Scham
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hingeschaut

Ungewollt außer Kontrolle

Wenn aus Vertrauen Bedrohung wird: Die Uni Bozen lässt mit einem Projekt zu Rachepornos aufhorchen. “Es geht um die Würde des Menschen”, sagt Präsidentin Tappeiner.
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So simpel das Wort klingen mag – Racheporno. So komplex ist das Phänomen dahinter. Es geht nicht immer um Rache. Und es geht nicht immer um Pornografie im engeren Sinn. Aber es geht immer um die Verletzung der Privat- und Intimsphäre, den Missbrauch von Vertrauen und die Ausübung von Gewalt und Macht in den verschiedensten Formen. In den allermeisten Fällen sind die Opfer Frauen, die Täter Ex-Partner. Mit dem komplexen Phänomen des “Revenge Porn” setzen sich nun Wissenschaftler der Freien Universität Bozen in einem Forschungsprojekt auseinander. Gemeinsam mit internationalen Experten und der Postpolizei. Dabei stehen die Frage nach dem Warum und die Antworten des Gesetzgebers im Zentrum.

Von “Revenge Porn”, also Rachepornos, spricht man, wenn intime Fotos oder Videos entweder als Druckmittel verwendet werden – “wenn du mich verlässt, verbreite ich die Bilder” –, zur Erpressung, um an Geld zu gelangen oder als reiner Racheakt ohne die Einwilligung der betroffenen Person im Internet verbreitet werden. Die Methoden werden immer perfider: Es gibt organisierte Gruppen, die über Chats in sozialen Netzwerke an intimes Material gelangen oder mit Fotomontage das Gesicht einer Person in einen pornografisches Foto oder Video einsetzen, die damit dann erpresst wird.

 

In Südtirol wenig Fälle?

 

Acht Anzeigen in einem Jahr hat es zuletzt deswegen bei der Postpolizei in Bozen gegeben, berichtet Oberinspektor Ivo Plotegher. Konkret seien es Fälle gewesen, bei denen intime Fotos, zum Teil samt Namen und anderen persönlichen Daten, auf Dating-Websites für Erwachsene oder Portale mit pornografischen Inhalten geladen wurden.

“Bisher hat das Phänomen in Südtirol keine besorgniserregenden Ausmaße angenommen, wohl auch, weil wir in den Schulen viel Sensibilisierungsarbeit leisten, etwa im Umgang mit neuen Medien”, so das Fazit von Plotegher.

“Sind die Fotos oder Videos einmal weitergeleitet oder im Netz, verliert man die Kontrolle darüber.”
(Ivo Plotegher)

Nichtsdestotrotz will man hinschauen – um zu verstehen und um reagieren zu können. Seit wenigen Monaten liegt dem Parlament ein Gesetzentwurf vor, der die “Pornorache” als Straftatbestand einführen soll. Vorgesehen sind Haftstrafen von ein bis sechs Jahren und Geldstrafen von 5.000 bis 15.000 Euro. Am 3. April hat die Abgeordnetenkammer dem Gesetzentwurf zugestimmt. Nun muss der Senat darüber befinden.

Mit dem Gesetzentwurf bzw. ob ein strafrechtliches Instrument im Falle von Rachepornos überhaupt notwendig ist, damit werden sich die Forscher um Kolis Summerer auch auseinandersetzen. Die Professorin für Strafrecht in Bozen hat das Projekt in die Wege geleitet und sagt: “Wir werden prüfen, ob es möglich ist, bei solchen Delikten auf bestehende Strafrechtsbestimmungen – wie jene zu Sexualdelikten, Kinderpornografie und Verletzungen der Privatsphäre – zurückzugreifen.”

 

Täter und Opfer beleuchten

 

Neben der juridischen Ebene soll vor allem die psychologische Seite des Phänomens untersucht werden. Was treibt jemanden dazu, intime Fotos oder Videos im Internet zu teilen? Warum lassen sich – auch junge – Menschen darauf ein, dass sie bei sexuellen Handlungen oder in ähnlich intimen Momenten aufgenommen werden? Und was sind die psychologischen Folgen, wenn diese Bilder ohne Einwilligung der Beteiligten veröffentlicht werden? Wie gehen die Opfer mit der Scham und dem möglichen Konsequenzen in Privat- und Berufleben um?
Noch gut in Erinnerung ist der Fall von Tiziana C. Die 31-jährige Neapoletanerin nahm sich 2016 das Leben. Weil sie monatelangem Cybermobbing ausgesetzt war nachdem ihr Ex-Freund ein privates Sexvideo veröffentlicht hatte – samt Vor- und Nachnamen jungen Frau.

Revenge Porn unibz
“Es geht nicht immer um Rache und nicht immer um Pornografie im engeren Sinn”: Kolis Summerer (1.v.l.) leitet das Forschungsprojekt “Vertrau mir, es ist nur für mich. Kriminalisierung des Revenge Porn” (Foto: salto.bz)
“Es geht nicht immer um Rache und nicht immer um Pornografie im engeren Sinn”: Kolis Summerer (1.v.l.) leitet das Forschungsprojekt “Vertrau mir, es ist nur für mich. Kriminalisierung des Revenge Porn” (Foto: salto.bz)

Zentraler Bestandteil des Projekts, das unter dem Titel “Vertrau mir, es ist nur für mich. Kriminalisierung des Revenge Porn” läuft und an dem auch Forscher der Universität von Cambdrige (UK), der Flinders University (Australien) und der Uni Innsbruck mitarbeiten, ist, Daten auf lokaler und nationaler Ebene zu erheben. “Um besser einschätzen zu können, wie stark die Verbreitung von Rachepornos in Italien bzw. in Südtirol und dem Trentino ist”, meint Summerer. Dabei setzt man auf die Zusammenarbeit mit der Postpolizei und dem Verein GEA – Kontaktstelle gegen Gewalt.

Ganz besonders liegt das Projekt Ulrike Tappeiner am Herzen. “Auch persönlich”, sagt die Präsidentin der Uni Bozen, “denn es geht um die Würde der Frau und schlussendlich um die Würde des Menschen”.

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Kommentare

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 12.06.2019, 14:01

"Wenn aus Vertrauen Bedrohung wird" - Warum nicht, wenn aus Naivität oder aus mangelndem Selbstschutz Bedrohung wird?
Vielleicht sollte man auch erforschen, woran es liegt, dass junge Leute - oder auch nicht mehr so junge - so leichtfertig mit privaten und intimen Bildern umgehen; sie an anonymen Personen schicken? Vielleicht muss man auch da Gegenmaßnahmen ergreifen!?

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