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salto Gespräch

“Lasst uns Bauern nicht alleine”

Einmal integriert, einmal bio: Klemens Kössler und Andreas Gschleier sprechen über Arbeit, Image und Verantwortung der Obstbauern – und die Zukunft der Landwirtschaft.
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Einander zuhören, aufeinander eingehen, miteinander reden. In der Diskussion um die Landwirtschaft in Südtirol und ihre Zukunft letzthin keine Selbstverständlichkeit, ja, von vielen schmerzlich vermisst. Das Gespräch mit Klemens Kössler und Andreas Gschleier war anders.
Kössler ist Apfelbauer am Breitenhof in St. Pauls in Eppan. 1997 übernimmt er den Hof und beginnt mit dem integrierten Anbau. Um den Pflanzenschutz kümmert er sich schon seit 1989. Gschleier bewirtschaftet den Feldhüttenhof in Auer, wo er Äpfel anbaut. 2009 geht der Betrieb, den sein Vater 1987 auf Bio umgestellt hat, an ihn über. Die beiden trennen knapp zwanzig Jahre Altersunterschied – und zwei Anbauweisen, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig wie Tag und Nacht scheinen. Die Erwartungen an das Gespräch sind dieselben: Einen ehrlichen und konstruktiven Dialog wollen sie führen, so wie er vielfach versprochen, aber ebenso oft verhindert wurde, durch gegenseitige Schuldzuweisungen, Anfeindungen und Misstrauen.
Als sie sich zum vereinbarten Termin am Feldhüttenhof einfinden, kennen sich die beiden Bauern noch nicht, man ist gleich per Du.

 

salto.bz: Was bei den Debatten um Pestizide, Gülle – um die Landwirtschaft insgesamt – auffällt: Ganz schnell schalten sich ganz viele Menschen ein…

Klemens Kössler: Zum Frust-Ablassen (lacht).

 

…und geben den Bauern mehr oder minder gut gemeinte Ratschläge, wie sie denn arbeiten sollten. Erlebt ihr das so?

Andreas Gschleier: Der Bauer ist tatsächlich auch ein Bauernopfer. Ich komme immer mehr drauf, dass die Vielfalt der Betriebe und der Denkweisen unsere Bauerngesellschaft derart stark verändert hat, dass wir es kaum schaffen, über den Tellerrand zu schauen. Deswegen waren und sind Bauern geradezu prädestiniert dafür, dass man mit dem Finger auf sie zeigt und sagt, die bewegen sich nicht! Was auch stimmt, denn wir bewegen uns tatsächlich nicht, wenn wir uns der Frage nicht stellen, ob das, was wir machen, richtig oder falsch ist. Das schließt den Biobauer nicht aus.

Klemens: Ich gebe dir absolut recht. Nachdenken und hinterfragen gehört zum bäuerlichen Beruf eigentlich dazu. Wenn das Jahr vorbei ist, zieht jeder Bauer Bilanz, analysiert und bewertet, was gut gelaufen ist und was weniger. In der Landwirtschaft gibt es aber sehr viel trennende Rhetorik: Auf der einen Seite läuft alles super, auf der anderen alles schlecht. Diese Schwarz-Weiß-Malerei stört mich, sie führt zu Missverständnissen. In der Landwirtschaft gibt es ganz viele Grauzonen.

Andreas: Zum Glück gibt es so viele Schattierungen und nicht nur Schwarz und Weiß. Wir müssen diese Schattierungen nur auch zulassen. Aber natürlich ist das auch schwieriger zu denken.

Klemens: Speziell in unserem Landl. Wir sind zwar das größte Obstbaugebiet, als das wir uns gerne brüsten, aber wir können uns nicht beliebig ausbreiten. Das ist ein Nach-, aber auch ein Vorteil: Die natürlichen Gegebenheiten lassen nicht zu, dass wir die Natur bis aufs Letzte niedermachen.

Andreas: Ansonsten würden wir es wahrscheinlich tun.

Kössler und Gschleier

Gelacht wird an diesem Vormittag viel: Klemens Kössler und Andreas Gschleier in der Stube des Feldhüttenhof

 

Allein unsere Natur würde uns schon zum Nachdenken zwingen?

Andreas: Die kleinstrukturierte Landwirtschaft und die engen Räume sind Fluch und Segen, weil wir uns irgendwann eingestehen müssen, so geht es nicht mehr, wir müssen etwas ändern. Wir wären gern eine Vorzeigelandwirtschaft, aber dafür müssen wir uns unseren Problemen auch stellen.

Klemens: Das sehe ich genauso. Den Problemen stellen und vor allem Freude an der Natur haben. Die kann man schon verlieren, wenn man nur mehr das Produkt sieht und den Hof als Produktionsstätte, wie einen Industriebetrieb. Je mehr mit dem Finger darauf gezeigt wird, desto schlimmer wird es. Anstatt darauf zu zeigen, wie toll manche Bauern Vielfalt schaffen, werden nur die Probleme gesehen.

Andreas: Der Grundsatz in der Landwirtschaft muss sein: Wir müssen dafür sorgen, dass es uns dabei wirklich, wirklich gut geht – nicht nur uns selbst, sondern unserer gesamten Umgebung. Wir wollen einen Mehrwert schaffen und nicht auf Dauer etwas zerstören. Es wird nicht nur die Umwelt, sondern, wie im Moment, Vertrauen zerstört. Daran müssen wir fest arbeiten. Und damit meine ich alle. Der Bauer darf nicht alleine gelassen werden.

 

Fühlt ihr euch alleine gelassen?

Andreas: Unter den Bauern herrscht eine gewisse Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation. Wir sind uns in Südtirol doch einig, dass sich etwas ändern muss, dass wir uns weiterentwickeln müssen. Aber darf nicht heißen, “der Bauer soll das und das tun” und damit hat sich’s. Dennoch wäre es meiner Meinung nach wichtig, dass sich der Bauer fragt, was kann ich tun, jetzt oder in Zukunft, um die Situation für mich selbst und insgesamt zu verbessern. Als allererstes müsste er die Angst verlieren.

 

Angst wovor?

Klemens: Vor Diskussion.

Andreas: Und vor Veränderung. Aber diese Angst hat jeder, nicht nur der Bauer, auch wenn es oft so dargestellt wird. Wenn man in dieselbe intime Sphäre eines jeden Bürgers eindringen würde…

Klemens: Mit Vorurteilen…

Andreas: …und seinen Beruf verändern wollte, wie es beim Bauern passiert, würde der Arzt, der Beamte, der Lehrer, ein jeder sagen, stopp! Wir müssen die Angst vor der Weiterentwicklung verlieren. Ich unterstelle einmal, dass jeder Bauer gerne ein Biobauer wäre, oder besser gesagt ein natürlicher Bauer, der so wenig Mittel wie möglich einsetzt, der viele ökologische Nischen und eine schöne Umgebung schafft, Artenvielfalt hat.

 

Meine Hoffnung ist, dass, sollten irgendwann wirklich alle umstellen wollen, Bio schon nicht mehr die einzige Option sein wird.
(Andreas Gschleier)

 

Warum gibt es dann nicht mehr Bio- bzw. “natürliche” Bauern?

Andreas: Weil die Angst da ist, dass man, wenn die bisherige Arbeitsweise überdacht wird, nicht mehr lebensfähig ist.

Klemens: Dein Vater war einer der Pioniere im Bioanbau. Ich habe mir oft gedacht, so will ich nicht enden – diese Leute haben zum Teil am Hungertuch genagt. Von Bio will ich mindestens leben können. In Südtirol haben wir in den vergangenen drei, vier Jahren ein Niveau erreicht, wo der Biobauer genügend Einnahmen hat, um sich zu finanzieren. Erst wenn der Bauer davon leben kann, wird sich Bio ausweiten.

 

Kannst von deinem Biohof leben, Andreas?

Andreas: Mittlerweile kann nicht nur meine Familie von diesem Hof leben, sondern fast zwei weitere Familien. Wir sind kein kleiner Betrieb mehr – was Vor- und Nachteile hat. Aber vor allem denke ich, dass gerade in der Bio-Landwirtschaft gute Spezialisierung wichtig ist, damit man seine Arbeit gut machen kann.

Andreas Gschleier

Andreas Gschleier:

Nehmen wir den Menschen die Angst, sich weiterzuentwickeln. Was nicht unbedingt heißt, biologisch wirtschaften, sondern die Landwirtschaft so weiterzuentwickeln, dass sie wieder einen Mehrwert bietet. Aber der Bauer allein kann nicht die gesamte Gesellschaft umkrempeln.

 

Laufen die Bauern durch zunehmende Spezialisierung nicht Gefahr, den Blick auf das große Ganze, das die Landwirtschaft darstellt, zu verlieren? Und entfernen sich auch von den Konsumenten und der Gesellschaft?

Klemens: Absolut. Produzent und Konsument haben sich voneinander entfernt, weil der Lebensmittelhandel dazwischen getreten ist. In den 1950er Jahren bezogen die Leute ihre Lebensmittel beim Bauern direkt. Dadurch fanden Kontakte und Gespräche statt. Damals war es auch so, dass eine Missernte vom Konsumenten unmittelbar gespürt wurde. Weil es dann nichts zu essen gab. Während heute die Globalisierung mit sich gebracht hat, dass es komplett egal wäre, wenn unsere Ernte total ausfallen würde – die Menschen würden es im Geschäft nicht merken. Der Handel federt alles ab. Was einerseits positiv ist, weil zumindest in Europa die Lebensmittelversorgung garantiert ist.

Andreas: Bei der Spezialisierung gebe ich dir vollkommen recht. Sie erlaubt einem zwar, sich der Arbeit besser zu widmen, aber die Kehrseite ist tatsächlich, dass der Bezug zum Gesamten fehlt. Und man ist sehr ausgeliefert. Man merkt zum Beispiel nach einem Hagelschlag, welch persönlicher Verlust das ist: Nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sondern eine persönliche Niederlage. Genau deshalb, glaube ich, liegt in der ganzen Diskussion eine derartige Brisanz beim Bauern: Er ist sehr, sehr verletzlich in dem, was er tut. Das, was dort draußen wächst, ist alles, was er hat! Daher muss man schon aufpassen, wenn man dem Bauern etwas vorwirft, man muss verstehen, dass man ihn damit persönlich verletzt. Die tiefe gesellschaftliche Verankerung der Landwirtschaft ist in letzter Zeit leider durch viele Faktoren abhanden gekommen. Der Bauernstand ist in der Gesellschaft verankert, aber die Produktion, von der er lebt, ist es nicht mehr. Das ist ein großes Problem.

Klemens: Das ist gut getroffen. Wir sind ebenso Teil der Gesellschaft, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, die Gesellschaft drängt einen hinaus.

 

Die Sensibilität für eure Arbeit schwindet? Niemand versteht die Bauern?

Andreas: Niemand hat mehr Einblick, was es heißt, was der Bauer macht. Einst wusste jeder, was es bedeutet, Bauer zu sein, der Bezug zur Landwirtschaft war unmittelbarer, inzwischen ist er völlig abstrakt. Wenn ich im Supermarkt einkaufe, verstehe ich nicht, woher das Zeug kommt, das ich kaufe. Der Bauer ist extrem von der Gesellschaft abgedriftet, man kann sogar sagen, abgedrängt worden. Und deswegen sind die Fronten jetzt auch so verhärtet. Im Moment kommt man einfach nicht mehr zusammen.

 

Wie zielführend sind an diesem toten Punkt Diskussionen über Hagelnetze, Pestizide etc.?

Andreas: Solche Sachen ergeben sich in einem zweiten Moment, wenn man sich wieder näher ist.

Klemens: Pflanzenschutzmittel werden ein bisschen überbewertet. Für den Bauern ist die Auseinandersetzung mit dem Boden, dem Bodenleben und dem Unterwuchs überaus wichtig. Das finde ich beim Bioanbau toll. Im integrierten Anbau wird dem immer noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, die Beratungsdienste schauen viel zu wenig auf den Boden.

Andreas: Die Auseinandersetzung mit dem Boden ist ein erster Schritt, um das Ganze besser zu verstehen. Der Boden ist global wichtig – was ich mit dem Boden mache, beeinflusst die ganze Atmosphäre, Stichwort CO2-Haushalt oder Verschmutzung von Wasser und Luft. Beim Boden muss ein großer Schritt gemacht werden und meiner Überzeugung nach völlig auf Herbizide wie Glyhposat verzichtet werden. Gibt es in der Sahara fruchtbaren Boden? Nein. Und was machst du, indem du unter deinen Bäumen spritzt? Du schaffst eine künstliche Wüste. Aber wo nichts wächst, entsteht auch nichts Neues. Meiner Ansicht nach hat der integrierte Obstbau das Problem – das ist keine Anschuldigung gegen Einzelne –, dass er momentan in die Situation gedrängt worden ist, dass er Chemiekonzerne für ihre Verfehlungen…

Klemens: Verteidigt.

Andreas: Genau. Das muss man sich vorstellen: Die klein strukturierte Bauernschaft in Südtirol unterstützt Großkonzerne, nicht nur indem sie ihre Produkte kauft, sondern indem sie sie auch noch verteidigt! Anstatt zu hinterfragen, ob es die Konzerne, die den Bauern eine Menge Geld kosten, überhaupt braucht. Wir wollen überall unabhängig sein, aber holen uns Mittel und politisch einflussnehmende Konzerne ins Land, denen wir uns total ausliefern. Das hat doch mit dem alten Unabhängigkeitsgedanken der Südtiroler ganz und gar nichts zu tun. Der Bauernstand muss stark genug sein und sagen: Wir können uns selbst um unsere Landwirtschaft kümmern. Gute Köpfe gibt es ja genug im Land.

 

Müssen die Bauern selbstbewusster werden?

Klemens: Mich stört die Glyphosat-Diskussion – es gehört einfach weg. In Südtirol gibt es so gut wie keine Kulturen, die auf Glyphosat angewiesen wären, wir sind die Allerersten, die darauf verzichten können. Aber dann werden eben andere Herbizide benutzt. Und das ist ein Schmarrn! Es müsste sich in der Bodenbearbeitung mehr tun. Aber die öffentlich finanzierte Forschung rührt sich nicht. Es sind kleine Betriebe, Hersteller von Bodenbearbeitungsgeräten, die Geld und Ideen investieren, um weiterzukommen. Aber öffentlich gefördert wird diese Entwicklung nicht, obwohl sie doch im öffentlichen Interesse sein dürfte. Nein, jeder wird alleine gelassen, wir Bauern müssen uns sündhaft teuere Bodenbearbeitungsgeräte anschaffen – deines, das vor dem Hof steht, hat sicher 30.000 Euro gekostet.

Andreas: In etwa.

Klemens: Das ist eine Menge Geld. Deswegen ist der Einsatz von Herbiziden auch eine Geldersparnis.

Andreas: Und eine Zeitersparnis. Denn der Aufwand mit einem solchen Gerät ist groß. Mit dem Geld, das der integrierte Anbau derzeit mit Standardsorten umsetzt, ist eine solche Investition nicht drin, das muss man schon sagen. Neue Investitionen in Alternativen sind nur möglich wenn ich mich ausbeute. Das merken viele Bauern. Es ist nicht so, dass man nicht will, man kann oft schlicht und einfach nicht. Auch, weil es nicht viele Alternativen gibt.

 

Es geht nicht darum, irgendjemandem die Schuld zuzuschieben, sondern um verstehen und Verbesserung.
(Klemens Kössler)

 

Und zu wenig Unterstützung?

Klemens: Ich kenne zum Beispiel kein Forschungsprojekt in der Laimburg mit dem Namen “Mechanische Bodenbearbeitung verbessern”.

Andreas: Mir fällt auch keines ein.

Klemens: Forschung und Entwicklung laufen in kleinen Betrieben, die eine Idee und die Hoffnung haben, auf Landwirtschaftsmessen vielleicht ein paar Käufer zu finden, die ihnen ihre Ideen finanzieren. Die Öffentlichkeit fordert – und tut nichts! Es müssten auch die Politiker imstande sein, diese Forderungen umzusetzen. Wenn wir ein Umdenken, ein Umstellen haben wollen, dann muss auch die Politik sagen, ok, wir geben gewisse Gelder für Forschung in diese Richtung aus. Dasselbe gilt für die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln, die technisch sicherlich noch verbesserbar ist. Nur: Wer investiert? Welche Forschungseinrichtung investiert, damit wir noch weniger Abdrift haben, dass noch weniger daneben geht?

Andreas: Oder wer hat Interesse daran, in ein Produkt zu investieren, das jedem gehört? Zum Beispiel Schwefel (Schwefelpräparate werden im Bioanbau verwendet, Anm.d.Red.). Keine Chemieindustrie ist daran interessiert, weil sie kein Patent auf einen primären Stoff anmelden kann und finanziell nichts herausschaut. Wenn, dann müsste die Allgemeinheit die Finanzierung dieser Forschung tragen – oder die Bauern selbst. Was lange Zeit passiert ist. Bauern haben sich zusammengeschlossen, um in die Mittelproduktion zu investieren

Klemens: Du sprichst die Mittel an, ich denke auch an die Ausbringungstechnik. Die weltweit besten Hersteller von Sprühgeräten gibt es in Südtirol. Das waren kleine Betriebe, die sich mit den Obstbauern, von denen wir über 5.000 haben, ausgetauscht und mit ihnen gebastelt haben. Gemeinsam hat man es geschafft, Verbesserungen herbeizuführen. Aber es gibt keine öffentliche Institution, die sagt, die Technik muss endlich verbessert werden, um die Abdrift, die es bei uns und bei euch (schaut zu Andreas) genauso gibt, zu minimieren.

 

Wäre es nicht auch Aufgabe einer starken Lobby wie es der Südtiroler Bauernbund ist, Druck zu machen?

Klemens: Das ist sicher wahr. Man kann schon sagen, dass sich der Bauernbund zu sehr auf die Verteidigung des Ist-Zustandes konzentriert – es vielleicht auch muss. Je mehr du angegriffen wirst, desto mehr musst du dich verteidigen, um aus der Ecke, in die du gestellt wirst, wieder herauszukommen. Du kannst dich erst entfalten, wenn du wieder frei stehst. Daher finde ich die ganzen Diskussionen sehr destruktiv. Es wird viel kaputt gemacht.

Andreas: Der Bauernbund ist mit seiner Verteidigungshaltung mittlerweile in eine Scheiß-Position geraten. Auch, weil er es verabsäumt hat, früh genug entgegenzuwirken.

Klemens: Man hat lange den Kopf in den Sand gesteckt, sich gedacht, alles zieht vorbei. Aber irgendwann kocht alles über. Ich habe oft den Eindruck, dass viele Leute, die meinen, alles besser zu wissen, gar keine Ahnung haben, wie komplex die Sache eigentlich ist.

 

Zum Beispiel, dass integrierter und Bioanbau so unterschiedlich gar nicht sind, wie man oft denken könnte?

Klemens: Reden wir ehrlich darüber: Es gibt einen Unterschied zwischen Bio und Nicht-Bio. Aber der heißt nicht: Nicht-Spritzen und Spritzen.

Andreas: Es kann sogar das Gegenteil der Fall sein. Im Obstbau wird mittlerweile ungefähr gleich viel gespritzt. Aber im Weinbau ist es effektiv so, dass bei Bio weltweit viel mehr gespritzt wird als in der integrierten oder konventionellen Produktion. Die Menge an Spritzmitteln hat nichts mit der Anbauweise zu tun.

Klemens: Ebensowenig die Anzahl der Spritzungen. Ich kann vier Spritzmittel in den Panzen füllen und in einem Mal ausbringen oder sorgsam umgehen, damit sie besser wirken. Das eine Mittel wirkt besser wenn es am Vormittag ausgebracht wird, das andere besser in der Nacht oder bei Hitze – und dann fahre ich eben vier Mal. Wer hat es jetzt besser gemacht? Die Umsicht des Bauers an der Anzahl der Spritzungen zu messen, ist Blödsinn. Viele meinen: Macht doch alle Bio! Wegen dem Spritzen. Aber auch der Biobauer muss seine Pflanzenschutzmittel, seine Pestizide – denn das sind Pflanzenschutzmittel nun einmal – ausbringen. Wenn wir die Mittel ausbringen entsteht dabei notwendigerweise diese Wolke, die derart in der Kritik steht.

Klemens Kössler

Klemens Kössler: “Es geht nicht darum, irgendjemandem die Schuld zuzuschieben, sondern um verstehen und Verbesserung”

 

Stichwort: Abdrift.

Klemens: Die Abdrift ist in meinen Augen in erster Linie Verschmutzung und kann genauso wie ein Auto Schadstoffe enthalten. Nur denkt bei den Autos niemand daran, weil ja jeder selbst fährt.

Andreas: Weil du gerade von Autos sprichst, fällt mir etwas ein: Die Diskussion in der Landwirtschaft läuft ja dahingehend, dass man sagt, man will etwas verbessern, die Schadstoffe und die Kontamination verringern. Beim Auto ist die Diskussion eine andere und wird weniger hart geführt. Der Unterschied ist: Wenn ich dem Autofahrer vorschreiben will, dass er nicht Autofahren soll, weil er ja auch eine Abdrift von Schadstoffen verursacht, ist er nicht so tief verletzt wie ein Bauer. Worauf ich hinaus will: Deshalb ist die Diskussion dem Bauern gegenüber so… ich will nicht sagen ungerecht, denn jede Diskussion ist berechtigt, aber sie wird zum Teil ungerecht geführt.

Klemens: Verletzend.

Andreas: Genau. Auf dem Bauern wird herumgehackt, weil man sich selbst nicht verändern muss – verlangt aber von ihm, dass er sich verändert. Hier liegt die Krux der Sache. Es wäre toll, wenn man es schaffen würde, die Leute, die die Diskussion führen, dazu zu bringen, sie auf einer gesamtheitlichen Ebene zu führen. Der Bauer ist Teil der Gesellschaft und er muss sich weiterentwickeln. Aber alles andere muss sich auch weiterentwickeln. Wir dürfen nicht nur die Landwirtschaft in die Pflicht nehmen, auch wenn sie wegen der Aufgaben, die sie erfüllt, ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig ist. Gerade deshalb wird sie auch derart in die Mangel genommen. Die Diskussion finde ich gut, die Art der Diskussion weniger – die Verantwortung muss auf alle abgewälzt werden.

 

Mangelt es an Kommunikation zwischen Landwirten und Nicht-Landwirten? Woher kommen Unwissen, Missverständnisse und falsche Vorstellungen von der Landwirtschaft?

Klemens: Wenn jemand wissen will, hat er die Möglichkeit, sich zu informieren. Es ist nicht so, dass es die nicht gäbe…

Andreas: Es ist halt sehr schwer. Wenn man nicht damit aufwächst, sind es sehr komplexe Abläufe, die man verstehen muss, um die Obstwirtschaft zu verstehen. Der Apfelbaum schaut so einfach aus, aber der Apfel ist eine der am schwersten zu produzierenden Obstsorten. Zum Baum kommt der Boden, das Wasser, Negativeinflüsse wie Schädlinge und Krankheiten, die Witterung, die technischen Voraussetzungen und so weiter. Wir können alles erzählen und noch so offenlegen, aber wirklich verstehen wird es jemand erst, wenn er tatsächlich damit zu tun hat.

Klemens: Dabei ist Kommunikation grundlegend. Mein Hof liegt zwischen anderen landwirtschaftlichen Betrieben und mit meinen Nachbarn habe ich vereinbart, dass sie mir ein SMS schicken wenn sie Pflanzenschutzmittel ausbringen. Das ist auch eine Art der Kommunikation und Rücksichtnahme.

Andreas: Und schon ein guter Ansatz. Man muss nicht über Mittel diskutieren, sondern eine Grundlage für ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn und der Umwelt schaffen. Dann geht der Rest viel leichter. Die Mittel sind eigentlich das kleinste Problem. Das viel größere haben wir, wenn wir die Grundsätze des guten Zusammenlebens nicht pflegen. Wir müssen gesellschaftlich gesehen gut zusammenarbeiten, wurscht, ob der andere ein biologischer, ein integrierter oder überhaupt kein Bauer ist. Jeder ist Mensch. Die Chancen dazu gibt es in Südtirol. Wir müssen uns nur alle dafür öffnen. Angefangen dabei, dem Bauern Wertschätzung entgegenzubringen und sein Umdenken zu honorieren.

 

Nehmen wir den Menschen die Angst, sich weiterzuentwickeln. Was nicht unbedingt heißt, biologisch wirtschaften, sondern die Landwirtschaft so weiterzuentwickeln, dass sie wieder einen Mehrwert bietet. Aber der Bauer allein kann nicht die gesamte Gesellschaft umkrempeln.
(Andreas Gschleier)

 

Bauern, die umdenken, vielleicht auf Bio umstellen, sollen finanziell kräftig unterstützt werden?

Klemens: Als Bauer gebe ich eigentlich nichts auf Subventionen, aber wenn die Gesellschaft will, dass Landwirtschaft einer bestimmten Richtung folgt, sind Subventionen meiner Meinung nach gerechtfertigt.

Andreas: Beim Thema Subventionen bin ich auch skeptisch und bezweifle, dass sie einen derart großen Einfluss haben. Wertschätzung passiert aber nicht nur über Geld. Wir sind nicht zufriedener, weil viel Geld da ist, sondern in den meisten Fällen, wenn es unseren Betrieben gut geht, wenn wir es schaffen, eine ökologisch wertvollere Umwelt für Mensch und Tier zu schaffen. Das ist ein großer Unterschied. Die Wertschätzung muss so weit gehen, dass sich der Bauer nicht mehr nur über seinen monetären Profit definieren kann, sondern dass er den Profit, den er in der Gesellschaft schaffen könnte, wenn er anders arbeiten würde, honoriert bekommen würde. Wie es in allen anderen Bereichen auch sein sollte. Ich komme darauf zurück, was wir vorhin beide gesagt haben: Wir müssen als Gesellschaft wieder näher zusammenrücken. Wir dürfen den Bezug zu den einzelnen Wirtschaftszweigen nicht verlieren. Wenn ich weiß, wo mein Essen herkommt, will ich ja auch wissen, was dort passiert. Ich will, dass ehrlich mit mir umgegangen wird, genauso wie der Produzent will, dass man ehrlich mit ihm umgeht. In diesem Sinne haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Klemens: Das hat vielleicht auch mit einer menschlichen Entwicklung von uns Bauern zu tun: Wir müssen lernen, über uns und unsere Arbeit zu reden. Ich kenne Biobauern, die, wenn es um Pflanzenschutz geht, einfach schweigen. Du bist da ganz offen, Andreas. Andererseits habe ich Kollegen im integrierten Anbau, die bei dem Thema sofort über andere schimpfen. Das ist auch nicht ehrlich – und bringt uns nicht weiter. Anstatt nur Negatives anzuhäufen, müssen wir uns hinstellen, sagen, was wir tun und dazu stehen. Ich glaube, dass wir auf beiden Seiten (blickt zu Andreas) dazu stehen können. Was nie bedeutet, dass die Entwicklung fertig ist. Nein, die Entwicklung muss weitergehen! Bei all den Diskussionen in der Öffentlichkeit, und auf Facebook sowieso, bekommt man den Eindruck, dass die Bauern seit 50 Jahren stillstehen, dass sie stur sind und nur mit Scheuklappen geradeaus schauen. Das ist einfach gar nicht wahr.

 

Kann das ein Bauer überhaupt? Veränderungen ignorieren und starr voranschreiten?

Klemens: Nein, das geht gar nicht, theoretisch kann er gar nicht stehen bleiben.

Andreas: Man ruht sich aber doch oft zu sehr aus, sagt: “Es ist eh alles in Ordnung”. Diese Haltung ist der erste Schritt, um sich nicht weiterzuentwickeln. Als Bauer muss ich Demut zeigen und die Präpotenz ablegen, zu sagen, das ist “mein” Grund und Boden, denn das ist nicht so. Das ist “unser” Grund und Boden. Wenn ich eine ökologische Nische schaffe oder meinen Betrieb ökologischer gestalte, profitieren alle davon. Umgekehrt wird allen geschadet, wenn ich ihn nicht ökologisch gestalte.

Klemens: Man darf nicht vergessen, dass auch die Natur nicht statisch ist und sich verändert: neue Schädlinge treten auf, Resistenzen werden wieder gebrochen…

 

Dafür werden unter anderem auch die Monokulturen im Obstanbau verantwortlich gemacht.

Andreas: Die Monokultur findet nicht auf den Wiesen statt, sondern im Kopf. Es braucht einfach einen gesellschaftlichen Wandel: Hinterfragen wir, ob das, was wir tun, überhaupt noch Sinn macht. Das gilt für den Tourismus ebenso wie für den Verkehr, die Politik und die Bildung. Ich nehme den Bioanbau gleich in die Mangel wie den integrierten Obstbau, aber alle anderen gesellschaftlichen Bereiche auch. Wenn wir es schaffen, die Diskussionen einer nachhaltigen Entwicklung auf alle Bereiche umzulegen, waren wir erfolgreich. Aber wenn wir das verabsäumen und den Bauern allein für Probleme verantwortlich machen, haben wir als Gesellschaft eine große Chance verpasst.

 

Es braucht Veränderung, das sagt ihr beide…

Andreas: Es muss wieder eine Wertschätzung des Produzenten durch den Konsumenten möglich sein. Und umgekehrt. Das fehlt momentan. Der Bauer sagt: Ja was wollt ihr denn von mir? Ich habe alles getan, was gesetzlich vorgeschrieben ist…

Klemens: …und jetzt ist es immer noch nicht genug!

Andreas: Und der, der die Lebensmittel isst, sagt hingegen, warum tut ihr nicht anders? Aber er sieht auch nicht die Ursachen für die Probleme, die es gibt.

 

Ist Bio der einzige mögliche Weg, um die Landwirtschaft weiterzuentwickeln?

Andreas: Für mich ist die biologische Landwirtschaft die einzig mögliche Entwicklung im Moment. Aber nicht inhaltlich, sondern weil es klare Regeln gibt. Je klarer die Regeln, desto besser können wir damit arbeiten.

 

Gibt es im integrierten Anbau keine klaren Regeln?

Andreas: Doch, aber sie sind nicht in Stein gemeißelt.

Klemens: Spielregeln gibt es auch im integrierten Anbau, sie sind aber etwas weiter gefasst als im Bioanbau. Bio bedeutet ja “Reduzierung der Hilfsmittel”, dieser Ausdruck gefällt mir. Wenn ich weniger Hilfsmittel habe, muss ich mich darauf konzentrieren, wie ich sie besser einsetzen kann. Denn je weniger wir auch Mittel ausbringen müssen, desto besser – das verstehen wir alle.

Andreas: Der integrierte Obstbau hat bei uns schon einen Sprung gemacht. Aber im Moment betoniert man sich ein: “Wir haben schon einen Sprung gemacht, warum müssen wir jetzt schon wieder einen machen?” Das ist ein Fehler. Für mich ist Bio im Moment die einzige angebotene Weiterentwicklung.

Klemens: Andreas hat es richtig getroffen. Wobei ich nicht glaube, dass irgendwann flächendeckend alles biologisch produziert wird. Immerhin gibt es 5.000 verschiedene Meinungen. Und der Konsument muss auch mitgehen.

Andreas: Bei 5.000 Obstbauern sind es wahrscheinlich 6.000 Meinungen (beide lachen).

Klemens: Ob es Sinn macht, alles auf Bio umzustellen, ist fraglich. Schließlich entwickelt sich alles weiter, jeder hat seine Baustellen. Und jeder weiß, dass er an der eigenen Baustelle weiterarbeiten muss. Bio entwickelt sich auch weiter, es ist nicht so, dass man sagt, “das ist Bio” und wir müssen jetzt alle dasselbe machen. Das wäre schon wieder falsch, auch weil sich da draußen alles verändert.

 

Häufig wird Bio dennoch plakativ als Allheilmittel, als Lösung für sämtliche Probleme in und mit der Landwirtschaft dargestellt: Wenn alle auf Bio umstellen, gibt es auch keine Schwierigkeiten mehr.

Andreas: Das kann keine Lösung sein, weil kein Anbau stehen bleiben darf.  Zu sagen, Bio wäre ein Allheilmittel, ist falsch. Es gibt im Bioanbau genauso viele schlechte Bauern wie im integrierten Anbau. Man darf den Biobauer nicht in den Himmel heben. Denn was passiert, wenn man das Modell “Bio” derart erhöht? Es entwickelt sich nicht mehr weiter. Zweitens müssen die Menschen frei sein in dem, was sie tun. Es braucht nur gewisse Regeln, die auch das Vorsorgeprinzip berücksichtigen. Ich soll so wenig andere wie möglich durch mein Tun in Mitleidenschaft ziehen. Das sollte das Grundprinzip sein, nicht “Bio ist richtig”.

Klemens: Oft habe ich den Eindruck, dass Bio für viele ein Feigenblatt ist. Ich verreise zehn Mal im Jahr mit dem Flugzeug, aber kaufe ja Bio, um der Umwelt etwas Gutes zu tun – und ignoriere die Flugreisen. Ist dann Bio nicht ein Feigenblatt?

Andreas: Bio ist definitiv ein Feigenblatt. Auf der einen Seite ist es auch gut so, weil es immerhin eine Nische ist. Viel mehr als den Genitalbereich schaffen wir ja nicht abzudecken – wie ein Feigenblatt (beide lachen). Aber es wäre schön, wenn sich der Gedanke dahinter weiterentwickeln würde.

Am Feldhüttenhof

Fachsimpeln zwischen Bäumen: Nach dem Gespräch bleibt den beiden Bauern kurz Zeit für ein Besuch auf den Bio-Apfelwiesen von Andreas Gschleier.

 

Andreas hat vorhin behauptet, dass jeder Bauer im Grunde gern Biobauer wäre.

Andreas: Das ist eine Provokation meinerseits (lacht).

 

Wärst du gern Biobauer, Klemens?

Klemens: Wenn das bedeutet, eine Zertifizierung zu haben, wäre nicht jeder Bauer gern Biobauer. Aber wenn es bedeutet, mit so wenig Spritzmitteln wie möglich auszukommen, sich über den Boden Gedanken zu machen und jedes Mal, wenn ich in die Wiese gehe, Schmetterlinge zu sehen, dann stimme ich ihm zu. Denn damit hat jeder Bauer Freude und überlegt sich vielleicht, das “Abenteuer Bio”, wie ich es immer nenne, zu wagen. Ich auch.

 

Zurück zur Natur also?

Andreas: Der tiefe Wunsch eines jeden Bauern ist, so zu arbeiten, wie es dir die Natur vorgibt, mit so wenig Fremdmitteleinsatz wie möglich. Deshalb habe ich das so provokativ formuliert – weil sich jeder Bauer danach sehnt. Und ich hoffe, dass es der Bioanbau schafft, sich noch lange in diese Richtung weiterzuentwickeln. Genauso wie ich das für andere Anbauweisen auch hoffe.

 

Ein Wort, das sich mir im Laufe des Gesprächs eingeprägt hat, ist Wertschätzung. Ihr sagt, die Gesellschaft muss den Bauern eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen muss. Wie schaut es mit der Wertschätzung füreinander unter den Bauern aus?

Klemens: Es gibt Bauern, die sich gegenseitig schätzen und Bauern, die sich nicht schätzen. Biobauern wurden eine Zeit lang als Spinner angesehen, aber es hat doch eine Entwicklung gegeben, man wächst schon ein wenig zusammen. Die momentane, sehr erhitzte Diskussion schädigt aber mehr als dass sie Gutes bringt. Auch wenn sie jeden Bauern zum Nachdenken bringt, aber viele machen einfach zu, verfolgen keine Nachrichten mehr, weil sie das Ganze satt haben. Das ist auch nicht die richtige Entwicklung. Abgesehen davon, es gibt ja immer mehr Biobauern.

 

Wir sind auch Teil der Gesellschaft, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, die Gesellschaft drängt einen hinaus.
(Klemens Kössler)

 

Siehst du die Biobauern als Bedrohung?

Klemens: Nein, habe ich nie. Warum auch? Der Bioanbau, der sich ausbreitet, ist ja keine Gefahr für mich. Eher bin ich für den Biobauer eine Gefahr, weil ich mit meiner Abdrift seine Produkte verschmutze. Ich kann mich höchstens über die wundern, die immer quer denken wollen, die ja nichts so machen wollen, wie es andere machen. Aber Bio ist für Nicht-Bio keine Bedrohung. Im Gegenteil, wir können viel voneinander lernen. Daher habe ich auch vor einiger Zeit einen entsprechenden Kurs besucht. Nicht, weil ich meinen Betrieb umstellen wollte, sondern weil es mich interessiert hat. Und ich muss sagen, dass ich viel Nützliches mit nach Hause genommen habe. So manchen Biobauern wertschätze ich, bei anderen sage ich mir, mein Gott, der ist eben so, wie er ist. Aber das hängt mit dem Charakter zusammen, nicht damit, dass er Biobauer ist.

Andreas: Ich glaube, dass es allen voran wichtig ist, den Menschen zu schätzen. Als Bauer habe ich Konflikte mit Nachbarn, die mich persönlich auch treffen. Aber das sind persönliche Auseinandersetzungen, die nichts mit der Anbaumethode zu tun haben. Außerdem glaube ich, dass man, wenn jemand etwas anders machen will, die Provokation dahinter auch ein bisschen vertragen muss. Die Glyphosat-Attacken auf Apfelanlagen im Vinschgau fand ich schlecht, aber der Glyphosat-Schriftzug auf den Talferwiesen war genial.

Klemens: Stimmt.

Andreas: Das war ein Kunstobjekt! Vergleichbar mit dem ersten Bleistift, der “Bleistift” auf ein Blatt Papier geschrieben hat. Sich Gedanken machen, was das Mittel, das man einsetzt, eigentlich bewirkt, ist genial. Ich bin der Meinung, dass man manchmal etwas lockerer sein muss. Bei den vielen erhitzten Diskussionen muss man das Ganze auch mit etwas Humor nehmen können. Auch wenn Bauern aus den Gründen, die ich genannt habe, sehr verletzlich sind – wenn man sich den Humor nicht bewahrt, ist man sowieso verloren. Deswegen finde ich auch die Klage von Landesrat Arnold Schuler nicht gut, weil der Humor abhanden gekommen ist. Ich verurteile niemanden für seine Handlungen, weil es für alle Entscheidungen sicher Gründe gibt. Ich will auch nicht sagen, dass Schuler etwas falsch gemacht hat, sondern dass es für alle besser gewesen wäre, wenn er darüber hätte lachen können.

Klemens: Jetzt sind wir einmal konträrer Meinung, denn das finde ich nicht. Ich habe die Klage mit unterschrieben, weil ich selbst in Gesprächen, auch mit Touristen, gemerkt habe, dass immer wieder die Frage kam: “Warum machen Sie da nicht mehr dagegen?” Viele würden es als Bestätigung sehen, wenn nicht geklagt würde

 

Eine Bestätigung für Alexander Schiebel, wegen dessen Buch geklagt wird?

Klemens: Wenn nicht geklagt wird, wird er schon recht haben – diesen Eindruck könnte man bekommen. Ich persönlich bin der Meinung, dass sich da jemand gern ins Rampenlicht stellen will, aber eine rote Linie überschritten hat. Wenn du wichtig sein will, kannst du dich nackt in München auf den Marienplatz stellen, aber du greifst andere nicht an.

Andreas: Das hättest du ihm sagen können! Genau das meine ich mit Humor. Wir tun uns einfach schwer, Sachen nicht so persönlich zu nehmen. Und wenn wir uns wehren wollen, sollten wir es auf humorvolle und originelle Art und Weise machen. Dann kommen wir auch aus der Verteidigungshaltung heraus. Man darf sich nicht aus der Reserve locken lassen noch in eine ausschließliche Verteidigungshaltung hineindrängen lassen.

 

Bleibt die Frage, wieviel Humor sich ein Politiker leisten kann.

Andreas: Der Arnold ist ein sehr humorvoller Mensch, ich schätze ihn persönlich sehr – auch wenn wir anderer Meinung sind. Als Mensch ist er sicher der beste Landwirtschaftslandesrat seit Langem.

Klemens: Aber die Malser Diskussion ärgert mich schon, viel mehr als ein Hagelschauer! Gegen den Hagel kann ich nichts machen, höchstens Netze spannen. Aber dort oben wird mit Lügen, Populismus und Selbstdarstellung gearbeitet. Die Ebene einer aufrichtigen Diskussion ist schon lange verlassen worden. Wenn die Malser die Schneid hätten zu sagen, wir lassen aus Landschaftsschutzgründen keine Raumkultur zu, wären sie ehrlich. Aber nicht mit den Pestiziden kommen.

Andreas: Von außen sagen sich viele Dinge so leicht. Ich wohne ja in Auer und nicht in Mals und finde, man sollte etwas Milde walten lassen. Die Malser werden schon ihre Gründe gehabt haben. Was das Niveau der Diskussion angeht, gebe ich dir recht, Klemens.

Klemens: Die Malser können in ihrer Gemeinde machen, was sie wollen, von mir aus. Aber sie wollen ihr Beispiel ja nach außen tragen, eine weltverändernde Rolle spielen, damit sie schadlos aus der Sache herauskommen – das passt mir nicht: Warum muss man mir auf die Nerven gehen, nur weil ihr dort oben Scheiße gebaut habt?

Andreas: Es ist verzwickt (beide lachen).

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Commenti

Ritratto di Markus Lobis

Danke, salto.bz und Lisa Maria Gasser, für diesen grundlegenden und wichtigen Beitrag. Er verdichtet mehr oder weniger alle Aspekte der aktuellen tiefgreifenden Debatte in einem Gespräch. Das hat bisher noch kein Südtiroler Medium geschafft!

Das wirklich ausführliche Gespräch hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Andi Gschleier kenne und schätze ich schon länger, zumindest aus der digitalen Ferne/Nähe. Mich freut aber auch die konziliante und nachdenkliche Haltung von Klemens Kössler, den ich bisher viel aggressiver und untergriffiger erlebt habe. Vielleicht haben wir beide in manchen Hahnenkämpfen auf unbedeutenden Neben-Threads über das Ziel hinausgeschossen und uns in eine unselige Dynamik treiben lassen. Ich will mich in Zukunft noch mehr als bisher darum bemühen, den Dingen sachlich auf den Grund zu gehen und die Debatte vor allem durch Fragen anzufachen.

Beim Malser Teil blitzt der "alte" Kössler durch, den ich seit geraumer Zeit aus dem Internet kenne. Dass die Anzeigen gegen Alexander Schiebel, das Umweltinstitut und den OEKOM Verlag nur reiner Aktionismus sind, die jeglicher juristischer Grundlage entbehren, kann man auch aus Kösslers Antwort herauslesen. Und: Dass es für Südtirols Landwirtschaft und das ganze Land noch sehr peinlich werden könnte, wird wohl vorauseilend verdrängt, in der Hoffnung, dass dies erst nach den Landtagswahlen erfolgen wird.

Das Gespräch auf salto.bz. - gut dass es diese Plattform gibt! - lässt etwas Hoffnung keimen, dass wir grad am Anfang eines grundlegenden Dialogs stehen, der uns in den nächsten Jahren nach anfänglichem Abblocken und Einbetonieren doch noch auf den richtigen Weg bringen könnte.

Dass nicht nur die Landwirtschaft grundlegend ökologisiert werden muss, sondern auch ALLE anderen Lebensbereiche, sollten wir dabei als unverrückbare Prämisse betrachten.

+1-11
Ritratto di Manfred Klotz

Na ja Markus, wenn du aus der Aussage "Wenn nicht geklagt wird, wird er schon recht haben – diesen Eindruck könnte man bekommen. Ich persönlich bin der Meinung, dass sich da jemand gern ins Rampenlicht stellen will, aber eine rote Linie überschritten hat. Wenn du wichtig sein will, kannst du dich nackt in München auf den Marienplatz stellen, aber du greifst andere nicht an." heraus liest, dass Klemens Kössler der Meinung ist, die Anzeige entbehre jeder juristischen Grundlage, dann weiß ich nicht so recht, ob du da nicht eher etwas hinein interpretierst was du gerne hättest.

Ritratto di Klaus Griesser

Auch meinen herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten zu diesem Musterbeispiel einer offenen Diskussion zwischen Bauern! Das kommt meinem Traum entgegen einer wissenschaftlich fundierten Diskussion um die Abkehr von der derzeitig gesundheits- und naturschädlichen Ausrichtung der Südtiroler Landwirtschaft.
Eine Anmerkung zur Diskussion erlaube ich mir aber bezüglich Mals: es geht auch um eine schöne Landschaft, die es zu verteidigen gilt, aber noch viel mehr um eine große Grünfläche, deren Mikroorganismen nicht durch synthetische Chemikalien dezimiert sind - nach meinen Informationen würde es zig Jahre brauchen, bis so ein ruinierter Boden wieder seine ursprüngliche Fruchtbarkeit bekommt. Dem vorzubeugen ist sehr weitblickend von den Malsern, und es ist eigentlich die größte Schande für die Verantwortlichen des Landes, dies nicht verstehen zu wollen und die Malser Gemeinde dafür zu drangsalieren, dass sie ihr Gebiet pestizidfrei halten will. Die Anzeigenkampagne gegen Schuler ist m.E. Teil der offiziellen Strafmaßnahmen gegen Mals.

Ritratto di Karl Trojer

Wunderbar, wie einfach und klar bäuerliche Weiheit sein kann !

Ritratto di gelber enzian

Bravo!
den beteiligten und den anerkennden nicht-bäuerlichen komentatoren.
bravo auch salto, daß die möglichkeit geboten wird "zuzuhören"
ich führe solche gespräche mit den unterschiedlichen coleurs mindestens einmal die woche
die bauern untereinander verstehen sich großteils gut
wir haben im tal vier (4) !! hersteller von bodenbearbeitungs- bzw. unterstockgeräten
hauptklientel: ip-bauern
sobald etwas funktioniert wird es integriert und damit gearbeitet
die zertifizierung ist mir wurscht: auf das wesentliche kommt es an!
wer seinen selbstwert nur über die grüne tafel an der hauswand generiert ...

Ritratto di Michael Bockhorni

wirklich ausgezeichneter Artikel. Ich selber bin in der Stadt aufgewachsen und hab erst über mein Engagement für die Umwelt die Situation der Bauern kennengelernt und großen Respekt vor ihrer Arbeit bekommen. Ich habe mich auch immer für die Aufklärung der Konsumenten eingesetzt. Denn neben Bauern, Bauernverbände, Agroindustrie und Handel (siehe Leserbrief von Josef von Elzenbaum in der ff 43) spielen auch sie eine Rolle und haben dementsprechend Verantwortung für die Entwicklungen.

Ritratto di Versuchszentrum Laimburg

Anders als im Interview dargestellt laufen am Versuchszentrum Laimburg in der Tat mehrere Projekte und Tätigkeiten, in denen es um die Verbesserung der Bodenbearbeitung geht:

Im Rahmen des Bestrebens den konventionellen Obstbau noch umweltverträglicher zu gestalten führt die Arbeitsgruppe „Boden, Düngung und Bewässerung“ das fünfjährige Projekt „Prüfung von Maßnahmen zur Baumstreifenpflege als Alternative zum Herbizideinsatz im Apfelanbau“ durch. Ziel des Projekts ist es, mögliche Alternativen zum Einsatz von Herbiziden bei der Baumstreifenpflege zu identifizieren. Dazu werden einige bereits im ökologischen Anbau bewährte Geräte (Krümler, Bürstmaschinen, Scheibenpflug) im Einzeleinsatz oder in Kombination miteinander mit dem Einsatz von Herbizid zur Baumstreifenpflege verglichen. Das Augenmerk liegt dabei sowohl auf der Ertragsleistung der Pflanzen als auch auf dem Arbeits- und Kostenaufwand.

Darüber hinaus arbeitet die Arbeitsgruppe „Ökologischer Anbau“ bereits seit 1995 im Rahmen einer dauerhaften Tätigkeit an der Optimierung der Bodenpflege und Nährstoffversorgung im Ökologischen Obst- und Weinbau.

Das laufende Projekt „Bodenaktivierung II“ unserer Arbeitsgruppe „Physiologie und Anbautechnik“ hat bereits deutlich gezeigt, dass die Gründüngung positive Auswirkungen auf sehr steinhaltige und humusarme Böden hat. Dabei wurde der Humusgehalt auch in den tieferen Bodenschichten erhöht sowie die Stickstoffverfügbarkeit für die Rebe bedeutend verbessert. Diese veränderten Bodeneigenschaften konnten auch in den Mostinhaltstoffen der Beeren wiedergefunden werden.

Ein anderes laufendes Projekt ist das vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderte Projekt „WOOD-UP“, das das Versuchszentrum Laimburg zusammen mit der Freien Universität Bozen bearbeitet. Hier untersuchen wir unter anderem, inwiefern Biokohle als Bodenverbesserungsmittel verwendet werden kann, um die Produktivität und Qualität der heimischen Apfel- und Weinanlagen zu verbessern und die Effizienz beschränkter Ressourcen (Wasser, Nährstoffe) sowie die Kohlenstoffbindung im Boden zu steigern. Auf diese Weise sollen die Auswirkungen des Klimawandels abgemildert werden.

Zum Thema Herbizideinsatz im Weinbau arbeitet das Versuchszentrum Laimburg schon seit vielen Jahren. Im laufenden Projekt „Konkurrenzschwache Einsaaten für den herbizidfreien Unterstockbereich zur Arbeitsminimierung“ geht es beispielsweise um das Problem des Herbizideinsatzes in den Stockreihen, das noch nicht vollständig gelöst ist. Es werden zwar laufend neue Geräte für die mechanische Bearbeitung von Stockreihen entwickelt, jedoch sind diese bereits für relativ niedrig terrassierte Anlagen, geschweige denn für terrassierte Steilhanglagen nur bedingt einsetzbar. Eine mögliche Lösung des Problems könnte in der Ansiedelung niedriger konkurrenzschwacher Pflanzen im Unterstockbereich liegen.

Darüber hinaus laufen zahlreiche Aktivitäten zur Abdriftminderung.
Abdriftminderung und Herbizidersatz sind dabei jedoch nur zwei Aspekte im großen Themenkomplex einer nachhaltigen Landwirtschaft, der wir größte Bedeutung beimessen.

Weitere Informationen zu diesen und anderen Projekten finden sich auf unserer Webseite www.laimburg.it

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