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Südtirolfoto/Helmut Rier

Aus dem Blog von Silvia Rier

So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen

Seit einem Jahr schaue ich, wenn ich Richtung Schlern blicke, auf eine kleine Apfelplantage. Das mag an und für sich keine große Nachricht sein, und also muss ich hier anmerken, dass diese kleine Apfelplantage und ich auf etwa 1.100 Metern Meereshöhe wachsen und gedeihen.
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Ich war ziemlich beeindruckt, letztes Jahr, als ich erfuhr, was man vorhatte mit der Wiese, auf der noch vor wenigen Jahren ein paar Ochsen geweidet und mich zum Fürchten gebracht hatten, nämlich dass man in größerem Maßstab Äpfel  anbauen wolle, ich glaube übrigens, es sollen sogar Bio-Äpfel werden. Da schau an, habe ich mir gedacht, die Klimaveränderung: Spätestens angesichts dieser blühenden Apfelbäumchen unter dem Schlern wird wohl niemand mehr behaupten können, dass es sie nicht gäbe. Und, so dachte ich mir weiter, sie scheint ja, die Gefürchtete, auch das eine oder andere Geschenk im Gepäck zu haben, für jene Zeitgenossen zumindest, die die Zeichen der Zeit zu deuten imstande sind und dazu den Mut haben, auszubrechen und neue Wege zu beschreiten.Die kleine Apfelplantage wurde übrigens in diesem Frühjahr erweitert – ein noch deutlicheres Zeichen, wenn wir so wollen, für die Nachhaltigkeit der Klimaveränderung, aber auch dafür, dass echte Pionierarbeit gern und oft Früchte trägt, hier sogar im wahrsten Sinne des Wortes.

Image pflegen vs. Fakten (an-)erkennen
So weit, so schön, wäre da nicht die heutige Tageszeitung, die in großer Aufmachung berichtet, die Kastelruther Touristiker sorgten sich, diese Apfelplantage könne das Image des Ortes als Skiort schädigen, sie sei gar zu prominent und nicht zu übersehen, dort, direkt am Ortseingang. Ich will hier nicht groß darauf eingehen, was unser Ort für ein Skiort ist (nämlich gar keiner (mehr), vielleicht wegen der Klimaveränderung, vielleicht auch nicht; er ist aber sehr wohl einer der schönsten Orte in einer der schönsten Gegenden des Landes und natürlich ist er Hauptort der Gemeinde seines Namens, die ein sehr großes, sehr schönes und sehr renommiertes Skigebiet ihr eigen nennen darf), sondern vielmehr darauf, wie sehr diese Begebenheit doch zeigt, was in erster Linie zählt bei uns: Nämlich das Image, also der Schein, und nicht harte Fakten, also das Sein. Die Fakten, die uns nicht passen - hier die Klimaveränderung – werden verschwiegen bis geleugnet, so lange, wie’s ein bisschen geht, und wenn’s dann gar nicht mehr geht, weil sie auch beim allerbesten Willen nicht zu übersehen sind, dann schauen wir, ob wir sie nicht vielleicht doch noch unter den Teppich kehren könnten, ein bisschen zumindest, dass sie nicht gar so sichtbar seien und ihn nicht gar so sehr trüben, den (schönen?) Schein. 

Die Ewig-Gestrigen und die Pioniere
Oh, bevor ich’s vergesse: Just jene Touristiker, die sich via TZ online über die Pionier-Arbeit (deren Risiken er ja übrigens und vermutlich ganz allein trägt) des Apfelbauern ereifern und Imageschäden für das längst vergangene „Ski“ unseres Dorfes monieren, werkeln seit Jahrzehnten daran, sich als Pioniere hervorzutun, indem sie unser Dorf mit einer weiteren Seilbahn „aufwerten“ wollen, mit einer Seilbahn, die so überflüssig ist wie ein Kropf am Hals eines Zwanzigjährigen. Wer aber jetzt meint, dass spätestens die erste Blüte der ersten Apfelplantage auf Kastelruther Hoheitsgebiet zum Anlass genommen würde, diese „Pionier“-Pläne für die gefühlt dreihundertste Skifahrer-Seilbahn im Lande endgültig und mit einem verschämten Lächeln in den untersten Schubladen der hintersten Schränke zu versenken und sich neuen, zukunftsfähigeren Plänen zu zuwenden, der hat sich getäuscht.

Nein, nicht die schiere Tatsache, dass diese Apfelplantage überhaupt existieren kann, und auch nicht ihre nachfolgende Erweiterung werden zum Anlass genommen, der spätestens damit unleugbaren Klimaveränderung ins Auge zu sehen und den Schwerpunkt der Debatte dorthin zu verlagern, wo sie ja eigentlich stattfinden müsste, nämlich über der Frage, in welcher Richtung unser aller (wintertouristische, aber nicht nur) Zukunft zu finden sein wird, wenn schon heute auf 1.100 Metern Meereshöhe Apfelbäume Früchte tragen.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Oliver H.
Die Jahresdurschnittstemparetur in Bozen um 1926 war 13,0°C. 2011 lag die Durchschnittstemperatur bei 13,5°C. In den 60ern hatten wir sogar eine Durschnittstemperatur von weitestgehend unter 12°C. Ich habe mir in Anbetracht der Klimadebatte selbst die Daten vom hydrographischen Amt zusammengesucht um mir selbst ein Bild zu machen. Die sogenannten Klimaleugner leugnen meist gar nicht eine Temperaturerhöhung, sondern stellen die Frage, ob der Mensch und das CO2 für den beobachtbaren Temperaturanstieg verantwortlich sind. Auch im Pustertal gedeihen nun Pflanzen, welche vor 20 Jahren keine Chance hatten. Vor einigen Jahren las ich in der Tageszeitung einen Bericht von einem Bozner oder Meraner, der auf seiner Dachterasse Bananen anpflanzt. Ich würde mich nicht als Leugner der Klimaerwärmung sehen, dennoch sehe ich einige Entwicklungen der Erderwärmungspolitik kritisch, z.B. die Entsorgung von HFC - 23: http://www.zeit.de/2010/34/U-CO2-Zertifikate Diese Regelung wurde aber zum Glück abgeschafft.
Bild des Benutzers Silvia Rier
ob, wie und warum sie ist oder nicht ist, wollte ich hier eigentlich nicht thematisieren, sondern vielmehr den Umstand, dass es m. E. nicht sehr zielführend ist, einfach so zu tun, als sei heute noch alles wie vor 20 oder 30 oder gar 50 Jahren, wo doch offensichtlich ist, dass sich die Rahmenbedingungen, wenn du so willst, grundlegend geändert haben. Ich kann doch wohl nicht dem Apfelbauern "die Schuld" dafür geben, dass heute auf 1100 Metern Äpfel gedeihen (und er diese Chance nutzt), wo früher skigefahren wurde??? Ist mir wohl nicht gelungen, meinen Gedanken klar auszuführen :-(
Bild des Benutzers Oliver H.
Das habe ich schon verstanden, du hast das im Artikel sehr gut zum Ausdruck gebracht. Ich wollte nur einen Aspekt einbringen, mit dem ich mich selbst vor ein paar Wochen beschäftigt habe. Ich finde die Problematik um diese Apfelplantage seltsam. Wie komme ich dazu, jemandem vorzuschreiben, was er auf seinem Grund anbaut? Jeder sollte doch das Recht haben, auf seinem Grund das anzubauen, was er will, solange er seine Mitmenschen damit nicht beeinträchtigt. Außerdem glaube ich, dass Südtirol gerade wegen dieser Heterogenität bei Touristen beliebt ist. Überspitzt ausgedrückt kann man in Südtirol noch skifahren, wenn es in den Tälern bereits blüht. Ich glaube gerade das finden viele Touristen so schön an unserem Land.
Bild des Benutzers Sebastian Felderer
Hallo Oliver, hast du gemerkt, dass die Silvia weiß was sie will. Aber da muss ich ihr beipflichten. Ihr Beitrag hat eine ganz klare Aussage und du bist schon gleich einen Schritt weiter gegangen. Der Mensch ist eben ein zielstrebiges Wesen, aber oft strebt er zuviel und zielt zuwenig! Lassen wir die Klimaerwärmung ruhig auf uns zukommen, wir werden sie sowieso nicht mehr aufhalten. Doch, dass wir uns mental und auch zukunftsorientiert auf diese einstellen und nicht so tun, als würde und müsste immer alles gleich bleiben, das ist das Gebot der Stunde und wahrscheinlich auch unsere einzige Rettung. Mach's gut, Oliver!
Bild des Benutzers no name
Na ja, Hauptsache die Klimaveränderung führt zu etwas Neuem: der Erweiterung der Apfelmonokultur. Plantagen, Betonpfosten, Hagelnetze, Chemie, Ferien auf dem Bauernhof... die Entwicklung ist vorprogrammiert, Planieren und Baggern bis dorthin wo es nicht mehr geht auch. Von einem Apfelbaum kann man nicht mehr sprechen, da wissen nur die ewig Gestrigen, wie ein echter ausschaut oder man geht nach Old Germany, da gibts sogar noch Streuobst und echte Apfelbäumchen....
Bild des Benutzers Sebastian Felderer
Genau so ist es, meine geschäßte Heid' ?? Aber ich muss sagen, diese Entwicklung hat mein Leben begleitet. Als ich 1967 nach Schlanders kam, war dort genau die Entwicklung im Gange, wo der Obstbau sich gegen Grünland behauptete, die Viehbauern arg in Bedrängnis gerieten und volle Konzentration auf den Apfelanbau einsetzte, mit allen Folgen, die du in deinem Kommentar nennst. Eigentlich schrecklich, doch dies war eben d e r Fortschritt der letzten 50 Jahre. Landschaftsveränderung, Rodungen, Monokultur, Industrialisierung der Landwirtschaft, viel Geld, viel Wohlstand. Zuviel! Heute, nach 50 Jahren geht genau dieselbe Diskussion auf der unteren Malserhaide, von Glurns bis Burgeis los und nun auch in Kastelruth. Und alles, aber wirklich alles, entscheidet allein der Auszahlungspreis für ein Kilogramm Äpfel in der Genossenschaft. Solange der höher ist als jeder andere erwirtschaftbare Hektarertrag, kann ich es keinem Bauern übel nehmen, wenn er diesem Trend nachläuft, wie ein Kalb der Mutterkuh. Dazu noch die entsprechenden Förderungen und die Bauern setzten dir die letzten Mutationen sogar auf ihrem Balkon. Den Gemüsegarten gehört sowieso schon lange mit zur Plantage, bepflanzt in Reih und Glied, versäult und vernetzt, wie sich's für eine moderne Landwirtschaft gehört. Weil das bisschen Salat kauft man im Geschäft billiger und Zeit zur Gartenarbeit hat sowieso niemand mehr. Und aufgepasst, ich habe einige Jahre noch Wildlinge, also eine intensive Art von Streuobst, abgeerntet, die Engpflanzung setzte erst in den 70er Jahren so richtig ein. Da könnte ich ein Buch darüber schreiben, doch das würde niemand lesen, wie die Beiträge bei salto. Die Bauern müssen nämlich alle Geld zählen und neue Anlagen errichten ...... damit das Gejammer noch etwas lauter wird, wenn morgen einmal der Apfelpreis sinken sollte und sich alles nicht mehr rentiert. Abwarten und Tee trinken, sagt man. Und noch was sagt man: Landwirtschaft dient allen .... oder war es ... alles dient der Landwirtschaft? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Sorry.
Bild des Benutzers Silvia Rier
aber ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht, liebe Weiss Heid: hier oben haben wir jedenfalls ganz andere Monokultur und vielleicht wär's für ihn einfacher gewesen (aber vielleicht kommt das ja noch?!) auf die UaB-Aufstockungs-Möglichkeit zu warten, denn der Hof steht und tatsächlich werden schon seit sehr vielen Jahren ein paar Wohnungen vermietet, an einem absolut einzigartigen Platz... So weit also nix mit Apfel-Monokultur, keine Rede, aber sicher, "global" bzw. auf das ganze Land gesehen, betrachtet, hast du natürlich recht. So weit hatte ich tatsächlich nicht gedacht :-( Chemie denke ich nicht, und Plantage ist vielleicht in unserem spezifischen Fall auch eher ein Wort als die Tatsache, planiert und gebaggert wurde m. W. überhaupt gar nicht hingegen planieren die Vieh-Bauern überaus eifrig!), sondern der Boden bepflanzt, so, wie er sich präsentierte, nicht, dass ich das groß beobachtet hätte, und natürlich gibt's ja kaum zwei Quadratmeter ebenen Bodens, hier oben... Ja, und über die Hagelnetze und die Betonpfosten habe ich auch nachgedacht, und, ehrlich gesagt, ich finde sie nicht ärger oder gröber als die Plastikfolie-Siloballen (nennen sich die so?!) und die ewige Jauche und Gülle in der Luft und im Grundwasser... Aber eigentlich wollte ich sagen, und - noch einmal - das ist mir wohl nicht gelungen, dass sich unsere Noch-eine-Seilbahn-Promotoren der Wirklichkeit verweigern, ist das etwa besser als ein paar Hundert Apfelbäumchen mit ein paar Hagelnetzen? Schaden die Hagelnetze und die Betonposten der Umwelt? Ich weiß es nicht, kann mich mal jemand aufklären, bitte?
Bild des Benutzers Sebastian Felderer
Da fällt mir nun ganz spontan ein: Nun weiß ich, warum bei Silvia Störungen beim salto-Empfang auftreten. Ich hatte schnell an die Umsetzer gedacht, dass vielleicht die Masten falsch plaziert wurden. Doch nun weiß ich die Ursache genau. Das sind die Betonpfähle der neuen Apfelplantage, die irritieren die umliegenden Umsetzter und deshalb die Störungen bei salto. Die Kastelruther Äpfel werden also als salto-Äpfel abgeliefert werden und bei der nächsten Obstbautagung in Terlan wird es das Gesprächsthema Nr. 1 sein. Und du Silvia wirst logischerweise die salto-Apfel-Königin, mit Krönchen, Dirndl und ganz nahe beim Luis. Das wird ein Foto werden!
Bild des Benutzers no name
Oke, hab Dich verstanden, glaub ich, Sivia. Vielleicht ist wirklich nicht klar, welches das kleinere Übel ist, ob Stroh-Plastikballen oder Apfelplantage. Die Netze sind ungut für die Vögel, auf jeden Fall, wie die Glasfassaden der modernen Klimabauten: sie zerschellen zu tausenden (die Vögel). Und wie Sebastian es schildert, kann man es niemandem übelnehmen, wenn die Kasse stimmt. Andererseits frage ich mich, warum da niemand was reglementiert, wo doch, z.B. der Wohnbau jetzt, mit den neuen Klimahausbestimmungen, zum Albtraum wird. Klimahausagentur ist ein gutes Geschäft, Artenvielfalt und Landschafts/Naturschutz nicht, oder liege ich da falsch?
Bild des Benutzers Andreas Hilpold
mein Kommentar zum Artikel findet ihr hier: http://www.salto.bz/de/article/26052013/land-der-aepfel
Bild des Benutzers Silvia Rier
ich grad auf fb entdeckt, gefällt mir sehr gut, ich mag es, wenn "in aller Offenheit" über Dinge gesprochen wird, vor allem, wenn diese Dinge alle angehen :-) Wäre vielleicht nachahmenswert, auch über den Obstbau hinaus.
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