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Meran

Die Einsamkeit des Paul Rösch

Neun Monate nach seiner Wahl zum Meraner Bürgermeister zieht Paul Rösch ein erstes Mal Bilanz. Wie ist es dem politischen Neueinsteiger bislang ergangen?
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Wer auf Tuchfühlung mit Politikern verschiedener Lager und Ebenen gehen will, ist dieser Wochen in Meran gut bedient. Nach Landeshauptmann Arno Kompatscher im Jänner und Carlo Vettori vergangene Woche nahm am Mittwoch Abend der Meraner Bürgermeister Paul Rösch beim größten alternativen Kulturverein der Passerstadt Platz. “Macht und Ohnmacht an der Passer”, so der Titel des Abends, der von Markus Lobis moderiert wurde. Rösch war nicht zum ersten Mal zu Gast. Im Wahlkampf hatte er gemeinsam mit seinem größten Kontrahenten Gerhard Gruber im Ost West Club gesessen. Bei seinem zweiten Besuch gehört ihm die Bühne ganz alleine.

Gembremster Start

Gleich zu Beginn wird Paul Rösch gefragt, was sich seit seiner Wahl vergangenen Mai in seinem Leben verändert hat. “Mein Bauchumfang ist gewachsen, weil ich keine Zeit mehr habe, Sport zu betreiben”, die ehrliche Antwort. Nichts geändert habe sich hingegen an seiner Begeisterung und Freude für das Bürgermeisteramt. “Ich lerne jeden Tag und es ist eine riesengroße Ehre für mich”, sagt der Polit-Newcomer. Der Moment, in dem er in den ersten neun Monaten im Amt die größte Befriedigung verspürt habe, sei gewesen, als er gesehen habe, wie Meran “wie selbstverständlich” Flüchtlinge aufgenommen habe. Auch der Umgang im Gemeindehaus sei mit seinem Einzug ein anderer geworden, der Gemeinderat “ein seriöserer Ort”, in dem schon mal ein Vorschlag der Opposition angenommen wird.

Ich behalte mir meinen Humor und meine Lebensfreude.

Die Wirren um das Silvester-Feuerwerk (“mein Lieblingsthema”) und der “Kampf” um die Senkung der Hürden für die Bürgerbeteiligung kamen ebenso zur Sprache wie die kürzlich gestartete Ideensammelstelle (“Eine Art, um die Politik wieder volksnah zu gestalten”) und die Sicherheitslage in der Kurstadt (“Ich war nie für Videokameras, aber jetzt bin ich doch froh darum”). Gern und häufig spricht Rösch am Mittwoch Abend über “unsere Madeleine” und meint damit die von außen in den Stadtrat berufene Madeleine Rohrer, die das Super-Ressort Raumordnung, Verkehr und Mobilität, Naturschutz, Umwelt und Ökologie sowie Energiewesen übernommen hat. Dank Rohrer sei vieles auf den Weg gebracht worden: Ende März soll etwa der Radwegplan fertig sein, gleichzeitig arbeitet die Technikerin an Projekten zum Abbau von Barrieren im öffentlichen Raum, der gemeinsamen Nutzung von Gehwegen für Fußgänger und Radfahrer oder einem besseren Müllentsorgungssystem – allesamt Themen, die den am Mittwoch Abend anwesenden Bürgern am Herzen liegen, wie sich durch zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum herausstellt.

Lehrgeld bezahlt

Und doch haben sich dem Neo-Bürgermeister bereits die Schattenseiten seines Amtes als erster Bürger der Kurstadt gezeigt – deutlicher als ihm vielleicht lieb gewesen wäre. “Aus meinem bisherigen Berufsleben war ich immer eine gewisse Geradlinigkeit gewohnt”, erklärt Rösch, “im Touriseum ging es um Ziele und Werte”, die er in der Politik häufig vermisse. “Ich habe gewusst, dass es hart wird”, sagt er, “womit ich hingegen nie gerechnet hätte ist die große Einsamkeit.” Vor allem am Anfang seiner Amtszeit sei es sehr schwierig gewesen, Leute zu finden, denen er vertrauen konnte, erinnert sich Rösch. Auch dass es Prioritäten zu setzen gilt, was Themen und Anliegen der Bürger betrifft, habe er “erst später” gemerkt.

Allein auf der Bühne, alleingelassen im Amt? Der Meraner Bürgermeister Paul Rösch mit Moderator Markus Lobis. Foto: Sara Mostacci

Ebenso habe er den Umgang mit der Presse erst lernen müssen, für die jede seiner Schwächen und Unsicherheiten ein gefundenes Fressen darstellt. “Am Anfang war ich der Star in den Medien, dann ist es langsam abwärts gegangen. Gewisse Blätter lese ich gar nicht mehr, weil sie systematisch Sachen bringen, die einfach nicht stimmen und grausam sind”, so Rösch: “Man versucht, mich wie einen Lausbub, der aus dem Nichts gekommen ist, wieder hinunter zu drücken.” Doch mürbe machen will er sich nicht lassen, denn: “Ich habe eine solide Mauer hinter mir.” Damit meint er die Grünen. In erster Linie aber seine Liste Rösch, für die er im vergangenen Mai kandidiert hatte, “weil ich das Getue der Parteien für marode halte und ich für eine neue Art Politik zu machen, bin”. Dadurch habe er sich allerdings auch angreifbar und zum Freiwild gemacht.

Einsicht auf dem Weg zur Besserung

Und doch will er mit dem “System Durnwalder”, das seinerzeit auch in Meran Einzug gehalten habe, aufräumen. Bittgänge und Vetternwirtschaft soll es unter Paul Rösch nicht mehr geben. Doch die am Mittwoch anwesenden Meraner bittet er: “Gebt uns noch etwas Zeit.” Dann erzählt er von seinem größten Tiefschlag bisher: die Aufstockung des Thermenhotels. “Da habe ich erneut diese Einsamkeit verspürt”, gesteht Rösch. Allein gelassen habe er sich gefühlt, als es in der Landesurbanistikkommission darum ging, über die Erweiterung der Thermen abzustimmen. “Ein großer Fehler” sei seine Ja-Stimme gewesen, sagt Rösch, den er “im Stress” gemacht hätte. “Ich hätte mich enthalten sollen”, zeigt er sich einsichtig.

Die vielen kleinen Bemühungen werden von den Leuten nicht immer gesehen.

Ganz abschütteln lässt sich das “System” aus Parteien und Interessen aber nicht. Das bekommt Paul Rösch jede Woche zu spüren, wie er sagt: “In den Ausschusssitzungen ist Erpressung an der Tagesordnung, da heißt es dann ‘wehe, wenn dieses oder jenes nicht durchgeht, dann bringen wir dich zu Fall’.” Der Bürgermeister in der Geiselhaft seines Koalitionspartners? Wäre die SVP intern nicht so zerstritten, hätte sie Rösch längst gestürzt, heißt es in Meran hinter vorgehaltener Hand. Dem Bürgermeister selbst ist diese Dynamik nicht verschlossen geblieben. “Ich habe bemerkt, dass es zwei Gruppen in der SVP gibt: Eine, die mit mir zusammen arbeiten und weiter machen will, und eine, die mich zu Fall bringen will. Und das merkt man auch im Ausschuss.” Wie überlebt nun aber jemand, der von sich selbst sagt “ein Bürgermeister jenseits der Parteien” sein zu wollen, in diesem Haifischbecken? Mit Kompromissbereitschaft, antwortet Rösch. “Wäre ich der SVP nicht in einigen Sachen entgegen gekommen, hätten wir heute einen Penta hier in Meran”, sagt er in Anspielung auf den kommissarischen Verwalter von Bozen. Die Verhandlungen um den Küchlbergtunnel, auf dessen Bau die Vertreter der Meraner Volkspartei bei den Koalitionsgesprächen beharrt hatte, seien “eine der härtesten Zeiten mit der SVP gewesen”, gibt Rösch zu.

Bürgermeister sein ist eine Ehre. Man müsste eigentlich dafür zahlen.

Aufgeben kommt für ihn aber keinesfalls in Frage: “Bereits heute, wenige Monate nach meiner Wahl, finde ich mich schon viel leichter in dem Parteigeplänkel zurecht.” Angst vor Neuwahlen hat er auch nicht: “Wir werden fünf Jahre überdauern”, prophezeit er. Und fügt hinzu: “Jetzt will ich es erst recht wissen.” Denn die Menschen seien ‘stuff’ von den politischen Parteien und wünschten sich als Bürgermeister “eine normale Person, jemanden, der auch Fehler macht”. “Und die werde ich auch in Zukunft machen”, sagt Rösch voraus. Seine Art scheint bei den Meranerinnen und Meranern anzukommen: “Meran hat sich mit dem neuen Bürgermeister verändert, ist ehrlicher geworden”, “Ich verzeihe ihm, dass er in einige Fettnäpfchen getreten ist. Es braucht Zeit, die ich ihm gerne gebe”, so einige der Stimmen aus dem Publikum gegen Ende des Abends. Und bevor Rösch den Ost West Club verlässt, flüstert ihm jemand zu: “Halt die Ohren steif, Paul.”

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Kommentare

Bild des Benutzers Thomas Kobler
Die Fotos des gestrigen Abends finden Sie hier: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.948215585263786.1073741944.108622749223078&type=3 Fotografin: Sara Mostacci
Bild des Benutzers Peter Lustig
Ja das ist ein Bürgermeister den die Meraner lieben.
Bild des Benutzers Markus Lobis
Vielen Dank für den sehr gut geschriebenen Bericht vom Ostwest/Zigori-Clubabend mit Paul Rösch. Den ganzen Abend über gab es keinen Politsprech, keine taktischen Manöver. Nur viel Ehrlichkeit, klare Worte und die Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Paul Rösch ist wirklich anders. Und er wird zunehmend kämpferisch, in einer kritischen Phase seiner frischen politischen Karriere. Der Kurs scheint zu stimmen, die ersten Resultate sind zu erkennen. Rösch kann ein großer Bürgermeister werden.
Bild des Benutzers Michil Costa
Superpaul, ich mag dich. m
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