophischen Gedankengut und ökologischen Idealen einen Kontrapunkt zu dem „Größer-Schneller-Mehr“-Sound der benachbarten Apfelbauern setzen. Doch trotz allem „Small is beautiful“ beanspruchten die beiden Bioläden der Hillebrands in Bozen und Neumarkt einen großen Teil der Familienzeit. So normal es für Klein-Ariane war, mit Schwester Yvonne die Hausaufgaben zwischen Lieferscheinen und Kartonen mit Öko-Produkten bei Mama oder Papa im Geschäft zu machen, so selbstverständlich war es später, in den Sommerferien und wann immer sonst zwei zusätzliche Hände gefragt waren in den Geschäften mit anzupacken. Irgendwann kam die Sturm- und Drang-Zeit und vor allem der Wunsch, ihren eigenen Weg zu finden. Ariane Hillebrand machte eine Ausbildung als Schönheitspflegerin, arbeitete für unterschiedliche Arbeitgeber*innen – um schließlich 2009 doch wieder in den Familienbetrieb zurückzukehren. „Es ist einfach etwas anderes, in einem Betrieb zu arbeiten, bei dem man die Geschichte von Beginn an kennt, dabei war, wie er sich entwickelt hat und dann an neuen Herausforderungen arbeiten kann.“ Als ihre Eltern jedoch vor einigen Jahren begannen, laut über ihren Ruhestand nachzudenken, schrillten bei Ariane die Alarmglocken. Erst recht, weil ihre Schwester Yvonne kein Interesse zeigte, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. „Ich weiß einfach, dass man mit so einem Betrieb nie nicht bei der Arbeit ist“, sagt sie. „Doch ich bin auch Mama und Ehefrau, mein Mann ist ebenfalls selbstständig und mir war klar, dass ich vor diesem Hintergrund nicht einfach zwei Menschen ersetzen kann.“

"Es muss einfach möglich sein, Arbeit so zu gestalten, dass ausreichend Raum für beides bleibt: für das Berufs- und das Privatleben."

Die Lösung, zu der die Hillebrands schließlich fanden, könnte als Inspiration für so manche der mehr als 5000 Südtiroler Familienbetriebe dienen, die in den kommenden Jahren ebenfalls mit dem Problem der Unternehmensnachfolge konfrontiert sein: ein WorkersBuyOut, also die Übernahme des Unternehmens durch Angestellte in Form einer Genossenschaft.  Denn, so wie Ariane Hillebrand, haben viele potentielle Unternehmensnachfolger*innen den Preis des Unternehmerseins bei ihren Eltern hautnah mitbekommen. Und: anders als die Babyboomer sind die nachfolgenden Generationen vielfach nicht mehr bereit, ihn zu zahlen. Auf dem Spiel steht dann meist vieles. Im Fall von Triade nicht nur ein florierender Betrieb mit 14 Angestellten, sondern auch der Fortbestand eines wichtigen Players in Südtirols Biobranche. Schließlich gehörten Franz Hillebrand und Birgit Trebo zu den Pionieren, die Mitte der 80er-Jahre gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Umweltgruppe Tramin einen der ersten Bioläden Südtirols gründeten. „Löwenzahn“ hieß der urige kleine Laden, in dem anfangs noch ein schmales Produktsortiment aus biologischem Getreide und Reis, einigen Milchprodukten und Gemüse im Angebot stand. Mehr Schwung in den Handel mit Bioprodukten brachte dann Anfang der 90er-Jahre der Biogroßhandel „Pro Natura-Verteilerdienst“, bei dem das Ehepaar Hillebrand gemeinsam mit einem weiteren Südtiroler Partner mitmischte. Als der Großhandelsbetrieb zwei Bioläden in Bozen und Neumarkt übernahm, pachteten sie Franz und Birgit für einige Jahre und gründeten TriadeBio. 1996 und 1998 übersiedelten sie schließlich an die aktuellen Standorte am Bozner Dominikanerplatz und dem Neumarkter Cesare Battisti Ring. 2004 folgte ein drittes Geschäft in Kaltern.

Eine Kurzfassung der fast 30-jährigen Unternehmensgeschichte, in der sich der Biohandel von einem Nischendasein zu einem boomenden Wirtschaftszweig entwickelte, mit dem TriadeBio und seine Mannschaft mitwuchsen. Gemeinsam mit einem immer größerem Netz aus Lieferanten und Kund*innen, mit denen Franz und Birgit ein genauso offenes und partnerschaftliches Verhältnis pflegen wie mit den eigenen Angestellten. „Die Begegnung auf Augenhöhe war von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmensphilosophie“, sagt Franz Hillebrand, der auch bei der Erstellung von Gemeinwohlbilanzen zu Südtirols Vorreitern gehört. Die vielfach jahrzehntealten Beziehungen zu den unterschiedlichen Stakeholdern sind nicht nur darin ein wichtiger Asset. Sie waren auch ein wesentlicher  Grund dafür, dass Tochter Ariane schließlich doch beschloss, das Familienunternehmen weiterführen zu wollen. Wenn auch nicht alleine. Doch wer konnte garantieren, dass die Unternehmenswerte so weitergetragen und -entwickelt werden, wie sie der breite Stock an Kund*innen und Lieferant*innen über all die Jahre schätzen gelernt hat? Wohl niemand besser als jene Menschen, die Tag für Tag in ihren drei Geschäften arbeiten, befanden die Hillebrands, und die Idee einer Arbeiterinnengenossenschaft begann langsam zu wachsen.

Wie gut es klappt, wenn Mitarbeiterinnen selbst Verantwortung übernehmen, hatte die Unternehmerfamilie nicht zuletzt nach der Eröffnung der TriadeBio-Filiale in Kaltern gesehen. Während in Bozen Chef Franz und in Neumarkt Chefin Birgit vor Ort ist, läuft das Geschäft dort auch mit „nur“ 3 Angestellten im Laden problemlos. „Doch auch in den anderen Filialen sind es unsere Mitarbeiterinnen, die dran sind an den Kund*innen, die wissen, was gefragt ist und die Produkte kennen“, sagt Ariane Hillebrand. Warum also nicht die vielfältigen Führungsaufgaben im Betrieb mit genau diesen Menschen teilen und im Team weitertragen? Ein Vorschlag, der den Triade-Mitarbeiterinnen vor rund einem halben Jahr unterbreitet wurde, um danach die entsprechenden rechtlichen Schritte in die Wege zu leiten. Mittlerweile ist die Umwandlung zur Genossenschaft vollzogen und Ariane Hillebrand als Präsidentin eingesetzt. Wer der 14 Angestellten nun an ihrer Seite aktiv die Entscheidungs- und Betriebsprozesse mitgestalten will, ist dagegen noch nicht entschieden. „Am Beginn hat man schon ein großes Fragezeichen in den Augen vieler gesehen und es hat einige Treffen gebraucht, um unsere Ideen und die damit einhergehenden Veränderungen rüberzubringen“, erzählt Franz Hillebrand. Fakt ist, dass sich die 14 Angestellten nun frei entscheiden können, ob sie als Angestellte der Genossenschaft weitermachen oder sich als arbeitendes Genossenschaftsmitglied über Vollversammlung und Verwaltungsrat aktiver in die Entscheidungen und die Weiterentwicklung der Geschäfte einbringen wollen. Finanzielle Unterschiede zwischen den beiden Positionen wird es nicht geben. „Und wir üben auch sonst keinerlei Druck auf das Team aus, jede soll frei entscheiden, ob sie oder er Genossenschaftsmitglied werden will oder nicht“, unterstreicht Franz Hillebrand. Eine Möglichkeit, die übrigens auch Kund*innen und anderen Interessierten eröffnet werden soll; an den Konditionen dafür wird laut Franz Hillebrand derzeit noch gearbeitet.  

„Es ist alles noch recht neu und spannend, und wir schauen uns jetzt einmal an, wie sich die Dinge entwickeln“, ist der Tenor der Rückmeldungen, die von den Angestellten selbst kommen. Immerhin werden Franz und Birgit sich erst im Laufe der kommenden zwei Jahre Schritt für Schritt zurückziehen und es bleibt Zeit, die Aufgaben neu zu verteilen. „Ich hätte schon Lust und Interesse, meine Ideen einzubringen und noch stärker Teil von Triade zu werden“, meint beispielsweise Selina Obermair, die in der Bozner Zentrale in der Verwaltung arbeitet. „Doch vorerst möchte ich mich noch an die neue Situation gewöhnen und dann im Laufe des Jahres meine Entscheidung treffen.“ Verkäuferin Tanja Götz, die seit 18 Jahren für TriadeBio arbeitet, denkt zumindest kurzfristig nicht daran, ihre Position zu verändern. „Ich bin ein totaler Familienmensch und so familiär das Arbeitsklima bei uns auch ist, ist es mir wichtig, abschalten zu können, wenn ich aus dem Geschäft rausgehe. Aber ob socio oder Angestellte: Ich werde Ariane immer voll unterstützen.“

Darauf zählt die neue Genossenschaftspräsidentin auch. Denn wie Ariane Hillebrand hofft: "Es muss einfach möglich sein, Arbeit so zu gestalten, dass ausreichend Raum für beides bleibt: für das Berufs- und das Privatleben." Eine große und schöne Herausforderungen für die nachrückende Unternehmergeneration – nicht nur bei TriadeBio. 

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Karl Trojer Fr., 25.02.2022 - 10:26

Die Einbindung der MitarbeiterInnen von Unternehmen in deren Entscheidungs-u. Beteilgungsebenen erscheint mir als der einzige Weg, den derzeitigen Neoliberalismus und den "Triumpf" der globalen Finanzspekulation zu überwinden. Dafür eignet sich die Gesellschaftsform der "Genossenschaft" optimal.
Der TRIADE wünsche ich weiterhin Mut und gutes Gelingen !

Fr., 25.02.2022 - 10:26 Permalink
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Profil für Benutzer Johannes Engl
Johannes Engl Sa., 26.02.2022 - 16:43

Antwort auf von Karl Trojer

Respekt für diese mutige Entscheidung. Ich wünsche euch allen ein gutes Gelingen des Projektes!
Ja, Herr Troyer. Wenn die Entscheider*innen in einem Unternehmen auch selbst mitarbeiten, dann ist die Chance wesentlich größer, dass der Beitrag zum Gemeinwohl über den kurzfristigen Profit gestellt wird.

Sa., 26.02.2022 - 16:43 Permalink